Künstler & Werk

PROJEKT  »X« …

Stärke, Kraft und Intellekt des Werkes haben die Jury vollends überzeugt – mit Projekt »X« hat der deutsche Künstler Olaf Nicolai für den Ballhausplatz eine blaue Betonskulptur in Form eines liegenden X entworfen. Auf der obersten der drei Stufen steht in verzinkten Stahlbuchstaben die Inschrift »all alone« – ein Zitat des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay, das von oben zu lesen ist. Der Bezug zu den Verfolgten der NS-Militärjustiz und damit zum Umgang mit der Vergangenheit als auch zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure und Verfolgten der NS-Militärjustiz soll Anstoß für ein gegenwärtiges zivilgesellschaftliches Engagement geben. Genau dafür steht Olaf Nicolais prägnanter Entwurf. Seine Skulptur setzt an einem zentralen Ort der Republik ein überzeugendes kritisches künstlerisches Zeichen der Zivilcourage, das zugleich universal lesbar ist. Ein Symbol dafür, dass die Vergangenheit Herausforderung für die Gegenwart ist.

… VON OLAF NICOLAI.

1962 in Halle/Saale geboren, lebt und arbeitet Olaf Nicolai in Berlin. Von einem konzeptuellen Ansatz ausgehend, arbeitet er mit unterschiedlichsten Medien und nutzt Objekte und deren materielle Formen, um Reflexionsprozesse anzuregen. Seit 1997 enstehen unterschiedlichste interdisziplinäre Arbeiten, die häufig historische oder soziale Gegebenheiten des Ausstellungsorts mit einbeziehen. Nicolai ist seit den 90er Jahren mit zahlreichen Gruppen- oder Einzelausstellungen an fast allen wichtigen Orten des zeitgenössischen Kunstgeschehens präsent, so auf der Documenta X (1997), auf den Biennalen von Venedig 2001 und 2005. Er erhält mehrere Stipendien, darunter das der Villa Massimo in Rom (1998) und mehrere Preise, wie 2002 den Kunstpreis der Stadt Wolfsburg. 

Mehr Informationen zu Olaf Nicolai

Interview von Juliane Alton mit Olaf Nicolau zum Denkmal am Ballhausplatz (»Bevor es verwahrlost, muss man es wegräumen«), abgedruckt in: Alton, Juliane; Geldmacher, Thomas; Koch, Magnus; Metzler, Hannes (Hg.): »Verliehen für die Flucht von den Fahnen«. Das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, Wien 2016.

Publikation zum Denkmal Quelle Wallstein Verlag

Publikation zum Denkmal Quelle
Wallstein Verlag

Impressum

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Der Verein Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« ist Inhaber der Website www.deserteursdenkmal.at und für deren Inhalt verantwortlich. Sämtliche Dienstleistungen dieser Publikation, wie sie im Moment ist, werden ohne jegliche Garantien zur Verfügung gestellt.

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Danken für vielfältige Unterstützung möchte das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« folgenden Personen: Lina Bibaric, Christiane Botzet, Werner Bundschuh, Mathias Lichtenwagner, Meinrad Pichler, Lars Skowronski, Richard und Linde Wadani sowie für die besondere Unterstützung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), den Landesarchiven in Vorarlberg und im Burgenland, der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt – Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle(Saale), der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem Bundesarchiv Bern.

© Texte, Bilder, Darstellungen (wenn nicht anders vermerkt):
 Verein Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«

© Alle Texte [ausgen. Österreichische Gedenkinitiativen/Bad Eisenkappel/Železna Kapla] & Verfolgungsorte Dr. Magnus Koch

Homepage – Design, Konzept, Realisation:
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Finanzielle Unterstützung erhielt dieses Homepage- und Vermittlungsprojekt von:

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Veröffentlicht unter Allgemein

PartnerInnen

Unterstützung für die verschiedenen Vermittlungsmaßnahmen rund um das Denkmal haben bisher folgende Institutionen zugesagt:

  • Bundesministerium für Bildung und Frauen
  • Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands
  • WienBibliothek im Rathaus (Magistratsabteilung 9)
  • Verein geprüfter Wiener Fremdenführer
  • WienTourismus
  • Wiener Stadt- und Landesarchiv Wien (Magistratsabteilung 8)

Weitere Institutionen sollen in den nächsten Monaten Teil des Netzwerkes werden.

Vermittlung

Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz steht für ein Thema, das in der österreichischen Zeitgeschichte bisher kaum präsent ist. Nur wenige Bücher und Aufsätze sind in den letzten Jahrzehnten erschienen, in den Schulbüchern oder in der Erwachsenenbildung sucht man Informationen zur „Großdeutschen“ Wehrmachtsgerichtsbarkeit weiterhin vergeblich. In den folgenden Monaten werden auf dieser Seite vielfältige Angebote und Materialien zum Nachlesen und auch zum download entstehen: Für Schulen, Bildungsreisende, TouristInnen, Studierende sowie MulitiplikatorInnen.

Die Maßnahmen für die Vermittlungsarbeit rund um das Denkmal am Ballhausplatz werden unterstützt aus Mitteln

  • des Nationalfonds der Republik Österreichs für Opfer des Nationalsozialismus,
  • der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7/ Wissenschafts- und Forschungsförderung, Stipendien),
  • des Zukunftsfonds der Republik Österreich und
  • des Bundesministeriums für Bildung und Frauen.

Zitate

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»Es wird jedes Jahr Fasching proklamiert, auf dass niemand auf die Idee käme, es wäre immerfort Fasching.«

Gerhard Fritsch

»Ein Deserteur ist kein Opfer, sondern ein Täter.«

Heinz-Christian Strache, Bundesparteiobmann der FPÖ, 2005

»vater komm erzähl vom krieg/vater komm erzähl wiest eingrückt bist/vater komm erzähl wiest gschossen hast/vater komm erzähl wiest verwundt wordn bist/ vater komm erzähl wiest gfallen bist/vater komm erzähl vom krieg.«

Ernst Jandl

»alles, was ich will, ist, mich von diesem krieg nicht einspannen und als blinder untertan verheizen lassen, mag ich umkommen, aber ich will nicht als angepasster jasager mich vereinnahmen lassen. […] ich will nur eins, nicht mitgemacht haben. ich nicht, dass ich mir sagen muß, ich hätte den speichel der nazis geleckt. […] besudelt möchte ich nicht überleben.«

Otl Aicher, Bildhauer, Designer, Wehrmachtsdeserteur, 1985

»An der Front kann man sterben, als Deserteur muß man sterben!«

Adolf Hitler, 1925

»Es macht einen Unterschied, ob ich desertiere, weil ich einfach feige bin, oder ob ich desertiere, weil ich gegen das Nazi-Regime war.«

Karin Miklautsch, Bundesministerin für Justiz, 2005

»Wer den Deserteur verraten hat, hat damit auch Österreich verraten.«

Theodor Mayer-Maly, Leiter der Staatsanwaltschaft Wien, 1946

»Verweigert Krieg, Gewehr / Verweigert Waffentragen! / Ihr müsst schon etwas wagen / Verweigert ’s Militär!«

Boris Vian, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, 1954

»Auch ich war ein Deserteur!«

Otto Keimel, Präsident des Österreichischen Kameradschaftsbundes, 2002

»Desertion ist der Widerstand des kleinen Mannes. Ich schuldete die Desertion meinem Gewissen.«

Reimar Gilsenbach, Schriftsteller, Wehrmachtsdeserteur, 1998

»Wo immer sich die Möglichkeit bot, traten Österreicher einzeln und in Gruppen in die Reihen der Alliierten, um an ihrer Seite an der Befreiung des Vaterlandes mitzuwirken.«

Rot-Weiß-Rot-Buch, 1946

»Menschen, die ihre Landsleute aus feiger Angst um ihre eigene Haut an ausländische Mächte verrieten und sich in sicherer Emigration aufhielten, stehen außerhalb des Volkes und seiner Blutopfer.«

Ich hatt’ einen Kameraden (Vorgänger der Zeitschrift Die Kameradschaft), 1954

»Wir sollen uns niemals schämen, […] Wir haben jeder unseren Mann gestellt. Das kann uns niemand nehmen. Es hat keine Alternative gegeben, Kameraden. […] Wir, die wir unsere Pflicht getan haben, sind und bleiben Kameraden, die wissen, wofür und warum es gilt, wachsam zu sein, auf Posten zu stehen, jeder wo er steht.«

Ein ehemaliger Ritterkreuzträger nun honoriger republikanischer Stadtbürger in Gerhard Fritschs Roman »Fasching«

»Solange der Fasching währt, verehren wir die Lüge.«

Friedrich Schiller

»Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen. […]
Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtbeachtung
jeglichen Befehls.«

Ingeborg Bachmann

»Die Sprache der Freiheit in unserer heutigen Zeit ist der Humor, denn er setzt eine Überlegenheit auch da voraus, wo der Mensch, der sie spricht unterlegen ist.«

Friedrich Dürrenmatt

»Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat,
auf seine Mitmenschen zu schießen,
Ehre seinem Andenken!«

Kurt Tucholsky

»war völlig verwirrt und vermochte noch nicht recht zu fassen, wie er zum Helden geworden war. An einem schönen Frühlingstage kam er auf die Idee, einen Spaziergang zu machen, und so wanderte er immer der Nase nach, in der Meinung, es sei ein Vorrecht der Gattung Mensch wie der Gattung Tier, sich seiner Beine nach Belieben bedienen zu dürfen. Er hatte noch keine zwei Meilen zurückgelegt, als er von vier anderen, sechs Fuß großen Helden eingeholt, gefesselt und ins Gefängnis abgeführt wurde. Vor Gericht wurde er gefragt, was er vorzöge: sechsunddreißigmal vor dem ganzen Regiment Spießruten zu laufen oder ein Dutzend Bleikugeln auf einmal in den Schädel gejagt zu bekommen. Da hatte er nun gut reden von der Freiheit des Willens und daß er weder das eine noch das andere wolle – er mußte wählen: Und so entschloß er sich kraft der Gottesgabe, die man ‘Freiheit’ nennt, lieber sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen. Zwei von diesen Läufen hielt er aus.«

Voltaire »Candide«

»Das Widerstreben gegen den Krieg wird nicht in heroischen Akten dokumentiert, sondern in listigen Geschichten dargestellt, wie man der Autorität militärischer Institutionen ein Schnippchen schlägt. Solche Geschichte gibt es überall, und wenn man sie erst einmal zusammenzählte, bekäme man ein erstaunlich reichhaltiges Archiv der widerborstigen Vernunft.«

Michael Geyer

»Welcher ältere Bundesbürger sieht sich schon gern mit seinem schlechten Gewissen konfrontiert? Die Masse der Täter will die Verbrechen unseres Volkes vergessen, ihre Opfer können nicht vergessen. […] Das deutsche Volk, welches das Kriegsende nicht als Befreiung vom Nazismus, sondern als bedauerliche militärische Niederlage erlebte und noch heute so empfindet, wird die Wehrmachtsdeserteure auch weiterhin für die Niederlage mitverantwortlich machen. Wäre dies tatsächlich der Fall gewesen, ich wäre stolz darauf, einen solchen Beitrag geleistet zu haben […]«

Stefan Harder, Deserteur

»In jenem winzigen Bruchteil einer Sekunde, welcher der Sekunde der Entscheidung vorausgeht, verwirklicht sich die Möglichkeit der absoluten Freiheit, die der Mensch besitzt. […] Frei sind wir nur in Augenblicken. In Augenblicken die kostbar sind.«

Alfred Andersch

»Desertion aber wird zwingend, verlangt eine Führung Gehorsam, ohne Mitbestimmung zu gewähren.«

Gerhard Zwerenz

»Sechseinhalb Jahre lang (als Hitlers Soldat) auf der falschen Seite gestanden zu haben, ist, wenn man den Verzweiflungsmut hat, es sich einzugestehen, eine Erkenntnis, mit der zu leben, gar zu schreiben, nicht ganz einfach ist.«

Wolfdietrich Schnurre

»Ich fasse das Leid nicht, dass der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hineinzufühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden? Ich glaube nicht an die ‘böse’ Natur des Menschen, ich glaube, dass er das Schrecklichte tut aus Mangel an Phantasie, aus Trägheit des Herzens […] Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind.«

Ernst Toller

»Endlich habe ich den lang ersehnten Schnitt ziehen dürfen, der mich deutlich und ohne Widerruf von ihrer verhassten Sache trennt; endlich liegt der Abgrund zwischen mir und ihnen offen zu Tage.«

Justus Franz Wittkop

»Ich baue nur noch auf die Deserteure.«

André Gide

»Überall in der Welt, wo deutsche Soldaten begraben liegen, sind auch die gehenkten, die erschossenen Deserteure begraben: Bauern begruben die Geschändeten, die man schnell noch ermordete, ehe man sich absetzen mußte. Während Hitlers Reich schon Tod war, lief sein Tötungsmechanismus, der mit deutscher Gründlichkeit ausgebaut war, noch weiter. Blutige Kommandos hielten Brückenköpfe und Straßenkreuzungen besetzt und töteten, töten Deserteure, vollzogen den blutrünstigen, feigen Mechanismus, während die Kanalratte […] in Berlin der Falle hockte und nägelkauend darauf sann, noch möglichst viele mitzuziehen in den Abgrund, der ihn rief. Wo sind die Eltern, sind die Freunde, die Brüder und Schwestern dieser erschossenen Deserteure, deren Leichen man auf die Schwelle des Friedens häufte? Die Ermordeten selbst können nicht mehr sprechen, sie fielen dem Tötungsrausch zum Opfer, den das Gesetz befahl, den auszuführen Henker genug bereitstanden. Die Henker leben noch, sie überleben immer – wo aber sind die Deserteure, die ihr Leben retten konnten?«

Heinrich Böll

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Nachkrieg

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NACHKRIEG

Die über Jahrzehnte hinweg ausgebliebenen Auseinandersetzungen um die Nachgeschichte der wehrmachtgerichtlichen Spruchtätigkeit in Österreich sind vor dem Hintergrund eines komplexen Arrangements der Bewertung des Nationalsozialismus in der Zweiten Republik zu betrachten. Seit Kriegsende interpretierten die maßgeblichen politischen Eliten die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 entlang der sogenannten Opferthese. Demnach sei Österreich als Objekt einer aggressiven und auf Expansion abzielenden Politik des Deutschen Reiches zu sehen: Staat und Bevölkerung seien ohnmächtig und widerwillig »angeschlossen«, die der Wehrmacht einverleibten österreichischen Soldaten in einen brutalen Krieg gezwungen worden; sowohl gegen Nationalsozialismus als auch gegen den Krieg habe es seitens der Bevölkerung breiten Widerstand gegeben, so die Diktion.

Diese den historischen Fakten nicht entsprechende Erinnerungssäule von »Opfer und Widerstand« wurde seit Beginn des Kalten Krieges ergänzt durch eine zweite geschichtspolitische Erzählung: den »Pflichterfüllungsdiskurs«. Demnach hätten insbesondere die rund 1,3 Millionen Österreicher in der Wehrmacht ihre vaterländische Pflicht erfüllt und (heldenhaft) einen Krieg zur Verteidigung der (österreichischen) Heimat und gegen den Bolschewismus in Europa geführt.

Die Durchsetzung dieser beiden sich widersprechenden Erinnerungsnarrative erforderte spezifische Formen des Vergessens, die bald nach Gründung der Zweiten Republik vor allem zu Lasten der eigentlichen Opfer des Nationalsozialismus gingen: die aus rassis(ti)schen, politischen, religiösen und anderen Gründen Verfolgten, darunter auch jene Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“, die entlang der Opferthese eigentlich das Richtige getan hatten: nämlich, sich durch ihren Ungehorsam gegen eine gewaltsame Herrschaft zur Wehr zu setzen.

Auf den Unterseiten dieses Themenschwerpunktes wird das Tehma anhand von zwei Kapiteln behandelt:

sowie

 

Strafvollzug

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Abschreckung – Vergeltung – Erziehung

Die nationalsozialistische Führung begann unmittelbar nach ihrem Machtantritt 1933 mit Planungen für einen neuen Krieg. Die wieder eingeführte Militärjustiz sollte dabei eine wichtige Rolle spielen: als Mittel zur Erringung des künftigen Sieges. Die Wehrmachtgerichtsbarkeit hatte dabei die komplexe Aufgabe, durch harte Urteile einerseits möglichst viele Soldaten davor abzuschrecken, straffällig zu werden, andererseits durfte die Spruchpraxis der Gerichte die Truppe nicht zu sehr schwächen. Für die Erreichung beider Ziele waren Strafvollstreckung und Strafvollzug von entscheidender Bedeutung.

Fahnenflucht, »Wehrkraftzersetzung« oder »Kriegsverrat« bildeten nur einen geringen Teil der von Wehrmachtgerichten während des Krieges abgeurteilten Straftaten – auch wenn dafür die überwiegende Zahl aller Todesurteile verhängt wurde. Von den insgesamt rund drei Millionen Urteilssprüchen entfielen die meisten auf »unerlaubte Entfernung«, Ungehorsam, Diebstahl und andere kleinere Vergehen. Die Strafen hierfür bewegten sich durchschnittlich zwischen drei Monaten und einem Jahr Gefängnis; je nach Richter, »Täterpersönlichkeit« des Angeklagten, Kriegsschauplatz oder Frontsituation fielen die Urteile höher oder niedriger aus, oder sie wurden sogar disziplinarisch, also ohne Gerichtsverhandlung, erledigt.

Je länger der Krieg dauerte, desto tödlicher wurde jedoch die Gefahr, die auch kürzere Freiheitsstrafen für die Verurteilten bedeuten konnten. Die Truppenführung bereitete die Soldaten bereits in der Grundausbildung darauf vor, dass die kleinste Abweichung von der Norm härteste Formen des Strafvollzugs nach sich ziehen konnte. Abschreckung war hier oberstes Gebot. Entsprechend findet sich in den Kriegsgerichtsakten eine eigene Kategorie von Fluchtmotiven: die Furcht vor Bestrafung.

Kriegsgerichtlich verurteilte Soldaten durchliefen ein komplexes Strafsystem, gekennzeichnet von »harter Sühne«, »Bewährung« und »Erziehung«, so die zeitgenössischen Begriffe. In den unterschiedlichen Straflagern, Gefängnissen oder im Strafvollzug als Kriegseinsatz waren die Lebensbedingungen durch unerbittliche Härte gekennzeichnet: Mangelernährung, unzureichende Kleidung und medizinische Versorgung, praktisch schrankenlose Gewaltanwendung und besonders gefährliche Einsätze an den Fronten. All dies war auch Ausdruck eines NS-Menschenbildes, das ungehorsame Soldaten als »minderwertig« kategorisierte. Zugleich existierte der Gedanke der »Erziehung«, der den bestraften Soldaten im Falle einer »Bewährung« die Aussicht auf Rückkehr in die »völkische Wehrgemeinschaft« verhieß. Die Chancen dafür standen aufgrund der furchtbaren Behandlung allerdings schlecht. Wie viele Soldaten in diesem Strafsystem umkamen, ist nicht bekannt; jedoch zählen auch diese Opfer nach Zehntausenden.

 

Wehrmachtgefängnisse und andere Haftanstalten

In den unterschiedlichen Militärhaftanstalten versuchte die militärische Führung, »unerziehbare« von »besserungsfähigen« Soldaten zu trennen und letztere für die reguläre Truppe zurückzugewinnen. Vor allem seit Beginn des verlustreichen Krieges gegen die Sowjetunion verlagerte sich der Strafvollzug von den Gefängnissen im Hinterland an die Front. Die Soldaten sollten unter verschärften Bedingungen Gelegenheit erhalten, sich vor dem Feind zu »bewähren«. Zentrale Drehscheibe des Systems der Frontbewährung war das Wehrmachtgefängnis Fort Zinna im sächsischen Torgau. Hier waren während des Krieges zwischen 60.000 und 70.000 Gefangene interniert, hier wurden Häftlinge auf ihre »Eignung für die Bewährungstruppe« überprüft und nach einer brutalen Aussonderungspraxis Bewährungs- und Feldstrafeinheiten zugewiesen, oder »unverbesserliche Wehrmachtschädlinge« an Konzentrationslager überstellt. Wien war einer der wichtigsten Truppenstandorte im Reichsgebiet. Es gab hier gleich mehrere sogenannte Wehrmachtuntersuchungsgefängnisse, in denen Soldaten ihre Strafe verbüßten, auf ihre Verfahren, die Urteilsvollstreckung oder auf einen Weitertransport zu anderen Haftorten warteten. Der Strafvollzug in der »Ostmark« ist noch unerforscht.

 

Dokumente zu Wehrmachtgefängnisse und andere Haftanstalten

Wehrmachtgefängnis Torgau/Fort Zinna (sternförmiger Festungsbau in der Bildmitte), Ausschnitt einer US-amerikanischen Luftaufnahme, 18. April 1945.Quelle: Archiv DIZ Torgau, Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dresden

Wehrmachtgefängnis Torgau/Fort Zinna (sternförmiger Festungsbau in der Bildmitte), Ausschnitt einer US-amerikanischen Luftaufnahme, 18. April 1945.Quelle: Archiv DIZ Torgau, Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dresden

Links im Bild sind die Seydlitz- sowie die Ziethenkaserne zu erkennen. Letztere war von August 1943 bis April 1945 Sitz des Reichskriegsgerichts, des höchsten Militärgerichts der Wehrmacht.

 

Fallbeispiel Wien: Das Wehrmachtuntersuchungsgefängnis X (Favoriten)

Haftbedingungen: O-Ton Theresa Piniarska über Militärstrafgefangene im Wehrmachtgefängnis Glatz

Quelle: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

 

Die Emslandlager

Zwischen 1933 und 1938 ließ das NS-Regime im Emsland, im äußersten Nordwesten des Reiches, 15 Lager errichten, in denen Häftlinge und Kriegsgefangene aus ganz Europa festgehalten wurden. Seit Kriegsbeginn internierte das Reichsjustizministerium in den sechs nördlichen Lagern vermehrt ehemalige deutsche Soldaten. Sie waren für »wehrunwürdig« erklärt und aus der Wehrmacht ausgeschlossen worden. Sie galten als »verwahrt«, das heißt, die dort verbrachte Haftdauer wurde nicht auf die eigentliche Strafzeit angerechnet; diese sollte erst nach Kriegsende beginnen. Insgesamt saßen in den Lagern Esterwegen, Brual-Rhede, Börgermoor, Aschendorfermoor, Walchum und Neusustrum zwischen 25.000 und 30.000 kriegsgerichtlich Verurteilte ein. Mindestens 780 von ihnen starben hier während des Krieges an Hunger, Krankheiten und Misshandlung, wurden »auf der Flucht erschossen« oder hingerichtet. Die Wehrmachtjustiz überstellte 5.000 bis 6.000 Häftlinge in das Torgauer Wehrmachtgefängnis Fort Zinna, wo über ihren weiteren Weg durch den Strafvollzug entschieden wurde.

 

Dokumente zu Die Emslandlager

Ansicht des Strafgefangenenlagers Esterwegen, undatiert. Quelle: Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg

Ansicht des Strafgefangenenlagers Esterwegen, undatiert. Quelle: Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg

Bei den Häftlingen handelte es sich vor allem um Gefangene, die Strafen wegen »Fahnenflucht« oder »Wehrkraftzersetzung« verbüßten. Die Haftbedingungen waren geprägt von mörderischer Arbeit im Moor, unzureichender Ernährung und Bekleidung sowie Demütigungen und Misshandlungen seitens der Wachmannschaften.

 

Aushebung eines Grabens, von der Lagerleitung offiziell genehmigtes Foto, 1937.  Quelle: Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg

Aushebung eines Grabens, von der Lagerleitung offiziell genehmigtes Foto, 1937.
Quelle: Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager, Papenburg

Gemeinsam mit anderen Häftlingen verrichteten ehemalige Soldaten schwerste Arbeiten zur Kultivierung des Moorbodens. Der Lageralltag war geprägt von Hunger, Gewalt und Tod.

Haftbedingungen: Ausschnitt Filminterview mit Daniel Holzer über seine Haft im Lager Börgermoor (Timecode: ab 4:51 Min).

Haftbedingungen: O-Ton des Deserteurs und Straflagerhäftlings Horst Schluckner in Esterwegen, Emsland.

Quelle: Fietje Ausländer (Hg.): Verräter oder Vorbilder, Bremen 1990, S. 14-40; ursprünglich abgedruckt in, Horst Schluckner: »Überlebende«, Berlin (Ost) 1956.

Das Moorsoldatenlied (Text: Johann Esser, Wolfgang Langhoff; Musik: Rudi Goguel).

Quelle: Youtube

 

Hinrichtungsstätten

Die meisten Todesurteile ließ die Wehrmachtjustiz gegen Deserteure und »Wehrkraftzersetzer« vollstrecken, in der Regel durch Erschießen. Im Verlauf des Krieges überstellten die deutschen Militärgerichte zum Tode verurteilte Soldaten außerdem in die Richtstätten der Reichsjustizverwaltung. Dabei handelte es sich in der Regel um Zuchthäuser. Dort wurden die meisten Verurteilten geköpft, einige auch erhängt. Diese Hinrichtungsarten galten als besonders »entehrend«. Die Henker des Reichsjustizministeriums töteten während des Krieges zwischen 1.500 und 2.000 kriegsgerichtlich verurteilte Wehrmachtsangehörige. Nicht zu ermitteln ist die Zahl der Opfer von Standgerichten in der Endphase des Krieges; dies gilt ebenso für die Soldaten und Zivilisten, die in den letzten Monaten vor der Kapitulation ohne jedes Verfahren erschossen oder gehängt wurden.

 

Dokumente zu Hinrichtungsstätten

Hinrichtungsstätte im nördlichen Wallgraben des Wehrmachtgefängnisses Torgau/Fort Zinna, aufgenommen von alliierten Soldaten, April 1945.  Quelle: Archiv DIZ Torgau, Stiftung Sächsische Gedenkstätten

Hinrichtungsstätte im nördlichen Wallgraben des Wehrmachtgefängnisses Torgau/Fort Zinna, aufgenommen von alliierten Soldaten, April 1945.
Quelle: Archiv DIZ Torgau, Stiftung Sächsische Gedenkstätten

Hier und an mehreren anderen Orten rund um die Festungsanlagen ließ die Wehrmachtjustiz mindestens 197 kriegsgerichtlich verurteilte Häftlinge töten.

 

Aufnahme des von der Gestapo gehängten Hauptmanns der Wehrmacht Alfred Huth (1918-1945), April 1945. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

Aufnahme des von der Gestapo gehängten Hauptmanns der Wehrmacht Alfred Huth (1918-1945), April 1945. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

Huth war Teil eines Wiener Widerstandsnetzwerks. Am 6. April wurde er verhaftet, von einem Wehrmachtgericht zunächst freigesprochen, allerdings wenig später durch ein SS-Standgericht zum Tode verurteilt und am 8. April am Floridsdorfer Spitz in Wien öffentlich erhängt.

Näheres zum Widerstandskreis um die Wehrmachtsoffiziere Karl Biedermann, Alfred Huth u.a.

 

Guillotine im Wiener Landesgericht, undatiert. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

Guillotine im Wiener Landesgericht, undatiert. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

In den Hafträumen im Landesgerichts waren ab 1938 auch Soldaten interniert. Seit 1943 wurden hier militärgerichtlich Verurteilte getötet. Dabei handelte es sich zumeist um solche Personen, die politische Delikte begangen hatten (»Wehrkraftzersetzung«, »Kriegsverrat« usw.). Exekutionen fanden durch Erhängen und das Fallbeil statt. Ein 1951 eingerichteter Gedenkraum nennt auch die Namen zwanzig hingerichteter Wehrmachtsangehöriger.

 

Militärschießplatz Wien-Kagran (heute Donaupark), undatiert. Quelle: Bezirksmuseum Donaustadt

Militärschießplatz Wien-Kagran (heute Donaupark), undatiert. Quelle: Bezirksmuseum Donaustadt

Hier wurden zwischen 1940 und 1945 mindestens 129 Menschen zumeist nach militärgerichtlichen Urteilen erschossen. Am 5. November 1984 weihte die Stadt Wien und das Ministerium für Landesverteidigung ein Erinnerungszeichen für die Erschossenen ein. Seit 2002 veranstaltet das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« hier alljährlich am 26. Oktober eine Gedenkfeier.

 

Hinrichtungsprotokoll, 7. Februar 1945 (zwei Blätter). Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik

Hinrichtungsprotokoll, 7. Februar 1945 (zwei Blätter).
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik

Protokoll der Hinrichtung von 14 »Wehrkraftzersetzern« durch das Gericht der Division 177 in Wien-Kagran, 7. Februar 1945.

 

 

Bewährungseinheiten 500

In der sogenannten Bewährungstruppe 500 kämpften seit April 1941 wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten an »besonders gefährlichen Abschnitten der Front«, wo sie sich durch »außergewöhnliche Tapferkeit« bewähren sollten. Gelang dies, wurde ihnen Strafmilderung oder sogar Straferlass in Aussicht gestellt; ansonsten drohte die Vollstreckung der ursprünglich verhängten Strafen. Bei den 500er-Bataillonen dienten während des Krieges rund 27.000 »Bewährungsmänner«, überwacht und befehligt durch besonders ausgesuchte Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der regulären Truppe. Fachlich qualifiziertes Führungspersonal auf der einen Seite, Bewährungsdruck und zum Teil vorhandener »Bewährungswille« auf der anderen Seite machten die Bataillone zu kampfstarken Einheiten. Doch auch die Verluste waren außerordentlich hoch. Nach durchschnittlich sechs Monaten war ein Bataillon von gut 1.000 Mann »aufgerieben«, d.h. seine Männer gefallen, vermisst oder verwundet. Die Existenz von Bewährungsbataillonen sollte die gehorsamen Soldaten von jeder Form der Verweigerung abschrecken.

 

Dokumente zu Bewährungseinheiten 500

Leichenbergung in Kamenka-Wald, nordwestlich von Smolensk, Frühjahr 1942. Quelle: Fritz Kammerer: »Pilzdivision im Einsatz«, Infanterie Division Oberrhein, Frankreich, Rußland, Müllheim 1969

Leichenbergung in Kamenka-Wald, nordwestlich von Smolensk, Frühjahr 1942.
Quelle: Fritz Kammerer: »Pilzdivision im Einsatz«, Infanterie Division Oberrhein, Frankreich, Rußland, Müllheim 1969

Ein ehemaliger Regimentskommandeur veröffentlichte die Aufnahmen gefallener Strafsoldaten in einer Erinnerungsschrift. Er berichtet darin von verheerenden Verlusten bei der Bewährungstruppe 500.

 

Auszug aus einer Verlustliste der 2. Kompanie des Bataillons 550 »zur besonderen Verwendung«, März bis Mai 1942 (Familiennamen geschwärzt).  Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Auszug aus einer Verlustliste der 2. Kompanie des Bataillons 550 »zur besonderen Verwendung«, März bis Mai 1942 (Familiennamen geschwärzt).
Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Die Aufstellung verdeutlicht die enormen Verluste des Bataillons in den Kämpfen in der Gegend von Smolensk. Alle im Dokument aufgeführten Soldaten starben am 22. März 1942 als das Bataillon an einem Tag die Hälfte seiner »Gefechtsstärke« verlor.

 

 

Die Bewährungstruppe 999

Die Strafeinheit 999 wurde in der Regel aus Männern gebildet, die zuvor keinen Wehrdienst geleistet hatten, weil sie als »wehrunwürdig« galten – vor allem Zivilisten, Gefängnis-, Zuchthaus- und KZ-Häftlinge. Zu Beginn des vierten Kriegsjahres benötigte die Wehrmacht allerdings jeden verfügbaren Mann. Auch den Eingezogenen der Bewährungstruppe 999 stellte die Wehrmachtführung in Aussicht, durch »vorbildlich tapferen Einsatz als Soldaten vor dem Feinde den Schandfleck auf ihrer Ehre zu tilgen und dadurch wieder vollwertige Soldaten und Staatsbürger zu werden«. Auch hier drohten bei Nichtbewährung die Rückführung in den Strafvollzug ohne Strafzeitanrechnung für die Dauer des Krieges oder eine Einweisung in ein Konzentrationslager. Knapp ein Drittel der rund 28.000 Bewährungssoldaten der 999er bestand aus »Politischen«, zumeist Kommunisten oder Sozialdemokraten; die anderen waren als »Kriminelle« eingestuft. Die Einheiten dienten vor allem in Afrika und auf dem Balkan. Gerade von den »politischen« Bewährungssoldaten liefen einige Hundert über und leisteten Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft.

 

 Dokumente zu Die Bewährungstruppe 999

Vereidigung von 999ern auf dem Truppenübungsplatz Heuberg, Frühjahr 1943:  Quelle: Privatarchiv Klausch, Oldenburg

Vereidigung von 999ern auf dem Truppenübungsplatz Heuberg, Frühjahr 1943:
Quelle: Privatarchiv Klausch, Oldenburg

Die Zeremonie fand in »besonders feierlicher Form« statt. Den Bewährungssoldaten sollte verdeutlicht werden, dass ihnen »vom Führer in hochherziger Weise die einmalige Gelegenheit gegeben würde«, durch »mutigen Einsatz vor dem Feinde […] ihre Ehre wiederherzustellen«.

 

Die Feldstrafeinheiten

In Feldstrafgefangenen-Abteilungen und Feldstraflagern herrschten die härtesten Haftbedingungen. Wer seit Frühjahr 1942 zu mehr als drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, den überstellten die Wehrmachtgerichte häufig nicht mehr an ortsfeste Haftanstalten, sondern an die mobilen Feldstrafgefangenen-Abteilungen. Den Dienst leisteten die Gefangenen in der Regel unbewaffnet, bei unzureichender Ernährung und schärfstem Drill, meist an der Ostfront. Der Alltag war geprägt durch »härteste Arbeiten unter gefahrvollen Umständen«, Bunker- und Stellungsbau, Minenräumen sowie die Bergung von Leichen. Insgesamt waren über 50.000 Soldaten zum Dienst in diesen Einheiten gezwungen. In Feldstraflager überstellten die Gerichte solche Soldaten, die sie zu »unverbesserlichen Wehrmachtschädlingen« oder »Trägern wehrfeindlichen Geistes« erklärt, oder die sich in den Feldstrafgefangenen-Abteilungen nicht »gebessert« hatten. In den Feldstraflagern sollten die Bedingungen noch härter sein. 4.000 bis 5.000 Soldaten haben diese zwischen Mai 1942 und Kriegsende durchlaufen; über ihr genaues Schicksal ist aufgrund der schlechten Quellenlage wenig bekannt.

 

Dokumente zu Die Feldstrafeinheiten

Farb-Dia mit der Beschriftung: »Sträflinge bei Pietarsaari«, vermutlich 1942:  Quelle: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Farb-Dia mit der Beschriftung: »Sträflinge bei Pietarsaari«, vermutlich 1942:
Quelle: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Ab Juni 1942 wurden die bis dahin eingerichteten Feldstraflager I und II mit Schiffen nach Jakobstaad/Pietarsaari (Finnland) verlegt. Die Transporte umfassten etwa 1.200 Straflagerverwahrte. Sie wurden zum Bau militärischer Küstenbefestigungen, später auch zur Instandhaltung von Nachschubverbindungen eingesetzt. Nur wenige der Häftlinge überlebten diese Einsätze.

 

Meldung über den Tod des Strafgefangenen Kurt Müller, 7. März 1943:  Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Meldung über den Tod des Strafgefangenen Kurt Müller, 7. März 1943:
Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Die angegebene Todesursache zeigt deutlich, wie sehr die Feldstrafgefangenen unter Hunger gelitten haben.

 

Meldung über den Tod des Straflagerverwahrten Wilhelm Schrömbges, 3. November 1942:  Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Meldung über den Tod des Straflagerverwahrten Wilhelm Schrömbges, 3. November 1942:
Quelle: Deutsche Dienststelle (WASt), Berlin

Der Vordruck sieht die regelmäßig wiederkehrende Todesursache »Erschießung auf der Flucht« vor (hier erkennbar daran, dass der vorgedruckte Text mit schwarzem Stift durchgestrichen wurde). Die im Falle Wilhelm Schrömbges angegebene Todesursache findet sich ebenfalls häufig und zeugt von Hunger und gnadenloser Ausbeutung der Arbeitskraft der Straflagerverwahrten.

Haftbedingungen: Feldstrafgefangenenabteilung XVII: O-Ton Karl Baumann über Militärstrafgefangene an der Ostfront, 1943 (Audio-File).

Quelle: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Haftbedingungen Feldstrafgefangenenabteilung XVII: O-Ton Karl Baumann über Militärstrafgefangene an der Ostfront, 1942 (Audio-File).

Quelle: Robert Stein: Vom Wehrmachtstraflager zur Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 2, Heft 4 (1987)

 

Wege der Strafvollstreckung: Fallbeispiele

Tod im Konzentrationslager

Karl Rupitsch (1910-1944)

Der aus Goldegg im Salzburger Land stammende Landwirt Karl Rupitsch war zunächst wegen einer Knieverletzung vom Wehrdienst zurückgestellt worden, bevor er 1943 erneut einen Einberufungsbescheid bekam. Als Regimegegner leistete er diesem keine Folge und versteckte sich seit dem Winter 1943/1944 bei Freunden auf umliegenden Bauernhöfen und Almen. Nachdem weitere Soldaten aus der Region im vorletzten Kriegsjahr nicht mehr zu ihren Einheiten zurückkehrten, beschloss die NS-Führung die fahnenflüchtigen Soldaten mittels einer Großrazzia zu ergreifen. Rund 1.000 SS-Soldaten und 60 Gestapobeamte durchkämmten am 2. Juli 1944 das Gebiet um Goldegg und verhafteten neben Karl Rupitsch weitere rund 50 Personen, die eine Gruppe von sechs Deserteuren unterstützt hatten. Drei Personen wurden bei der Razzia getötet, drei der Deserteure entkamen, zwei von ihnen wurden später verhaftet und nur einer überlebte den Krieg in einem entlegenen Tal. Karl Rupitsch und mit ihm viele andere wurden in Zuchthäuser und Konzentrationslager verschleppt. Er selbst wurde am 28. Oktober 1944 gemeinsam mit dreien seiner Freunde im KZ Mauthausen ermordet. Nachdem Angehörige bereits kurz nach Kriegsende ein Erinnerungszeichen für ihre zwei getöteten Söhne in der Nähe des Böndlsees anbrachten, dauerte es bis zum 8. August 2014 bis ein Gedenkstein für die Opfer errichtete werden konnte. Er steht auf dem Gelände des Regenerationszentrums in Goldegg. Die Initiative dazu ging von Brigitte Höfert aus, der Tochter Karl Rupitschs.

 

Dokumente zur Fallgeschichte Karl Rupitsch

Die Familie Rupitsch vor ihrem Bauernhof Pauss in Mühlbach am Hochkönig, Winter 1935.  Quelle: privat

Die Familie Rupitsch vor ihrem Bauernhof Pauss in Mühlbach am Hochkönig, Winter 1935.
Quelle: privat

Von rechts: Karl Rupitsch (mit Kuh), Karls Vater Johann Rupitsch, Hiasi, der Ziehsohn der Familie, Karls Mutter Anna Rupitsch und das uneheliche Kind Engelbert Portenkirchner

 

Karl Rupitsch mit seiner Tochter Brigitte, 1943.  Quelle: privat

Karl Rupitsch mit seiner Tochter Brigitte, 1943.
Quelle: privat

Partezettel für Karl Rupitsch, 1945.  Quelle: privat

Partezettel für Karl Rupitsch, 1945.
Quelle: privat

Auszug aus dem Mauthausener Totenbuch.  Quelle: privat

Auszug aus dem Mauthausener Totenbuch.
Quelle: privat

Der Name befindet sich in der vierten Zeile von oben (hier falsch geschrieben). Karl Rupitsch wurde am 28. Oktober 1944 »auf Befehl des R[eich]-F[ührers]-SS erhängt«.

 

 

Adalbert von Springer (1896-1943)

Enthauptung im Zuchthaus Halle/Saale

Am 7. Juli 1943 verurteilte der 2. Senat des Reichskriegsgerichts den Stabsarzt der Reserve Dr. Adalbert von Springer zum Tode. Ihm wurde unter anderem »Kriegsverrat« und »Wehrkraftzersetzung« vorgeworfen. Reichskriegsgerichtsrat Werner Lueben stellte im Urteil fest, von Springer habe die »Sicherheit des Reiches« gefährdet.

Nach seinem Abitur 1914 begann der 1896 in Galizien geborene von Springer in Wien ein Medizinstudium und meldete sich ein Jahr später freiwillig zum Kriegsdienst in der österreichischen Armee. Nach dem Ersten Weltkrieg schloss er sein Studium ab und ließ sich in Wien als Facharzt für Frauenheilkunde nieder. Kurz vor Kriegsbeginn wurde er zur Wehrmacht eingezogen. 1943 verhaftete ihn die Geheime Staatspolizei (Gestapo), da er für die verbotene Kommunistische Partei Österreichs Flugblätter gegen das NS-Regime und gegen den Krieg verfasst hatte.

An Adalbert von Springer wurde das Todesurteil am 17. September 1943 in Halle/Saale durch Enthaupten vollstreckt. Diese Hinrichtungsart in einem Zuchthaus des Reichsjustizministeriums wählten die NS-Gerichte in der Regel für Verurteilte, die (angeblich) Kriegs- oder Landesverrat begangen hatten. Als »Kriegsverrat« galt ein Landesverrat, der »im Felde«, also von Angehörigen der Wehrmacht während des Krieges, begangen wurde.

 

Dokumente zur Fallgeschichte Adalbert von Springer

Portraitaufnahme Adalbert von Springers, undatiert.  Quelle:Privatarchiv Hofrat Dr. Kurt Seidl, Wien

Portraitaufnahme Adalbert von Springers, undatiert.
Quelle:Privatarchiv Hofrat Dr. Kurt Seidl, Wien

 

Feldurteil, 7. Juli 1943 (Auszüge, drei Blätter).  Quelle: Vojensky Historicky Archiv, Prag

Feldurteil, 7. Juli 1943 (Auszüge, drei Blätter).
Quelle: Vojensky Historicky Archiv, Prag

Der Stabsarzt Adalbert von Springer engagierte sich politisch aktiv gegen den Nationalsozialismus. Laut Urteil war er in den 1920er und 1930er Jahren Mitglied der sozialdemokratischen Partei Österreichs und zahlte außerdem Beiträge an die »Rote Hilfe«, eine Organisation der damals illegalen Kommunistischen Partei Österreichs. Das Todesurteil zitiert vier Flugblätter, die von Springer zugeschrieben werden; darin werden das NS-Regime und der von diesem begonnene Krieg scharf verurteilt.

 

Abschrift Totenschein, ausgestellt von der Stadt Halle/Saale, 18. September 1943.  Quelle: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands

Abschrift Totenschein, ausgestellt von der Stadt Halle/Saale, 18. September 1943.
Quelle: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands

Adalbert von Springer starb am 17. September um 17 Uhr.

 

Verleihungsurkunde für das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs, 29. Dezember 2006.  Quelle: Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Verleihungsurkunde für das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs, 29. Dezember 2006.
Quelle: Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

62 Jahre nach dem Todesurteil ehrte die Republik Österreich Adalbert von Springer für sein mutiges Eintreten gegen den NS-Terror. Es dauerte noch bis zum Jahr 2009 bis alle Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz pauschal aufgehoben wurden.

Weiterführend:

Bericht von Otto Langels in Deutschlandradio Kultur über “Deserteure, ‘Wehrkraftzersetzer’ und ‘Kriegsverräter'”, 20. August 2008

Wikipedia-Eintrag zu Adalbert von Springer

Artikel von Wolfram Wette (“Die Verratenen) in Die Zeit, 24. April 2008

 

Johann Zöhrer (1923-1997)

 Fahnenflucht aus Angst vor Bestrafung und einem mörderischen Strafvollzug

Im Juli 1944 verließ der Unteroffiziersanwärter Johann Zöhrer seine Einheit, die zu dieser Zeit im Norden Finnlands stationiert war. Der 1923 in einem Dorf bei Deutschlandlandsberg in der Steiermark geborene Arbeiter fürchtete eine Anklage wegen eines Kameradendiebstahls; der brutale Vollzug solcher Strafen, die in der Regel mit mehreren Monaten Gefängnis geahndet wurden, flößte Zöhrer solche Furcht ein, dass er lieber ein für Fahnenflucht drohendes Todesurteil in Kauf nahm. Er plante, sich über die nahe gelegene Grenze ins neutrale Schweden abzusetzen, wurde jedoch vier Tage nach seiner Entziehung im grenznahen Tornio aufgegriffen und verhaftet. Das Gericht sah es in der Verhandlung vom 2. August zwar als erwiesen an, dass Zöhrer desertiert war, verhängte die sonst übliche Todesstrafe jedoch nicht. Oberstabsrichter Müller vom Gericht der 2. Gebirgsjägerdivision hielt dem Angeklagten zugute, er habe nicht aus Furcht vor persönlicher Gefahr und auch nicht aus »wehrfeindlicher Gesinnung« gehandelt. Zöhrer könne »in einem scharfen Strafvollzug ohne weiteres noch zu einem brauchbaren Soldaten erzogen werden«.  Der Oberbefehlshaber der 20. Gebirgsarmee verfügte, dass die im Kontext mit der Zuchthausstrafe ausgesprochene Aberkennung der Wehrwürdigkeit aufgehoben und Zöhrer die Möglichkeit gegeben werde, sich in einer Feldstrafgefangenenabteilung zu »bewähren«. Johann Zöhrer konnte den Krieg überleben und starb 1997 in Deutschlandsberg.

 

Dokumente zur Fallgeschichte Johann Zöhrer

Feldurteil gegen Johann Zöhrer, 2. August 1944 (Auszug).  Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

Feldurteil gegen Johann Zöhrer, 2. August 1944 (Auszug).
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

 

Verfügung des Oberbefehlshabers der 20. Gebirgsarmee, Generaloberst Rendulic, 14. August 1944.  Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

Verfügung des Oberbefehlshabers der 20. Gebirgsarmee, Generaloberst Rendulic, 14. August 1944.
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

 

Mitteilung an die Wehrmachthaftanstalt Svanvik, 8. September 1944.  Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

Mitteilung an die Wehrmachthaftanstalt Svanvik, 8. September 1944.
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

Wie zu dieser Phase des Krieges üblich, sollten Gefängnis- oder Zuchthausstrafen nicht in festen Hafteinrichtungen vollstreckt werden, sondern in den mobilen Strafeinheiten der Wehrmacht, hier eine Feldstrafgefangenenabteilung. Über den weiteren Weg durch die Haft Johann Zöhrers ist nichts weiter bekannt.

 

Meldung der Wehrmachtgefangenenabteilung Bernau bei Berlin, 13. Oktober 1944.  Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

Meldung der Wehrmachtgefangenenabteilung Bernau bei Berlin, 13. Oktober 1944.
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/ Archiv der Republik

 

 

Franz Mattersberger (1913-1943)

Dem Verfahren ausgeliefert

Eine regelrechte Odyssee durch verschiedene militärische und zivile Hafteinrichtungen durchlief der u.a. wegen Fahnenflucht angeklagte Tiroler Franz Mattersberger. Der 29-jährige Soldat verbüßte im Herbst 1942 eine Strafe in einer Wehrmachtgefangenen-Abteilung in Vorarlberg. Vermutlich aus Heimweh floh er von dort und schlug sich zu seiner Familie nach Osttirol durch. Unterwegs beging er einen Einbruchdiebstahl, um an zivile Kleidung, Lebensmittel und Geld zu gelangen. In Lienz wurde er festgenommen. Innerhalb weniger Monate fanden drei Prozesse gegen ihn statt. Zweimal verhängten die Richter langjährige Zuchthausstrafen; die Urteile wurden jedoch nicht bestätigt. Im dritten Verfahren lautete das Urteil auf Tod. Franz Mattersberger starb im Mai 1943 unter dem Fallbeil des Zuchthauses Brandenburg-Görden.

 

 Dokumente zur Fallgeschichte Franz Mattersberger

Vernehmungsprotokoll, 10. November 1942.  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Vernehmungsprotokoll, 10. November 1942.
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Franz Mattersberger war es nach seiner Festnahme zweimal gelungen, aus der Haft zu fliehen. Nach der Überstellung in das Wehrmachtgefängnis Freiburg denunzierte ihn ein Mithäftling weil er ständig NS-kritische »politische Gespräche« geführt habe.

 

Feldurteil, 7. Januar 1943 (Auszug).  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Feldurteil, 7. Januar 1943 (Auszug).
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Nachdem ihn das Gericht der »Wehrmachtkommandantur Befestigungen Oberrhein« wegen Fahnenflucht und schweren Diebstahls zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt hatte, ordnete es seine Einweisung in eine »Heil- und Pflegeanstalt« an. Das Gericht sah es aufgrund eines ärztlichen Gutachtens und des Auftretens von Franz Mattersberger während des Prozesses als erwiesen an, dass er »infolge Schwachsinns mittleren Grades« in seiner Zurechnungsfähigkeit erheblich beschränkt sei.

 

Rechtsgutachten, 21. Januar 1943.  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Rechtsgutachten, 21. Januar 1943.
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Kriegsgerichtsrat Leidig schien »im Hinblick auf die durchaus asoziale Persönlichkeit des Angeklagten« die Todesstrafe geboten. Er empfahl dem Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm, bei dem die letzte Entscheidung lag, das Urteil aufzuheben. Fromm folgte der Empfehlung.

 

Telegramm, 10. April 1943.  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Telegramm, 10. April 1943.
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Nach Aufhebung des Urteils verhandelte das Gericht in anderer Zusammensetzung am 11. Februar 1943 ein zweites Mal. Die vom Befehlshaber des Ersatzheeres geforderte Todesstrafe verhängte es jedoch nicht. Daraufhin überstellte das Gericht in Baden Baden Mattersberger in das Berliner Wehrmachtgefängnis in der Lehrterstraße. Dort wartete er auf ein drittes Verfahren.

 

Feldurteil, 4. Mai 1943 (Auszug).  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Feldurteil, 4. Mai 1943 (Auszug).
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Im dritten Verfahren rechnete das Gericht der Wehrmachtkommandantur Berlin Franz Mattersberger seine (angeblich) verminderte Zurechnungsfähigkeit nun nicht mehr als Strafmilderungsgrund an, sondern umgekehrt als zusätzliches Belastungsmoment.

 

Vollstreckungsprotokoll, 1. Juni 1943 (zwei Blätter).  Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Vollstreckungsprotokoll, 1. Juni 1943 (zwei Blätter).
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Franz Mattersbergers letzter Wunsch lautete: »Ich möchte noch etwas zu rauchen haben.« Dem Protokoll zufolge betrat er »ohne Widerstreben« die Richtstätte. Seine Haltung war »gefestigt«. Die Gefängnisbeamten maßen sieben Sekunden zwischen der Übergabe an den Scharfrichter und der Vollstreckung auf dem Schaffott. Der Leichnam von Franz Mattersberger wurde, wie es häufig gehandhabt wurde, dem Anatomisch-Biologischen Institut der Berliner Universität übergeben.

 

 

Franz Scheider (1913-1944)

“Kriegsverrat” und Hinrichtung bei der Bewährungstruppe 999

Der Maschineningenieur Franz Scheider gehörte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 zum kommunistischen Untergrund in München. Drei Jahre lang wurde er deshalb im Konzentrationslager Dachau und in Zuchthäusern festgehalten. Er galt fortan als »wehrunwürdig«. Ab 1942 musste er in der sogenannten Bewährungstruppe 999 dienen. Als Besatzungssoldat in Griechenland gehörte er zu einer Widerstandsgruppe, die Kontakt zu dortigen Partisanen aufbaute. Nach der Denunziation durch einen Kameraden wurde Franz Scheider wegen »Kriegsverrats« zum Tode verurteilt und im Juni 1944 hingerichtet.

 

Dokumente zur Fallgeschichte Franz Scheider

Franz Scheider mit seiner Jugendfreundin und späteren Ehefrau Dora, geb. Ettmeier, undatiert.  Quelle: Privatarchiv Hans-Peter Klausch

Franz Scheider mit seiner Jugendfreundin und späteren Ehefrau Dora, geb. Ettmeier, undatiert.
Quelle: Privatarchiv Hans-Peter Klausch

Das Paar heiratete 1939. Auch Dora Scheider hatte bis 1933 dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands angehört. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, organisierte Franz Scheider u.a. den illegalen Druck des KPD-Blattes »Neue Zeitung«.

Angehörige der Bewährungstruppe 999, Heuberg, 1943:  Quelle: Privatbesitz/Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Angehörige der Bewährungstruppe 999, Heuberg, 1943:
Quelle: Privatbesitz/Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Oppositionell gesinnte Soldaten konnten angesichts der Überwachung durch das Stammpersonal der Einheit nur unter großen Schwierigkeiten politische Kontakte knüpfen. Eine Gefahr drohte auch durch die Bespitzelung insbesondere kriminell Vorbestrafter, die rund zwei Drittel der Bewährungssoldaten ausmachten.

 

Porträt Franz Scheiders als Bewährungssoldat in Griechenland, undatiert:  Quelle: Reproduktion aus einem im Selbstverlag erschienenen Buch seines Bataillonskameraden Albert Mainz

Porträt Franz Scheiders als Bewährungssoldat in Griechenland, undatiert:
Quelle: Reproduktion aus einem im Selbstverlag erschienenen Buch seines Bataillonskameraden Albert Mainz

Gegen die brutale deutsche Besatzungspolitik setzten sich einheimische Partisanen zu Wehr. Auch um die Zivilbevölkerung vor deutschen »Sühnemaßnahmen« zu schützen, knüpfte Franz Scheider Kontakte zur Widerstandsbewegung.

Feldurteil gegen Hermann Bode und Mitangeklagte, darunter Franz Scheider, 4. Juni 1944 (Auszug):  Quelle: Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg

Feldurteil gegen Hermann Bode und Mitangeklagte, darunter Franz Scheider, 4. Juni 1944 (Auszug):
Quelle: Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg

Zentraler Anklagepunkt war die Verbreitung eines Flugblattes, in dem deutsche Soldaten aufgefordert wurden, zu den Partisanen überzulaufen. Im Fall Franz Scheiders und zweier anderer kommunistisch gesinnter Angeklagter lautete die Urteilsbegründung auf »Kriegsverrat« und »Wehrkraftzersetzung« bzw. »Nichtanzeigen eines Kriegsverrats«. Am 9. Juni 1944 wurden alle Verurteilten erschossen.

Übersetzte Fassung eines Flugblatts der Ortsgruppe Amalias der Kommunistischen Partei Griechenlands zum Andenken an die hingerichteten Verschwörer, Juni 1944.  Quelle: Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg

Übersetzte Fassung eines Flugblatts der Ortsgruppe Amalias der Kommunistischen Partei Griechenlands zum Andenken an die hingerichteten Verschwörer, Juni 1944.
Quelle: Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg

 

Allgemeine Literaturhinweise zum Abschnitt Strafvollzug

Geldmacher, Thomas: Strafvollzug. Der Umgang der deutschen Wehrmacht mit militärgerichtlich verurteilten Soldaten. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 420-481.

Klausch, Hans-Peter: Die Sonderabteilungen, Strafeinheiten und Bewährungstruppen der Wehrmacht. In: Kirschner, Albrecht (Hg.): Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter. Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945, Marburg 2010, S. 197-216.

Klausch, Hans-Peter: Antifaschisten in SS-Uniform. Schicksal und Widerstand der deutschen politischen KZ-Häftlinge, Zuchthaus- und Wehrmachtsstrafgefangenen in der SS-Sonderformation Dirlewanger. Bremen 1993.

Klausch, Hans-Peter: Die 999er. Von der Brigade »Z« zur Afrika-Division 999: Die Bewährungsbataillone und ihr Anteil am antifaschistischen Widerstand. Frankfurt a.M. 1986.

Klausch, Hans-Peter: Die Bewährungstruppe 500. Stellung und Funkton der Bewährungstruppe 500 im System von NS-Wehrrecht, NS-Militärjustiz und Wehrmachtstrafvollzug. Bremen 1995.

Messerschmidt, Manfred: Die Wehrmachtjustiz 1933-1945, Paderborn 2005.

Wachsmann, Nikolaus: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, München 2004.

Wüllner, Fritz: Wehrmacht «Strafvollzug” im Dritten Reich. Zur zentralen Rolle der Wehrmachtgefänginsse in Torgau. In: Haase, Norbert; Oleschinski, Brigitte (Hg.): Das Torgau-Tabu. Wehrmachtsstrafsystem – NKWD-Speziallager – DDR-Strafvollzug, Leipzig 1993. S. 29-44.

 

 

 

 

 

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Verfolgte

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VERFOLGTE

Hunderttausende Menschen – Soldaten, Kriegsgefangene und ZivilistInnen – standen während des Zweiten Weltkrieges vor deutschen Militärgerichten. Über ihre Lebenswege und Entscheidungsgründe ist bis heute wenig bekannt. So konnten etwa Deserteure von der Sorge um die eigene Familie angetrieben sein oder sich aus Furcht vor drakonischen Strafen entzogen haben; auch politische und weltanschauliche Motive sowie situative Faktoren – ein prägendes Schlüsselerlebnis oder einfach eine günstige Gelegenheit – konnten ausschlaggebend sein. Häufig überlagerten sich mehrere Beweggründe. Im Folgenden werden 16 Fallgeschichten vor allem von österreichischen Verfolgten der Wehrmachtjustiz dokumentiert. Ohne damit Anspruch auf Repräsentativität erheben zu wollen, geht es darum, möglichst vielfältige Motivlagen, biografische Hintergründe und Delikte aufzuzeigen. Die Fallauswahl mitbestimmt hat außerdem der Wunsch, ungehorsame Soldaten aus allen Teilen des Landes zu berücksichtigen. Dies ist deshalb wichtig zu erwähnen, da aus einigen Regionen (etwa Wien oder Vorarlberg) vergleichsweise viele Verfolgungsgeschichten bekannt sind, solche Forschungen für andere Regionen allerdings noch weitgehend fehlen. Dies gilt insbesondere für die zuverlässige Überlieferung von Ereignissen mit entsprechenden Dokumenten oder Fotografien. Quantitativ zuverlässige Aussagen über Beweggründe der Verfolgten oder gar den Zusammenhang von Biografie, Handlungssituation und Verweigerungshaltung sind aus den überlieferten Quellen generell nicht möglich. Gleichwohl zeigen die Fallgeschichten in vielen Facetten den verbrecherischen Charakter einer Verfolgung, die über 30.000 Menschen das Leben kostete.

Die ausführlichen Fallgeschichten zu den anschließend vorgestellten Kurzbiografien mit Dokumentenauswahl auch für die pädagogische Arbeit finden Sie hier

 

»Jetzt, da ich weiß, dass wir Slowenen unsere richtige Führung haben, wird mich der Hitler nicht mehr sehen!«

Franc Pasterk (1912–1943) Jurij Pasterk (1903–1943)

Jurij und Franc Pasterk

Jurij und Franc Pasterk
Quelle: Muzej novejše zgodovine, Ljubljana (li.), Slovenski znanstveni inštitut / Slowenisches wissenschaftliches Institut, Klagenfurt / Celovec (re.)

Das kärntner-slowenische Brüderpaar Franc und Jurij Pasterk aus Lobnig / Lobnik schloss sich 1942 dem Partisanenwiderstand in Kärnten an. Während Jurij von seinem  Hof aus aktiv am organisatorischen Aufbau des Widerstandes arbeitete, desertierte Franc aus der Wehrmacht und schloss sich den Partisanentruppen an. Im November 1942 nahm die Gestapo Jurij Pasterk fest; er wurde im April 1943 nach einem Urteil des Volksgerichtshofs in Wien wegen Hochverrats hingerichtet. Franc Pasterk stieg innerhalb weniger Monate zum Kommandanten des I. Kärntner Bataillons der Befreiungsfront auf. Am 6. April 1943 starb er an einer Verwundung nach einem Partisanenangriff auf Mežica im heutigen Slowenien.

Literaturhinweis

Rettl, Lisa: „Jetzt, da ich weiß, daß wir Slowenen unsere richtige Führung haben, wird mich der Hitler nicht mehr sehen!“. In: Thomas Geldmacher u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 94-102.

 

»Da machen wir nicht mehr mit.«

David Holzer (1923-2015)

David Holzer (Privatarchiv Peter Pirker)

David Holzer, Klagenfurt 1942.
Quelle: Privatarchiv Peter Pirker

Im Juli und August 1943 quittierten drei Osttiroler Wehrmachtssoldaten, David Holzer, sein Bruder Alois sowie ihr Freund Franz Stolzlechner, den Dienst in der Wehrmacht. Sie kehrten aus dem Heimaturlaub nicht mehr zur Truppe zurück, da sie nach den Misserfolgen der Wehrmacht an allen Fronten mit einer raschen Niederlage NS-Deutschlands rechneten. Die drei Bauernsöhne stammten aus christlich- sozialen, österreichpatriotischen Familien, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Fast ein halbes Jahr verbargen sich die Männer in einem schwer zugänglichen Gebirgsgraben unweit ihres Heimatdorfes. Im Jänner 1944 flogen die Deserteure auf. David Holzer überlebte als Einziger die Verfolgung durch die NS-Militärjustiz.

Literaturhinweis

Pirker, Peter: »…Wir gehen gemeinsam in den Untergrund«. Die Osttiroler Deserteure Alois Holzer, David Holzer und Franz Stolzlechner. In: Thomas Geldmacher u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 126-137.

 

»…im Café Weber sah ich viele Kameraden, die den Arm in Gips trugen…«

Karl Lauterbach (1924-1945)

Karl Lauterbach, undatiert. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

Karl Lauterbach, undatiert.
Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

Am 7. August 1944 wurde der Gefreite Karl Lauterbach verhaftet. Das Feldkriegsgericht der Division 177 in Wien hielt dem Simmeringer vor, er habe sich im Frühjahr 1944 zweimal den Arm brechen lassen, um aufgrund dieser Verletzungen nicht wieder an die Front zu müssen. Lauterbach zeigte sich geständig und gab außerdem zu, in wenigstens drei Fällen Beihilfe zur Selbstverstümmelung geleistet zu haben. Unter den Personen, denen Lauterbach den Arm brach, befand sich auch sein Schulfreund Ernst Stojaspal, nach dem Krieg einer der bekanntesten österreichischen Fußballer. Karl Lauterbach wurde am 7. Februar 1945 gemeinsam mit 13 weiteren, wegen Selbstverstümmelung zum Tode verurteilten Männern am Militärschießplatz Kagran erschossen.

Literaturhinweise

Geldmacher, Thomas: »Im Café Weber sah ich viele Kameraden, die den Arm in Gips trugen.« Karl Lauterbach und das Simmeringer Netzwerk von Selbstverstümmlern, Sommer 1944. In: Ders u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 188-194.

Fritsche, Maria: Die Verfolgung von österreichischen Selbstverstümmelern in der deutschen Wehrmacht. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 195-214.

Für eine Falldarstellung von Karl Lauterbach für junge Leute vgl. http://www.dubistanders.de/Karl-Lauterbach/Hitler-und-die-Nationalsozialisten-erobern-Wien

 

»Wir standen halt auf der anderen Seite …«

Richard Wadani (* 1922)

Richard Wadani, 1938. Quelle: Privat Privatarchiv Richard Wadani

Richard Wadani, 1938.
Quelle: Privat Privatarchiv Richard Wadani

Richard Wadani wuchs als Sohn österreichischer Eltern in Prag auf. Schon als Jugendlicher sympathisierte er mit den Kommunisten, deren Jugendverband er sich Mitte der 1930er Jahre anschloss. Infolge des »Münchner Abkommens« musste die Familie 1938 die Tschechoslowakei Richtung »Ostmark« verlassen. Richard Wadani rückte 1939 zur Wehrmacht ein und verbrachte die Jahre 1941 bis 1944 als Besatzungssoldat in der Sowjetunion. Hier unterstütze er nach Kräften dortige Partisanenbewegungen und leistete so Widerstand gegen das NS-Regime. Im Oktober 1944 lief er an der Westfront zu den Amerikanern über. Hier meldete er sich freiwillig zur tschechischen Exilarmee und kehrte im Dezember 1945 nach Wien zurück, wo er wenig später in die KPÖ eintrat. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er u. a. als staatlich geprüfter Sportlehrer und als Trainer der österreichischen Volleyballnationalmannschaft. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des »Prager Frühlings« verließ er die KP. Seit den späten 1990er Jahren gibt er den Verfolgten der NS-Militärjustiz eine Stimme und ein öffentliches Gesicht. 2009 erkannte der Nationalrat die von der deutschen Militärjustiz verfolgten Soldaten und ZivilistInnen als Opfer des Nationalsozialismus an. Das »Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz«, d. h. die gesetzliche Anerkennung der Deserteure und anderer Verfolgter der NS-Militärjustiz, geht ebenso wie die Errichtung des Denkmals am Wiener Ballhausplatz auf sein starkes politisches Engagement zurück. Im Dezember 2016 wurde ihm und seiner Frau Linde für ihr jahrzehntelanges politisches Engagement der Menschenrechtspreis der Österreichischen Liga für Menschenrechte verliehen.

Literaturhinweis

Koch, Magnus, Rettl, Lisa: Richard Wadani – Eine politische Biografie, »…und da habe ich gesprochen als Deserteur.«, Milena Verlag, Wien 2015.

 

»… hat sich meist allein beschäftigt und wenig Verbindung zu seinen Kameraden gezeigt.«

Erwin Kohout (1909-?)

Eine Wehrmachtstreife verhaftete den 1909 in Linz geborenen Schneidergesellen Erwin Kohout am 7. Februar 1942 in der Wohnung seiner Mutter. Als Grund für seine Fahnenflucht gab er an, sich bei seiner in der Ukraine liegenden Einheit nicht mehr wohl gefühlt zu haben; so sei es unter anderem zu einem Streit mit einem Vorgesetzten gekommen. Obwohl Kohout sich fast drei Monate, also dauerhaft, von seiner Truppe entfernt hatte, verhängte das Kriegsgericht nicht die sonst übliche Todesstrafe. Es hielt dem Angeklagten zugute, sich nicht versteckt gehalten und während seiner Abwesenheit nicht kriminell betätigt zu haben. Kohout wurde in die Emslandlager im Nordwesten des »Großdeutschen Reiches«, um dort zehn Jahre schwere Zwangsarbeit zu verrichten. Diese Strafe setzten die Behörden zur Frontbewährung aus. Erwin Kohout gilt heute als verschollen; Ort und Zeitpunkt seines Todes konnte auch nach dem Krieg nicht ermittelt werden. Ein letztes Lebenszeichen sendete er am 22. Oktober 1944 aus Russland.

 

»Wenn jeder anständige Christ auch nur einen einzigen Juden retten würde …«

Anton Schmid (1900–1941)

Anton Schmid, undatiert. Quelle: wikipedia.org

Anton Schmid, undatiert. Quelle: wikipedia.org

Im März 1938 betrieb Anton Schmid gemeinsam mit seiner Frau Stefanie ein Radiogeschäft in der Wiener Klosterneuburgerstraße. Dort hatte er bereits kurz nach dem »Anschluss« im März 1938 jüdischen Freunden geholfen, sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entziehen. Seit 1941 war Schmid als Besatzungssoldat in Litauen stationiert. Sofort nach dem Einmarsch hatte die SS dort – unterstützt von Wehrmacht, Polizeieinheiten und litauischen Hilfstruppen – mit brutalen Mordaktionen vor allem gegen die jüdische Bevölkerung begonnen. Der Feldwebel Anton Schmid wurde Zeuge dieser Verbrechen. Er beschoss, den Verfolgten zu helfen. Nach Zeitzeugenaussagen versteckte er zunächst eine junge Jüdin, Luisa Emaitisaite, und bald einige weitere Personen in seiner Dienststelle und besorgte ihnen neue Ausweispapiere. Zudem kooperierte er mit der jüdischen Widerstandsbewegung in Litauen, indem er half, rund 300 Juden und Jüdinnen aus dem Wilnaer Ghetto zu befreien. Im Jänner 1942 wurde Schmid vermutlich von zwei Kameraden denunziert. Ein Wehrmachtgericht verurteilte ihn kurz darauf zum Tod. Er wurde am 13. April 1942 in Wilna erschossen. 1966 ehrte die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Anton Schmid als »Gerechten unter den Völkern«.

Literaturhinweis

Wette, Wolfram: Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität, Frankfurt a.M. 2013.

 

»Aus Furcht, dass ich angezeigt würde«

Johann Zöhrer (1923-1997)

Im Juli 1944 verließ der Unteroffiziersanwärter Johann Zöhrer seine Einheit, die zu dieser Zeit im Norden Finnlands stationiert war. Der 1923 in einem Dorf bei Deutschlandlandsberg in der Steiermark geborene Arbeiter fürchtete eine Anklage wegen eines Kameradendiebstahls; der brutale Vollzug solcher Strafen, die in der Regel mit mehreren Monaten Gefängnis geahndet wurden, flößte Zöhrer solche Furcht ein, dass er lieber ein für Fahnenflucht drohendes Todesurteil in Kauf nahm. Er plante, sich über die nahe gelegene Grenze ins neutrale Schweden abzusetzen, wurde jedoch vier Tage nach seiner Entziehung im grenznahen Tornio aufgegriffen und verhaftet. Das Gericht sah es in der Verhandlung vom 2. August 1944 zwar als erwiesen an, dass Zöhrer desertiert war, verhängte die sonst übliche Todesstrafe jedoch nicht. Oberstabsrichter Müller vom Gericht der 2. Gebirgsjägerdivision hielt dem Angeklagten zugute, er habe nicht aus Furcht vor persönlicher Gefahr und auch nicht aus »wehrfeindlicher Gesinnung« gehandelt. Zöhrer könne »in einem scharfen Strafvollzug ohne weiteres noch zu einem brauchbaren Soldaten erzogen werden«.  Der Oberbefehlshaber der 20. Gebirgsarmee verfügte, dass die im Kontext mit der Zuchthausstrafe ausgesprochene Aberkennung der Wehrwürdigkeit aufgehoben und Zöhrer die Möglichkeit gegeben werde, sich in einer Feldstrafgefangenenabteilung zu »bewähren«. Johann Zöhrer konnte den Krieg überleben und starb 1997 in Deutschlandsberg.

 

»… Hitler, diese Laus.«

Franz Severa (1912-1944)

Der in Wien geborene Mechaniker Franz Severa wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Milieu auf und war als Mitglied des »Sozialistischen Schutzbundes« im Februar 1934 einige Wochen vom austrofaschistischen Regime inhaftiert worden. Anfang 1941 – Severa arbeitete inzwischen bei einer Flugzeugmotorenfabrik in Wien Stammersdorf – erstattete ein Arbeitskollege Anzeige. Severa habe Adolf Hitler eine »Laus« genannt. Der vorsitzende Richter befand, dass der Angeklagte damit den obersten Befehlshaber der Wehrmacht und Reichskanzler aus »niedrigen Beweggründen schwer beleidigt« und versucht habe, »das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben«. Nachdem die Gestapo bei einer Hausdurchsuchung marxistische Literatur gefunden und Severa im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis X in Wien Favoriten abermals wegen antinationalsozialistischer Äußerungen denunziert worden war, verurteilte ihn das Gericht der Division Nr. 177 zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus. Bei Kriegsende wurde er zum Strafbataillon 999 versetzt. Er fiel am 28. Dezember 1944 an der Westfront.

 

»Mit mir gehen noch 10 Kameraden in den Tod …«

Johann Lukaschitz (1919-1944)

Johann Lukaschitz, undatiert: Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Johann Lukaschitz, undatiert. Quelle: Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Im Jänner 1944 verurteilte das Reichskriegsgericht den 1919 in Wien geborenen Werbezeichner Johann Lukaschitz wegen »Nichtanzeige eines Kriegsverrats« zum Tod. Aus Unzufriedenheit mit der militärischen Lage im vierten Kriegsjahr und aufgrund überharter Behandlung durch die Truppenführung hatten seine Kameraden einen »Soldatenrat« gegründet. Das Reichskriegsgericht sah darin eine Verschwörung gegen das Reich und konstruierte einen Zusammenhang mit der Situation am Ende des Ersten Weltkrieges, als revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte im November 1918 einen Aufstand herbeigeführt hatten. Das Gericht ignorierte, dass bei den Versammlungen des »Soldatenrates« nicht geringe Mengen Alkohol im Spiel gewesen waren und die Soldaten ihr Handeln nicht, wie für politische Organisationen sonst üblich, sorgfältig geplant hatten. Dem Reichskriegsgericht ging es offenkundig darum, ein abschreckendes Beispiel zu geben. Als ehemaliger Angehöriger der sozialistischen Jugendbewegung »Die Falken« hatte Johann Lukaschitz Sympathien mit den »Verschwörern« Dass er seine Kameraden nicht verraten hatte, kostete ihn das Leben. Am 11. Februar 1944 wurde er im Zuchthaus Halle/Saale durch das Fallbeil getötet.

Literaturhinweise

Baumann, Ulrich; Koch, Magnus (Hg.): »’Was damals Recht war… Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht’. Begleitband zur Wanderausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas«, Berlin 2008.

Vogel, Detlef; Wette, Wolfram (Hg.): Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat, Berlin 2007.

 

»… zur freiwilligen Rückkehr zu meiner Truppe nicht den Mut gefunden.«

Anton Tischler (1912-1942)

Anton und Margarete Tischler, undatiert. Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik

Anton und Margarete Tischler, undatiert.
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik

Anton Tischler war im April 1940 zur Wehrmacht eingerückt und diente zunächst im besetzten Frankreich. Im August des Jahres bat ihn seine Schwägerin, nach Hause zu kommen, da seine Frau Margarete (geborene Reiter) erkrankt sei und Tischlers Hilfe benötige. Tatsächlich fehlte ihr nichts, außer der Angst, ihren Mann in den bevorstehenden Kampfhandlungen des Krieges zu verlieren. Aus dem Sonderurlaub, den Tischler erhalten hatte, kehrte er nicht mehr zu seiner Truppe zurück. Mit Unterstützung seiner Familie hielt er sich mehr als ein dreiviertel Jahr verborgen. Vermutlich aufgrund der Denunziation von Nachbarn wurde er im Oktober 1941 von der Feldgendarmerie verhaftet. Vor der Todesstrafe bewahrte den aus Wien stammenden Tischler wohl nur die Aussage seiner Frau vor Gericht, die ihn offenbar immer wieder inständig gebeten hatte, bei ihr zu bleiben. Margarete Tischler erhielt deshalb mit drei Jahren Zuchthaus ebenfalls eine schwere Strafe. Anton Tischler überlebte den Krieg nicht. Von den berüchtigten Emslandlagern im Nordwesten des Reiches wurde er zur Zwangsarbeit in die sogenannten »Lager Nord« nach Nordskandinavien deportiert. Er starb dort am 2. November 1942 infolge der mörderischen Haftbedingungen. Er hinterließ außer seiner Frau, die ihre Haft überlebte, noch zwei Kinder.

 

»… da sie sonst in ein Konzentrationslager käme«

Erich Schiller (*1923)

Im Winter 1942 lernte der im niederösterreichischen Weitra geborene Oberfunker Erich Schiller in Berlin die Ungarin Margit Stahl kennen, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als jüdischer »Mischling« galt. Aus Angst vor einer Deportation in ein Konzentrationslager bat sie ihn um Hilfe. Einige Monate später half Schiller der jungen Frau über die Grenze, kehrte nach Wien zurück und wartete auf Nachricht aus Budapest. Als sich Margit Stahl nicht zurückmeldete, begab er sich seinerseits dorthin, um herauszufinden, ob seine Freundin gut angekommen sei. Kurz nach seiner Ankunft in Ungarn verhaftete die ungarische Polizei den 21-Jährigen und nahm ihn einige Monate in Gewahrsam. Schließlich glaubten die Behörden seinen Aussagen und er erhielt Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis. Kurz vor Weihnachten 1943 wurde Schiller in Ungarn von einer Wehrmachtsstreife verhaftet. Das Land war seit 1941 mit dem Deutschen Reich verbündet. Das Gericht der Division 177 glaubte Erich Schiller, dass er aus Mitleid gehandelt habe und verhängte eine 12-jährige Zuchthausstrafe. Er wurde in die Straflager im Emsland verschleppt. Ob er den Krieg überlebte, ist ungeklärt.

 

»… bescheiden und still, aber unerschütterlich in seiner Überzeugung«

Ernst Volkmann (1902-1941)

Ernst Volkmann, um 1930. Quelle: Stadtarchiv Bregenz

Ernst Volkmann, um 1930.
Quelle: Stadtarchiv Bregenz

Ernst Volkmann weigerte sich aus religiösen Gründen, für NS-Deutschland zu kämpfen. Der tief gläubige Gitarrenbauer, 1902 im egerländischen Schönbach (heute Luby in Tschechien) geboren, hegte schon früh eine starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus. In den 1920er Jahren übersiedelte er nach Vorarlberg und ließ sich dort beruflich nieder. 1929 heiratete er die Bregenzerin Maria Handle und bekam mit ihr drei Kinder. Einberufungsbefehlen der Wehrmacht leistete er keine Folge. Deshalb wurde Ernst Volkmann im Juni 1940 verhaftet, 1941 zog das Reichkriegsgericht in Berlin den Fall an sich. Kriegsdienstverweigerung galt als politisches Delikt. Weil er bis zum Schluss seiner religiösen Überzeugung treu blieb und in einer Wehrdienstleistung »eine Vergewaltigung seiner sittlichen Freiheit zur Verteidigung gegen den Nationalsozialismus« sah, verurteilte ihn das Berliner Gericht am 7. Juli 1941 zum Tod. Einen guten Monat später, am 9. August, morgens um 5.05 Uhr, wurde Ernst Volkmann im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet. Sein Name steht bis heute auf dem Bregenzer Kriegerdenkmal unter den Gefallenen der beiden Weltkriege. 1958 wurde an dem gegenüberliegenden Kirchenbau erstmals auf sein Schicksal hingewiesen, seit 2010 befindet sich unweit des Kriegerdenkmals eine Gedenkstele für Ernst Volkmann.

Literaturhinweis

Meinrad Pichler: »Nicht für Hitler«. Der katholische Kriegsdienstverweigerer Ernst Volkmann (1902–1941). In: Emerich, Susanne; Buder, Walter (Hg.): Mahnwache Ernst Volkmann (1902–1941). Widerstand und Verfolgung 1938–1945 in Bregenz, Feldkirch 2005, S. 6–11.

 

»… bin von meiner Truppe weg und habe gedacht, ich will nach Hause«

Johann Kuso (1923-1990)

Der aus Steinbrunn im Burgenland stammende Flugzeugmechaniker Johann Kuso verließ im April 1943 seine Einheit, die zu dieser Zeit auf einem Truppenübungsplatz in der Slowakei stationiert war. Nach seiner Ergreifung, nur gut zwei Tage später, gab er in einer Vernehmung an, aus Furcht vor Bestrafung wegen eines Wachvergehens geflohen zu sein, zumal Kuso auch Probleme mit den »Kameraden« seiner Einheit hatte. Das Militärstrafgesetzbuch definierte eine Abwesenheit von bis zu drei Tagen als »unerlaubte Entfernung« von der Truppe, wofür in der Regel kürzere Gefängnisstrafen verhängt wurden. Die Abwesenheit Johann Kusos wertete das Gericht der Wiener Division 177 jedoch als Fahnenflucht, also als eine vorsätzliche und auf Dauer angelegte Entfernung. Strafmildernd wirkte sich nur die kurze Dauer der Ausbildung sowie die geringe Zeit seiner Abwesenheit aus. Er wurde zu einer vierjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, aus der Wehrmacht ausgestoßen und der zivilen Justiz übergeben. In den berüchtigten Emslandlagern, im Nordwesten des »Großdeutschen« Reiches, musste er unter KZ-ähnlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Anders als viele seiner Leidensgenossen konnte Johann Kuso die Haft überleben. Nach der Rückkehr in seinen Heimatort betrieb er zunächst eine Trafik und übersiedelte später nach Wien. Dort starb er am 13. März 1990.

 

»Nun wird es mir aber zu dumm …«

Anton Brandhuber (1914-2008)

Anton Brandhuber, 1942. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, Bern

Anton Brandhuber, 1942.
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, Bern

Anton Brandhuber, ein Landwirt aus dem niederösterreichischen Laa an der Thaya, desertierte im Februar 1942 an der sowjetischen Front. Die in Österreich aufgestellte 45. Infanterie-Division hatte vor Moskau große Verluste erlitten und sollte nun mit neuen Soldaten aus der Heimat aufgefüllt werden. Brandhuber verließ seine Truppe kurz bevor seine Einheit die vordersten Stellungen erreicht hatte. Nach einer zehntägigen Flucht quer durch Europa erreichte er bei Feldkirch die österreichisch-liechtensteinische Grenze. Am 27. Februar überwand er die stark gesicherten Zaunanlagen und gelangte in die Schweiz. Dort gab er zu Protokoll, dass die Verhältnisse bei seiner Ankunft in Orjol – extreme Kälte, schlechte Versorgung und desolate Stimmung unter den Soldaten – der unmittelbare Auslöser für seine Flucht gewesen seien. Zu seinen Motiven befragt, notierte der Schweizer Verhöroffizier: »Der Einvernommene gibt die Hoffnungslosigkeit der Aussichten für die Zukunft, sowie den Zwang zum Kämpfen für ein ihm als Oesterreicher verhasstes Regime als Hauptgrund zur Flucht an.« Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Anton Brandhuber nach Österreich zurück und lebte bis zu seinem Tod am 28. August 2005 auf seinem Hof in Laa an der Thaya.

Literaturhinweise

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht – Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002.

Koch, Magnus: Fahnenfluchten. Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Krieg in der Geschichte, Bd. 42, Paderborn 2008.

 

»Da haben sie gesagt, sie möchten sich den Arm brechen lassen«

Maria Musial (1919-2012)

Die Friseurin Maria Lauterbach wurde 1919 in eine zehnköpfige Simmeringer Arbeiterfamilie geboren. In den 1930er Jahren waren die Musials im kommunistischen Widerstand aktiv: zunächst gegen das austrofaschistische Regime, ab 1938 gegen die Nationalsozialisten. 1942 heiratete Maria den gelernten Maschinenschlosser und Unteroffizier der Luftwaffe Ernst Musial. Gemeinsam halfen sie kampfunwilligen Soldaten, sich dem Dienst in der Wehrmacht zu entziehen – und zwar durch gezielt herbeigeführte Knochenbrüche. Maria beschaffte von einem bekannten Arzt die dafür notwendigen Betäubungsmittel. Die Meldungen über eine auffällige Häufung gebrochener Arme erreichte zur Jahreswende 1943/1944 auch Karl Everts, den Chefrichter der in Wien ansässigen Division 177. Dieser setzte einen Spitzel ein und ließ im Sommer 1944 das gesamte Netzwerk verhaften. Auch Marias Neffe Karl Lauterbach und mit ihm 13 weitere Personen des Wiener »Selbstverstümmler-Netzwerks« wurden wegen »Wehrkraftzersetzung« hingerichtet; Maria Musial erhielt sechs, ihr Mann zwölf Jahre Zuchthaus. Beide überlebten. Ernst Musial konnte jedoch aufgrund der Spätfolgen seiner Haft bald nicht mehr arbeiten. Maria pflegte ihn und war dadurch gezwungen, ihren Beruf als Friseurin aufzugeben. Sie blieb jedoch politisch aktiv und gehörte zu jenen Überlebenden der NS-Militärjustiz, die bis zu ihrem Tod die alljährlichen Gedenkfeiern für die Opfer der NS-Militärjustiz im Wiener Donaupark besuchte. Maria Musial starb 2005.

Literaturhinweis

Geldmacher, Thomas: »Im Café Weber sah ich viele Kameraden, die den Arm in Gips trugen.« Karl Lauterbach und das Simmeringer Netzwerk von Selbstverstümmlern, Sommer 1944. In: Ders u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 188-194.

 

»Und immer fühle ich mich zuerst als Mensch und dann erst als Polin«

Krystyna Wituska (1920-1944) und Maria Kacprzyk (1922-2011)

Maria Kacprzyk und Maria Wituska, um 1940.  Quellen: Privatarchiv Maria Kacprzyk, Danzig sowie Universytecka w Warszawie

Maria Kacprzyk und Maria Wituska, um 1940.
Quellen: Privatarchiv Maria Kacprzyk, Danzig sowie Universytecka w Warszawie

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Razzien, Verhaftungen und Hinrichtungen prägten den Alltag der Bevölkerung, die vielfach auch für die deutsche Kriegswirtschaft zwangsverpflichtet und verschleppt wurde. Die Gutsbesitzertochter Krystyna Wituska und die in eine Warschauer Unternehmerfamilie geborene Maria Kacprzyk beschlossen, sich gegen die Unterdrückung zu wehren. Sie schlossen sich dem polnischen Widerstand an. Ihr Auftrag lautete, Informationen über die deutsche Besatzungsmacht zu beschaffen. Ihr Netzwerk flog allerdings auf. Die beiden jungen Frauen wurden im Oktober 1942 verhaftet und nach Berlin überstellt. Am 19. April 1943 verhängte Werner Lueben, Senatspräsident am Reichskriegsgericht, wegen Spionage, Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung die Todesstrafe gegen Krystyna Wituska. Ihre Freundin Maria bekam acht Jahre verschärftes Straflager. Während Maria das Ende des Krieges erlebte, ließ das Reichskriegsgericht Krystyna Wituska am 26. Juni 1944 durch das Fallbeil töten. Nach 1945 fiel es Maria schwer, den Verlust ihrer Freundin zu verarbeiten. Sie studierte Medizin, absolvierte eine Schauspielausbildung, arbeitete als Fremdenführerin, heiratete und bekam zwei Kinder. In den 1980er Jahren setzte sich Maria Kacprzyk für die Solidarnosc-Bewegung ein, die für eine Demokratisierung Polens und die Loslösung des Landes aus dem östlichen Verteidigungsbündnis eintrat. Sie starb am 4. April 2011 in Danzig.

Literaturhinweis

Skowronski, Lars; Trieder, Simone: Zelle Nr. 18. Eine Geschichte von Mut und Freundschaft, Berlin 2014.

 

»… weil mich die anderen zu viel sekkiert haben«

Alois Tiefengruber (1912-?)

Als der gebürtige Grazer Alois Tiefengruber im September 1942 zur Wehrmacht einrücken musste, hatte er bereits ein leidvolles und wenig angepasstes Leben hinter sich: Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt und bereits vor dem frühen Tod seiner Mutter lebte er bei Pflegeltern. Zu den vielfachen Problemen in der Schule kamen bald gesundheitliche Einschränkungen hinzu. Seit seinem siebten Lebensjahr litt Alois Tiefengruber an epileptischen Anfällen. Es folgten psychiatrische Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte, und er verfiel dem Alkohol. Auch bei seiner militärischen Einheit eckte er bald an. Er konnte oder wollte den militärischen Drill nicht ertragen. Nach der kurze Zeit später erfolgten Entfernung von seiner Truppe gab Tiefengruber an, von seinen »Kameraden« ausgegrenzt und gequält worden zu sein. An seinem 30. Geburtstag wurde er wegen Fahnenflucht und »Rückfalldiebstahls« zunächst zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Da das Urteil vom Oberkommando des Heeres nicht bestätigt wurde, verhandelte das Gericht erneut. Die geforderte Todesstrafe verhängte es jedoch nicht: eine Milde, die die Wehrmachtgerichte in vielen ähnlichen Fällen nicht zeigten. Ob Alois Tiefengruber das Feldstraflager, die härteste Form des Strafvollzugs in der Wehrmacht, überlebte, ist nicht geklärt.

 

Allgemeine Literaturhinweise

Baumann, Ulrich; Koch, Magnus (Hg.): »’Was damals Recht war… Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht’. Begleitband zur Wanderausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas«, Berlin 2008.

Baumann, Ulrich: »Wo sind die Deserteure?« Öffentliche Meinung und Debatten über Verurteilte der Wehrmachtjustiz in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1998. In: Pirker, Peter; Wenninger, Florian (Hg.): Wehrmachtsjustiz. Kontext, Praxis, Nachwirkungen, Wien 2010, S. 270-285.

Forster, David: Die militärgerichtliche Verfolgung von Verratsdelikten im Dritten Reich. In Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 238-253.

Fritsche, Maria: Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der Deutschen Wehrmacht, Wien 2004.

Fritsche, Maria: Feige Männer? Fremd- und Selbstbilder von Wehrmachtsdeserteuren. In: Ariadne 47 (2005), ‘Kriegsfrauen und Kriegsmänner’. Geschlechterrollen im Krieg, S. 54-61.

Fritsche, Maria: Österreichische Opfer der NS-Militärgerichtsbarkeit. Grundlegende Ausführungen zu den Untersuchungsergebnissen. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 80-103.

Fritsche, Maria: Die Verfolgung von österreichischen Selbstverstümmelern in der deutschen Wehrmacht. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 195-214.

Fritsche, Maria: »Goebbels ist der größte Depp«. Wehrkraftersetzende Äußerungen in der deutschen Wehrmacht. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 215-237.

Geldmacher, Thomas u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010.

Geldmacher, Thomas: »Auf Nimmerwiedersehen!« Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung und das Problem, die Tatbestände auseinanderzuhalten. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 133-194.

Haase, Norbert: Von »Ons Jongen«, »Malgré –nous« und anderen. Das Schicksal der ausländischen Zwangsrekrutierten im Zweiten Weltkrieg. In: Haase, Norbert; Paul, Gerhard (Hg.): Die anderen Soldaten. Wehrkraftzersetzung, Gehorsamsverweigerung und Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt 1995, S. 157-173.

Koch, Magnus: Fahnenfluchten. Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Krieg in der Geschichte, Bd. 42, Paderborn 2008.

Koch, Magnus: Prägung – Erfahrung – Situation. Überlegungen zur Frage, warum Wehrmachtssoldaten ihre Truppe verließen. In: Kirschner, Albrecht (Hg.): Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter. Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945, Marburg 2010, S. 149-162.

Reemtsma, Jan Philipp: Wie hätte ich mich verhalten? Gedanken über eine populäre Frage. In: Ders. »Wie hätte ich mich verhalten?« Und andere nicht nur deutsche Fragen, München 2001, S. 9-29.

Rothmaler, Christiane: »…weil ich Angst hatte, daß er erschossen würde«. Frauen und Deserteure. In: Ebbinghaus, Angelika; Linne, Karsten (Hg.): Kein abgeschlossenes Kapitel: Hamurg im »Dritten Reich«, Hamburg 1997, S. 461-486.

Walter, Thomas: Die Kriegsdienstverweigerer in den Mühlen der NS-Militärgerichtsbarkeit. In: Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003, S. 114-132.

Weitere Sammlungen von Biografien von Verfolgten bieten folgende Instiutionen an:

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands

erinnern.at

Siehe außerdem die filmische Reihe “Vergessene Opfer” von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber, Verein Standbild

 

 

 

 

Zentrale Bestimmungen

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ZENTRALE BESTIMMUNGEN

Ein neues Militärrecht für den neuen Krieg

Nach der Machtübernahme 1933 begann die neue Reichsregierung unter Adolf Hitler, die verfassungsmäßige Unabhängigkeit der Justiz zu zerstören. Zugleich gingen das Regime und dessen führende Juristen daran, bis dahin geltende Rechtsnormen zu verändern. Auch die im Mai 1933 wieder eingeführte Militärjustiz wurde an die neuen Verhältnisse angepasst. Zielperspektive war ein Strafrecht, das strenger und härter sein sollte als die zwischen 1914 und 1918 gültigen Bestimmungen – einer angeblich zu milde urteilenden Militärjustiz gaben die Nationalsozialisten die Mitschuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg.

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Zeitschrift für Wehrrecht, Ausgabe 1937/1938. Im Zentralorgan der deutschen Militärjuristen gaben ihre führenden Köpfe mit paradigmatischen Artikeln die Leitlinien vor, kommentierten jüngste Gesetzesänderungen und veröffentlichten Fachaufsätze. So verbreitete sich der am Wiener Gericht der Division 177 tätige Kriegsgerichtsrat Erich Schwinge 1940 über die Frage der «Die Behandlung der Psychopathen im Militärstrafrecht«. Quelle: J. Schweizer Verlag, Berlin

Deshalb entwickelten Militärjuristen Rechtsgrundsätze, die auf den »Führerstaat« ausgerichtet waren. Der Wille Adolf Hitlers bildete dabei das »höchste Rechtsgut«. Oberstes Ziel war nicht die Wahrheitsfindung, sondern die Erringung des Sieges. Gemäß der nationalsozialistisch geprägten Strafrechtstheorie galt ein Vergehen nun nicht mehr als individuelles Fehlverhalten, sondern als Schädigung der Gemeinschaft. Vor Gericht sollte es daher immer auch darum gehen, ob der Angeklagte Teil der »völkischen Wehrgemeinschaft« bleiben durfte.

Im Folgenden werden die wichtigsten Etappen einer »Mobilmachung des Rechts« anhand ausgewählter zentraler Bestimmungen nachgezeichnet und deren Auswirkungen mit Fallbeispielen erläutert. Die ausgesprochenen Urteile verdeutlichen dabei die Handlungsspielräume, die den Richtern insbesondere für eine Verschärfung der Spruchpraxis blieben.

Die »Kriegssonderstrafrechtsverordnung«Im Januar 1936 legten Experten einen Entwurf zu einem neuen Militärstrafgesetzbuch vor; dieser sollte die seit 1898 gültige Fassung ablösen. Das Projekt wurde jedoch aufgegeben, weil das Paragraphenwerk der NS-Führung als zu wenig nationalsozialistisch galt – obwohl dem dafür zuständigen Ausschuss in der »Akademie für Deutsches Recht« führende NS-Juristen angehörten. Im Zuge der Angriffsvorbereitungen auf die Tschechoslowakei im Sommer 1938 ließ das Oberkommando der Wehrmacht stattdessen ein verkürztes neues Kriegsstrafrecht ausarbeiten: die »Kriegssonderstrafrechtsverordnung«. Zugleich wurde mit einer anderen Verordnung das Kriegsstrafverfahren wesentlich verändert. Beide Bestimmungen – zunächst als Notbehelf geplant – verschärften das Militärrecht erheblich. Als Teil der Mobilmachungsvorbereitungen blieben sie zunächst geheim. Erst am 26. August 1939, am Vorabend des Angriffs auf Polen, traten sie – auch für das »angeschlossene« Österreich – in Kraft.
Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 17. August 1938 (Auszug, drei Blätter). Quelle: Deutsche Bücherei, Leipzig

Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 17. August 1938 (Auszug, drei Blätter). Quelle: Deutsche Bücherei, Leipzig

»Zersetzung der Wehrkraft«

Zentrale Bestimmung der Kriegssonderstrafrechtsverordnung (KSSVO) war der in Paragraph 5 enthaltene Tatbestand »Zersetzung der Wehrkraft«. Er regelte den strafrechtlichen Umgang mit Delikten, die nach Ansicht der deutschen Führung während des Ersten Weltkriegs zu milde bestraft worden waren. Die neuen Bestimmungen zur »Wehrkraftzersetzung« fassten Regelungen zusammen, die das Militärstrafgesetzbuch bisher unter »Verleitung zur Fahnenflucht«, »Aufforderung zum Ungehorsam«, »Gehorsamsverweigerung oder Widersetzung«, »Selbstverstümmelung« und »Dienstentziehung durch Täuschung« aufführte. Bislang waren für diese Taten, sofern sie »im Felde« geschehen waren, Zuchthaus- oder Todesstrafen vorgesehen; letztere jedoch nicht als Regelstrafe. Die KSSVO drohte diese nun grundsätzlich an. Persönlichen Beweggründe des Täters galten als nebensächlich, die »Aufrechterhaltung der Manneszucht« und angebliche Belange der »Volksgemeinschaft« rückten in den Mittelpunkt. Im Laufe des Krieges wurde dieser Paragraph immer weiter verschärft. So konnten Richter ab März 1943 in ihren Urteilen beispielsweise auch den gültigen Strafrahmen überschreiten, wenn ihnen dieser nach dem »gesundem Volksempfinden« nicht ausreichend erschien.

Fallbeispiele zum § 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung

Portraitfoto von Heinz Engelmann, undatiert / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Portraitfoto von Heinz Engelmann, undatiert / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Heinz Engelmann (1912-1943) | Todesurteil für gestohlene Feldpostpäckchen

Der 1912 geborene Unteroffizier war 1942 wegen des Diebstahls von Feldpostpäckchen als »Volksschädling» zum Tode verurteilt worden. Das Gericht wertete die Tat nicht als Eigentumsdelikt, sondern als »Wehrkraftzersetzung«, wofür als Regelstrafe die Todesstrafe vorgesehen war. Ein Erschießungskommando tötete Heinz Engelmann am 24. Februar 1943 auf dem Schießplatz in Spaden bei Wesermünde.

Portraitfoto von Heinrich Otto, 1940. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Portraitfoto von Heinrich Otto, 1940. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Heinrich Otto (1896-1942) | »Bewusste Täuschung« als todeswürdiges Verbrechen

Ein Wehrmachtgericht verurteilte den Marineunteroffizier wegen Fahnenflucht und »Wehrkraftzersetzung« am 6. November 1942 zum Tode. »Wehrkraftzersetzung« sollte er begangen haben, weil er sich ersten Einberufungsbescheiden im Januar bzw. Februar 1942 durch »bewusste Täuschung« entzogen hatte. Die Wehrmachtjustiz ließ Heinrich Otto am 7. Dezember 1942 auf dem Standortschießstand in Wilhelmshaven hinrichten.

Stellungnahme des Gerichtsherrn, 11. November 1942. Heinrich Otto stellte nach seiner Verurteilung ein Gnadengesuch. Der Gerichtsherr lehnte dies auch mit Hinweis auf Ottos angebliche »Wehrkraftzersetzung« ab. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Stellungnahme des Gerichtsherrn, 11. November 1942. Heinrich Otto stellte nach seiner Verurteilung ein Gnadengesuch. Der Gerichtsherr lehnte dies auch mit Hinweis auf Ottos angebliche »Wehrkraftzersetzung« ab. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Richtlinie Adolf Hitlers vom 14. April 1940

Kurz vor Beginn des Feldzuges gegen Frankreich und die Beneluxstaaten erließ der »Führer« und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Adolf Hitler, neue Richtlinien für die Bestrafung von Deserteuren und »Wehrkraftzersetzern«. Darin wurde definiert, unter welchen Umständen die Todesstrafe zu verhängen, aber auch, inwiefern strafmildernde Gründe zu berücksichtigen seien. Zahllose Urteile belegen die große Bedeutung des Erlasses und dokumentieren gleichzeitig die Handlungsspielräume der Richter, die auch dazu angehalten waren, den »Persönlichkeitswert« der Angeklagten zu prüfen. Es lag auch in richterlichem Ermessen, ob strafmildernd etwa »jugendliche Unüberlegtheit« oder »schwierige häusliche Verhältnisse« vorlagen, oder aber eine mögliche »verbrecherische Betätigung«. Galten die Betroffenen nach nationalsozialistischem Verständnis als »asozial«, so mündete dies oft in einem Todesurteil. Bewertet wurde gerade dann nicht nur die Tat, sondern auch die »Täterpersönlichkeit«.

Der der sogenannte Hitler-Erlass, 14. April 1940 (drei Blätter). Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt hat argumentiert, dass der Erlass durch die aufgeführten Milderungsgründe auch den Verfolgungseifer der Wehrmachtjuristen bremsen sollte, die bereits nach dem für die Wehrmacht siegreichen Polenfeldzug hunderte Todesurteile gegen Wehrmachtssoldaten wegen Fahnenflucht verhängt hatten. Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Der der sogenannte Hitler-Erlass, 14. April 1940 (drei Blätter). Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt hat argumentiert, dass der Erlass durch die aufgeführten Milderungsgründe auch den Verfolgungseifer der Wehrmachtjuristen bremsen sollte, die bereits nach dem für die Wehrmacht siegreichen Polenfeldzug hunderte Todesurteile gegen Wehrmachtssoldaten wegen Fahnenflucht verhängt hatten.
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Fallbeispiel zum Hitler-Erlass:

Portraitfoto Antonius Biesterfeld, undatiert. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Portraitfoto Antonius Biesterfeld, undatiert. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Antonius Biesterfeld (1919-1944)

Der in Breda/Niederlande geborene Marinesoldat hatte im besetzten Frankreich gedient, als er, nach einem Streit mit Kameraden in einer Kurzschlusshandlung, seine Truppe verließ. Obwohl gleich alle drei der im Erlass Adolf Hitlers genannten Gründe für eine Strafmilderung gegeben waren, verurteilte ihn das zuständige Gericht zum Tode. Er wurde am 9. November 1944 in Hannover erschossen.

Stellungnahme des Verteidigers, 13. Juli 1944 (vier Blätter) / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Stellungnahme des Verteidigers, 13. Juli 1944 (vier Blätter) / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Der Oberleutnant Kozmiensky hielt als Verteidiger – siehe Dokumente unten im Original – dem Gericht vor, den für Fahnenfluchtfälle zentralen Erlass Adolf Hitlers falsch ausgelegt zu haben. So sei Biesterfeld keine Feigheit vorzuwerfen, da er sich freiwillig an die Front gemeldet habe, um von seinen Kameraden in Nantes weg zu kommen. Zudem hätten schwierige häusliche Verhältnisse Biesterfelds wie auch sein Streit mit Vorgesetzten für das Urteil berücksichtigt werden müssen.

Weitere Strafverschärfungen angesichts des »totalen Krieges«: Der »Dönitz-Erlass«

Der nach dem Großadmiral der Kriegsmarine und letztem Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches benannte »Dönitz-Erlass«, 27. April 1943. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Der nach dem Großadmiral der Kriegsmarine und letztem Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches benannte »Dönitz-Erlass«, 27. April 1943. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Die Richtlinien Adolf Hitlers zum Umgang mit Fahnenfluchtdelikten wurden drei Jahre später vom Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, neuerlich verschärft. In der am 27. April 1943 erlassenen Bestimmung galt Desertion nunmehr als »Versagen treuloser Schwächlinge«. Dönitz ließ sein Marinerichterkorps wissen, dass er »jeden Gnadenerweis für einen Fahnenflüchtigen ablehnen« werde. Die Führung der Kriegsmarine reagierte damit vermutlich auf die angespannte militärische Situation nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad Anfang 1943: Während Reichspropagandaminister Josef Goebbels den »totalen Krieg« ausrief, begann die Wehrmacht noch brutaler als bisher gegen »Zersetzungserscheinungen« vorzugehen. Der »Dönitz-Erlass« steht für das hohe Maß an Eigeninitiative der Wehrmacht, deren Justizpraxis auf Abschreckung abzielte. Interessen und Ziele der militärischen Eliten unterschieden sich bis zum Ende des Krieges kaum von jenen der politischen Führung.

<strong>Fallbeispiel und Dokumente zum sogenannten Dönitz-Erlass
Herbert Burmeister, undatiert. Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Herbert Burmeister, undatiert. Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Herbert Burmeister (1916-1944)

Der Maschineningenieur war wegen wiederholter Fahnenflucht im Juni 1944 zunächst zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, in einer späteren Verhandlung zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Wehrmachtjustiz ließ ihn am 11. September 1944 in Hamburg enthaupten.

Entscheidung des Oberkommandierenden der Kriegsmarine, Karl Dönitz, 28. Juni 1944 (Auszug). Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Entscheidung des Oberkommandierenden der Kriegsmarine, Karl Dönitz, 28. Juni 1944 (Auszug). Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Dönitz verweigerte, gemäß seiner Ankündigung aus dem Jahr zuvor, auch gegenüber Herbert Burmeister ein milderes Urteil, obwohl die Richter der Kriegsmarinedienststelle Hamburg zuvor auf eine Zuchthausstrafe entschieden hatten.

Entgrenzung des Terrors bei Kriegsende

Als die Niederlage des Deutschen Reiches immer näher rückte, reagierte die militärische Führung auf die Unsicherheit, Verzweiflung und Kriegsmüdigkeit der Soldaten mit einer Flut von Drohungen und Haltebefehlen. Soldaten und Zivilisten, die ihr Leben nicht mehr für einen längst aussichtslos gewordenen Krieg riskieren wollten, wurden zu »Schwächlingen« und »Verrätern« erklärt, die durch ihr Verhalten den »Endsieg« gefährdeten. Wie viele Opfer diese Terrorjustiz durch Standgerichte, aber auch durch willkürlich mordende Einheiten der Geheimen Feldpolizei, der SS und anderer Formationen forderte, ist bis heute unklar. Die in der Kriegsstrafverfahrensordnung ohnehin stark eingeschränkten Rechte der Angeklagten waren auf ein Mindestmaß reduziert. Am Schluss des Krieges entfiel sogar noch das Gnadenrecht.

»Führerbefehl« über die Einrichtung eines »fliegenden Standgerichts«, 9. März 1945. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

»Führerbefehl« über die Einrichtung eines »fliegenden Standgerichts«, 9. März 1945. / Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Link zur Gedächtnisniederschrift Oskar Wammerl / Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Link zur Gedächtnisniederschrift Oskar Wammerl / Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Fallbeispiel

Chronik, angefertigt vom Zeugen Heinrich Spielbichler im Volksgerichtshofverfahren, Mai 1945. Oskar Wammerl, Gendarmeriemeister aus Prein an der Rax war nach einer Kriegsverletzung auf Genesungsurlaub als am 14. April 1945 von einem Standgericht verurteilt und unmittelbar anschließend erschossen wurde. Die Anklage lautete auf Fahnenflucht. Mit ihm fielen den willkürlichen Tötungen von Soldaten und Zivilisten in Schwarzau im Gebirge an diesem Tag mit Alfons Stärk, Ferdinand »Schranz«, Roman Kneissl und Ignaz Sommer vier weitere Menschen zum Opfer.

Weiterführend zum Volksgerichtshofverfahren und den Ereignissen bei Kriegsende in Schwarzau im Gebirge.

Weiterführend eine kurze Chronik des Kriegsendes in Österreich.

 

Literaturhinweise

Absolon, Rudolf: Das Wehrmachtsstrafrecht im 2. Weltkrieg. Sammlung der grundlegenden Gesetze, Verordnungen und Erlasse, Korneliemünster 1958.

Detlef Garbe: Abschreckungsjustiz im Dienst der Kriegsführung: Anfragen zu Struktur und Wirken der NS-Militärgerichtsbarkeit. In:  Pirker, Peter; Wenninger (Hg.): Wehrmachtsjustiz. Kontext, Praxis, Nachwirkungen, Wien 2010, S. 25-42.

Garbe, Detlef: Im Namen des Volkes?! Die rechtlichen Grundlagen der Militärjustiz im NS-Staat und ihre »Bewältigung« nach 1945. In: Ausländer, Fietje (Hg.): Verräter oder Vorbilder? Deserteure und ungehorsame Soldaten im Nationalsozialismus, Bremen 1990, S. 90-129.

Detlef Garbe: Von »furchtbaren Juristen« und ihrer Sorge um die »Schlagkraft der Truppe«. Deserteure der Wehrmacht und die Wehrmachtjustiz in der Nachkriegszeit. In: Greven, Michael; Wrochem, Oliver v.: Der Krieg in der Nachkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg in der Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik, Opladen 2000, S. 51-76.

Manfred Messerschmidt: »Zur Aufrechterhaltung der Manneszucht«. Historische und ideologische Grundlagen militärischer Disziplin im NS-Staat. In: Haase, Norbert; Paul, Gerhard (Hg.): Die anderen Soldaten. Wehrkraftzersetzung, Gehorsamsverweigerung und Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt 1995, S. 19-36.

Manfred Messerschmidt: Die Wehrmachtjustiz 1933-1945, Paderborn 2005.

 

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Das erste österreichische DESERTEURSDENKMAL steht in Wien

Am 24. Oktober 2014 wurde durch einen Festakt am Ballhausplatz das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eröffnet. Denkmalsetzerin ist die Stadt Wien.

Folder Deserteursdenkmal Wien

Neu: Broschüre zum Deserteursdenkmal. Klick aufs Bild zum Anschauen & Download.

Die nationalsozialistische Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkrieges mehr als 30.000 Todesurteile: gegen Soldaten, Kriegsgefangene und ZivilistInnen, insbesondere aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in ganz Europa. Die meisten Todesurteile ergingen gegen Deserteure und »Wehrkraftzersetzer«. Viele tausend weitere Soldaten starben nach kriegsgerichtlichen Urteilen in sogenannten Bewährungseinheiten an der Front.

Angefeindet, diffamiert …

Handlungsweisen, Lebenswege und biografische Hintergründe der Verfolgten sind vielfältig. Vor den Militärgerichten standen erklärte politische GegnerInnen des Nationalsozialismus ebenso wie Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus individuelle Freiräume suchten. Jegliche Form der Widersetzlichkeit oder etwa die Unterstützung von Deserteuren durch zivile Helferinnen und Helfer konnten als politische Delikte bewertet werden und wurden mit härtesten Strafen belegt.

Nach Kriegsende begegnete die österreichische Gesellschaft den Überlebenden dieser Verfolgung mit Ablehnung und Feindschaft. Zwar hielt sich in Österreich lange der Mythos, durch den Einmarsch deutscher Truppen im Jahre 1938 sei Österreich das »erste Opfer« deutscher Kriegspolitik geworden. Dennoch galt der Dienst österreichischer Soldaten in der »Großdeutschen« Wehrmacht als Pflichterfüllung oder gar als heldenhaft.

… und 2009 rehabilitiert.

Angeregt durch historische Forschungen, setzte sich erst ab der Jahrtausendwende langsam die Erkenntnis durch, dass sich die nationalsozialistische Militärjustiz bedingungslos in den Dienst eines verbrecherischen Krieges gestellt hatte. Im Jahre 2009 rehabilitierte der Nationalrat mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte und erkannte insbesondere Desertion »als bewusste Nichtteilname am Krieg an der Seite des nationalsozialistischen Unrechtsregimes« als Akt des Widerstands an.

Das Denkmal

Die Skulptur Olaf Nicolais an diesem zentralen Ort der Republik Österreich greift die klassischen Elemente eines Mahnmals »Sockel« und »Inschrift« auf, arrangiert diese aber völlig anders als traditionelle Kriegerdenkmäler. Ein überdimensionales, liegendes »X« bildet den dreistufigen Sockel, in dessen dritte Ebene die nur von oben lesbare Inschrift eingelassen ist. Der Text zitiert ein Gedicht des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay (1925–2006), der mit wichtigen VertreterInnen der sprachkritischen und experimentellen Wiener Künstlerszene befreundet war. Das Zusammenspiel von Sockel und Inschrift inszeniert die Situation des Einzelnen in und gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen. Bedroht von Anonymisierung und Auslöschung, die ihn zum »X« in einer Akte werden lassen, ist seine Position dennoch zentral. Die Skulptur erweist denjenigen Respekt, die eine eigene Entscheidung treffen, sich der Fremdbestimmung widersetzen und sich durch ihr eigenständiges Handeln gegen das geltende System stellen.

Der Künstler

Olaf Nicolai wuchs in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) auf, 1983 bis 1988 Studium der Germanistik mit anschließender Promotion an der Universität Leipzig (Titel: Geste zwischen Expression und Kalkül. Zur Poetik der Wiener Gruppe). Seit Anfang der 1990er Jahre ist er mit Gruppen- wie mit Einzelausstellungen an fast allen wichtigen Orten des zeitgenössischen Kunstgeschehens präsent.
Olaf Nicolai lebt und arbeitet in Berlin.

 

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Vorgeschichte

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MILITÄRJUSTIZ IN ÖSTERREICH VOR 1938

Grundlage des Militärstrafrechts der Habsburgermonarchie war das Militärstrafgesetzbuch von 1855 gemeinsam mit einer Militärstrafprozessordnung aus der maria-theresianischen Ära.

Die Verfahren gegen Angehörige der k. u. k. Armee waren durch faktische Rechtlosigkeit der Angeklagten gekennzeichnet. Erst im Juli 1912 kam es zur Verabschiedung einer moderneren Militärstrafprozessordnung, in die Elemente aus dem zivilen Strafrecht einflossen, darunter die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Mit Kriegsbeginn 1914 erhielt die österreichisch-ungarische Militärjustiz eine enorme Ausweiterung ihrer Machtbefugnisse.

Delikte wie Hochverrat, Majestätsbeleidigung oder Störung der öffentlichen Ruhe wurden nun von Militärrichtern – »Auditoren« genannt – verhandelt. Die Militärjustiz der k. u. k. Armee diente auch als politisches Instrument zur Abschreckung und Ausschaltung oppositioneller Kräfte – dabei unterstanden den Gerichten auch Zivilpersonen. Gesamtzahlen zu Todesurteilen der k. u. k. Militärjustiz liegen nicht vor. Sie erfuhren aber in den Jahren 1914 bis 1918 eine enorme Ausweitung. Insgesamt wurden etwa 3 Millionen Menschen feldgerichtlich belangt – diese Zahl entspricht etwa derjenigen von Wehrmachtgerichten geführten Verfahren. Allein auf dem Territorium des späteren österreichischen Staatsgebiets belief sich von 1914 bis 1918 die Zahl der angefallenen Strafsachen auf 162.200.

Erste Republik

Die Kriegsniederlage von 1918 bedeutete das Ende der Monarchie in Deutschland wie auch in Österreich. Am 12. November 1918 wurde »Deutsch-Österreich« als demokratische Republik gegründet. Da der Friedensvertrag von St. Germain den laut Verfassung vorgesehenen Beitritt zur neuen Deutschen Republik untersagte, erfolgte am 21. Oktober 1919 die formelle Umbenennung in »Republik Österreich«. Die demokratischen Umwälzungen der Jahre 1918/1919 bereiteten auch der Militärjustiz ein Ende. Durch das Gesetz vom 15. Juli 1920 unterstanden fortan alle Heeresangehörigen der zivilen Gerichtsbarkeit. Ein weiteres Gesetz regelte die Übernahme von Angestellten der Militärjustiz in den Ziviljustizdienst. Diese Bestimmungen blieben bis 1934 gültig. Erst die austrofaschistische Diktatur führte die Militärjustiz wieder ein und etablierte einen Militärgerichtshof. Das Bundesheer selbst war schon ab den frühen 1930er Jahren immer häufiger gegen den »inneren Feind« eingesetzt worden. Dies betraf neben den terroristisch agierenden nationalsozialistischen Gruppierungen, die die Wiedereinführung der Militärjustiz de facto ausgelöst hatten, in erster Linie die Sozialdemokraten.

Auf dem Weg zum »poltischen Soldaten«

Die katholisch-faschistische Regierung unter Engelbert Dollfuß und seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg fand in Österreich wenig Rückhalt. Zu schaffen machte der Regierung nicht nur die 1934 verbotene Sozialdemokratie, sondern vor allem die seit 1933 illegal operierende NSDAP. Ihre Agitation verschärfte sich parallel zu den politischen Entwicklungen in Deutschland: Im Jänner 1933 war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, die Nationalsozialisten hatten innerhalb weniger Monate den demokratischen Rechtsstaat zerschlagen. Bereits im Mai 1933 wurde die Militärgerichtsbarkeit wieder eingeführt; seit 1935 galt die allgemeine Wehrpflicht. Zum Leitbild im Deutschen Reich wurde der »politische Soldat«, der sein Leben bedingungslos für »Führer und Volk« opfert. Die Spitzen der Militärjustiz machten sich sofort daran, das Militärstrafrecht den Erfordernissen des geplanten Krieges anzupassen. Wichtige Instrumente waren dabei die seit 1933 entwickelte Kriegssonderstrafrechtsverordnung und die Kriegsstrafverfahrensordnung, in Kraft gesetzt kurz vor Kriegsbeginn 1939. Beide gaben den Militärjuristen praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, gegen »innere und äußere Feinde« vorzugehen. Der Kreis der Personen, die als solche galten, wurde mit zunehmender Kriegsdauer immer weiter gefasst (auführliche Informationen zur Vorgeschichte der NS-Militärjustiz in Österreich finden Sie im Text von Mathias Lichtenwagner).

Der »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich

Der »Anschluss« kam nicht überraschend. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1938 hatte sich das politische Gleichgewicht immer stärker zugunsten der Nationalsozialisten verschoben. Am 11. März, zwei Tage nachdem Bundeskanzler Kurt Schuschnigg eine Volksbefragung über Österreichs Unabhängigkeit angekündigt hatte, organisierte die lokale NSDAP große Demonstrationen in allen Bundesländern und besetzte putschartig die regionalen Herrschaftszentren. Noch am Abend dieses Tages ernannte Bundespräsident Wilhelm Miklas den nationalsozialistischen Innenminister Arthur Seyß-Inquart zum Bundeskanzler. Der Einmarsch deutscher Truppen am Morgen des 12. März glich einem Triumphzug. Einen Tag später verabschiedete das Kabinett Seyß-Inquart das »Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich«, am 15. März sprach Adolf Hitler auf dem Wiener Heldenplatz zu einer jubelnden Menschenmenge. Das Bundesheer wurde unverzüglich der Deutschen Wehrmacht unterstellt. Binnen weniger Tage entließen die neuen Machthaber 14 Generäle und rund 50 Stabsoffiziere. Bis Jahresende 1938 wurden rund 18 Prozent der österreichischen Offiziere pensioniert, 1600 Mitglieder des Offizierskorps setzten jedoch ihre Karrieren in der Wehrmacht fort – es ist davon auszugehen, dass sich auf die gleiche Weise auch österreichische Juristen in den Justizapparat der Wehrmacht einfügten.

Literaturhinweise

Hautmann, Hans: Kriegsgesetze und Militärjustiz in der österreichischen Reichshälfte 1914-1918, in: Weinzierl, Erika; Stadler, Karl R. (Hg.): Justiz und Zeitgeschichte, Wien 1977, S. 101-122.

Reiter-Zatloukal, Ilse: Militärgerichtsbarkeit und Staatsordnung. Zur Geschichte einer Sondergerichtsbarkeit in Deutschland und Österreich. In: Pirker, Peter; Wenninger (Hg.): Wehrmachtsjustiz. Kontext, Praxis, Nachwirkungen, Wien 2010, S. 3-24.

Zur historischen Bewertung des Aufgehens des Bundesheeres in die Wehrmacht vgl. den Artikel von Trauttenberg/Vogl in: Österreichische Miliärische Zeitschrift, 4 (2007).

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Gedenkorte in Deutschland

Erinnerungszeichen in Deutschland

Die ersten Denkmalsinitiativen auf deutschem Boden gibt es seit Mitte der 1980er Jahre – sie liefen zunächst noch ausschließlich unter der Bezeichnung Deserteursdenkmäler. Wichtige Anstöße gab dabei unter anderen die Friedensbewegung, die vor allem seit dem so genannten NATO-Doppelbeschluss (1979) – der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland – viele Menschen mobilisierte. Eine breite gesellschaftliche Basisbewegung aus Geschichtswerkstätten, Gewerkschaften, Kirchen, Parteien des linken Spektrums stritten mit Parteien und Institutionen des bürgerlichen Lagers und soldatischen Traditionverbänden vor allem über zwei Fragen: Die Bewertung von Desertion in einem von Deutschland verursachten verbrecherischen Angriffskrieg und in diesem Zusammenhang auch über die Legitimität aktueller Kriege bzw. Rolle und Verantwortung des Einzelnen darin.

40 Erinnerungszeichen in Deutschland
Über 40 Erinnerungszeichen sind seither in Deutschland entstanden, das jüngste wurde 2015 in Hamburg eröffnet. Das Spektrum reicht dabei vom Stolperstein über einfache Gedenktafeln bis hin zu meterhohen und tonnenschweren Skulpturen. Einige stehen an prominenten Plätzen, die meisten allerdings noch immer unauffällig auf Privatgrundstücken. Manche Denkmale erinnern an konkrete Einzelne, meist aber an »den unbekannten Deserteur«. Oft sind es nur Gedenktafeln, auf Steine oder andere Trägermaterialien aufgebracht – einige greifen in mehr oder weniger figürlichen Entwürfen das Thema des Einzelnen gegenüber dem militärischen Apparat oder der Mehrheit der gehorsamen Soldaten auf. Die folgende Aufstellung ist nicht vollständig; noch immer bilden sich an vielen Orten neue Gedenkinitiativen. Wir sind dankbar für jegliche Hinweise zu neuen oder älteren Erinnerungszeichen.

 

Denkmal in Berlin-Charlottenburg / Foto: Patricia Pisani, Berlin

Denkmal in Berlin-Charlottenburg / Foto: Patricia Pisani, Berlin

Berlin/Charlottenburg I
Das »Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz« der Künstlerin Patricia Pisani wurde 2002 in der Nähe der Murellenschlucht (Berlin-Charlottenburg) eingeweiht. Die evangelische Kreissynode Charlottenburg hatte das Projekt im Jahre 1995 angeregt. In den sieben Jahren bis zur Umsetzung gab es eine lange Reihe von Streitpunkten zwischen den InitiatorInnen und dem Land Berlin. Dieses nutzte zu das Gelände bis vor kurzem noch als Schießgelände seiner Polizei. Die Hinrichtungsstätte lag auf diesem Gelände; das Land Berlin weigerte sich bis zum Schluss, das Denkmal direkt an der historischen Stätte errichten zu lassen.

Das Denkmal von Patricia Pisani besteht aus einer Installation von 104 beschrifteten Verkehrsspiegeln, die Aussagen von Zeitzeugen sowie zeitgenössische und aktuelle Gesetzestexte zum Thema wiedergeben. Auf dem Schießgelände im Westen Berlins, in unmittelbarer Nähe zum Olympiastadion, wurden zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 rund 340 kriegsgerichtlich verurteilte Wehrmachtsoldaten erschossen.

Weiterführende Informationen www.denkzeichen-am-murellenberg.de

 

Quelle: commons.wikimedia.org

Quelle: commons.wikimedia.org

Berlin/Charlottenburg II

In der Hardenbergstraße wurde am 27. November 2012 der Stolperstein für den Landarbeiter Otto Reinhold Siegel verlegt. Seit 1943 zum Kriegsdienst eingezogen diente Siegel zunächst an der Ostfront. Seine Hinrichtung am 5. Juni 1944 erfolgte vermutlich aufgrund religiöser Verweigerung; das Urteil ist nicht überliefert.

Weiterführende Informationen: Stolpersteinverlegung für Otto Reinhold Siegel

 

 

Berlin/Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Richard Scheibe: Skulptur im Innenhof des Bendlerblocks in der Stauffenbergstraße 18. Quelle: de.wikipedia.org

Richard Scheibe: Skulptur im Innenhof des Bendlerblocks in der Stauffenbergstraße 18.
Quelle: de.wikipedia.org

Eine Gedenk- und Bildungsstätte im “Bendlerblock”, während des Zweiten Weltkrieges Sitz des Befehlshabers des Ersatzheeres und Zentrale des Offizierswiderstands des “20. Juli 2944”, informiert seit 1968 an Personen und Ereignisse rund um den gescheiterten Staatsstreich in den letzten Monaten des “Dritten Reiches”. Im Innenhof des Gebäudekomplexes im Stadtteil Tiergarten befindet sich zudem ein 1953 eingeweihtes und seitdem mehrfach erweitertes Mahnmal, das an die hier erschossenen Wehrmachtsoffiziere erinnert.

 

 

 

 

 

 

 

Blick in die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Quelle: museumsportal-berlin.de

Blick in die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Quelle: museumsportal-berlin.de

Seit 1983 erinnert eine Dauerausstellung auch an die Schicksale von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern – wenn auch anfangs nur im engeren Sinne politisch motivierter Widerstand Berücksichtigung fand. Es sollte noch mehr als 20 Jahre dauern bis die Verfolgten der Wehrmachtgerichte allgemein als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden: 1998 hob der Deutsche Bundestag die Urteile wegen sogenannter Wehrkraftzersetzung auf, 2002 rehabilitierte das Parlament die Deserteure der Wehrmacht, 2009 folgten die wegen “Kriegsverrat” Verurteilten. Seit 2014 ist eine Neufassung der Dauerausstellung zu sehen.

Gedenktafel im Innenhof mit den Namen der infolge des gescheiterten Aufstands erschossenen Offiziere. Quelle:  de.wikipedia.org

Gedenktafel im Innenhof mit den Namen der infolge des gescheiterten Aufstands erschossenen Offiziere.
Quelle: de.wikipedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin/Friedrichshain

Gedenkstein für Hermann-Stöhr, gesetzt 1998. Quelle: www.gedenktafeln-in-berlin.de

Gedenkstein für Hermann-Stöhr, gesetzt 1998.
Quelle: www.gedenktafeln-in-berlin.de

Auf dem Hermann-Stöhr-Platz, unweit des Berliner Ostbahnhofs wurde 1998 auf Initiative der evangelischen Kirche und der Friedensbibliothek im Antikriegsmuseum Berlin ein Gedenkstein eingeweiht. Auf dem Stein befindet sich eine Texttafel, die an den Widerstandskämpfer Hermann Stöhr erinnert, der aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigert hatte. Stöhr war deshalb 1940 im Strafgefängnis Plötzensee hingerichtet worden. Die Grünanlage befindet sich nahe seiner früheren Wohnung in der Fruchtstraße, heute Straße der Pariser Kommune.

 

 

Quelle: Holger Hübner

Quelle: Holger Hübner

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Informationen:

Verzeichnis Gedenktafeln in Berlin

Kurzportrait Hermann Stöhrs der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Artikel in Die Zeit, 24. Januar 1986, Beschämend auch für die Kirche: “Was Jesus fordert, war für sie zuviel”

 

Berlin/Mitte

Der Bahnhof Friedrichstraße gehört zu den wenigen Orten, an denen bereits im ersten Jahrzehnt nach nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Denkzeichen angebracht wurde. Die Inschrift verweist auf einen Fall von willkürlicher Gewalt gegen zwei Soldaten in den letzten Kriegstagen; ob sie tatsächlich desertiert waren oder in der unübersichtlichen Lage im “Endkampf” um Berlin lediglich die Orientierung verloren hatten, lässt sich nicht mehr feststellen. Eine provisorische Gedenktafel wurde 1952 auf Initiative der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN) installiert. Nachdem das Erinnerungszeichen nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 mehrmals entfernt worden war, setzte das Aktive Museum Berlin im Jahr 1999 die Befestigung einer neuen Tafel durch. Diese befindet sich in der Bahnunterführung. Der Text lautet:

Kurz vor Beendigung des /
verbrecherischen /
Hitlerkrieges wurden hier /
zwei junge deutsche /
Soldaten von entmenschten /
SS-Banditen erhängt. /
1952 Erneuert 1999

Weiterführende Hinweise: Zwei Deserteure – Opfer der Waffen-SS

 

Berlin/Wilmersdorf

Foto: Martin Hoffmann

Erinnerungstafel in Berlin/Wilmersdorf
Foto: Martin Hoffmann

Am 24. April 2015 wurde an der Kreuzung Berliner Straße/Uhlandstraße eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an einen 17jährigen Soldaten, der dort in den letzten Apriltagen 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht erhängt wurde. Bereits unmittelbar nach Kriegsende legten Bewohner am ehemaligen Tatort Blumen nieder, anschließend geriet die Geschichte jedoch in Vergessenheit. Nachdem sich dann die Friedensinitiative Wilmersdorf Mitte der 1990er Jahre erfolglos für eine Gedenktafel eingesetzt hatte, ergriff der Historiker Michael Roeder 2013 erneut die Initiative; Unterstützung erfuhr er durch ein Netzwerk zivilgesellschaftlicher Institutionen, darunter die Arbeitsgemeinschaft Frieden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und das Aktive Museum. Finanziert wurde die Gedenktafel durch Spenden zahlreicher Privatpersonen und Organisationen. An der Eröffnungsfeier nahmen 200 Menschen teil; es sprachen unter anderen der Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann sowie der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz.

Weiterführende Informationen: Gedenktafel für ermordete Deserteure

 

Denkmal in Bernau bei Berlin / Foto: www.offenehuette.de

Denkmal in Bernau bei Berlin / Foto: www.offenehuette.de

Bernau bei Berlin
15. Mai 1998 weihte die Stadt Bernau nordöstlich von Berlin das Deserteursdenkmal mit dem Titel »Weil er nicht töten wollte« des Bildhauers Friedrich Schötschel ein. Die Anregung zum Denkmal war von einer Bernauer Schülergruppe ausgegangen; eine Eingabe an die Stadtverordnetenversammlung wurde 1997 positiv beschieden. Das Denkmal, in Form einer Relieftafel auf einem Betonblock steht in der Mühlenstraße, direkt an der historischen Stadtmauer; direkt gegenüber befindet sich ein Kriegerdenkmal für die gefallenen deutschen Soldaten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, außerdem ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, sowie ein sowjetisches Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Das Deserteursdenkmal zeigt einen an Händen und Füßen gefesselten Deserteur bei seiner Hinrichtung. Die Augen sind ihm verbunden. Neben ihm befinden sich in der Wand zahlreiche Einschusslöcher. Zu Füßen des Reliefs ist eine Bronzeplatte angebracht; die Inschrift – angelehnt an Verse Gerhard Schönes – lautet:

»Gewidmet allen Deserteuren und Verweigerern / deren Heimat die Mutter Erde ist, / die im Feind den Menschenbruder erkennen, / die statt auf Generäle auf den Befehl ihres Gewissens hören, / die nicht an Ideologen, sondern am Leben hängen, / deren Angst kleiner als ihre Liebe ist.«

In Bernau bei Berlin waren noch im April 1945 Deserteure von Feldjägern erschossen worden. Das Grab von zwölf Soldaten eines Strafbataillons, die sich von ihrer Truppe entfernt hatten, wurde 1956 nördlich der Chaussee Bernau-Albertshof gefunden. Die Gebeine der Ermordeten wurden auf dem Friedhof von Bernau im Beisein der Hinterbliebenen beigesetzt.

Weiterführende Informationen www.offenehuette.de

 

Denkmal in Braunschweig/Stadt / Foto: Manuela Büchting, Braunschweig

Denkmal in Braunschweig/Stadt / Foto: Manuela Büchting, Braunschweig

Braunschweig/Stadt
Eine in der Braunschweiger Innenstadt an der Westseite der Magni-Kirche angebrachte Steintafel nimmt hier insofern eine Sonderstellung ein, als sie formal eher ein Platzhalter für ein Deserteursdenkmal ist. Dieses Denkmal des Braunschweiger Künstlers und Totalverweigerers Rainer Scheer wurde zunächst zweimal von Unbekannten zerstört und später, in der Neujahrsnacht 1995, gestohlen. Die ersten Anfänge des Kampfes für ein Deserteursdenkmal in der Region Braunschweig gehen noch viel weiter zurück: Erstmals 1989 und dann noch weitere vier Male versuchten Friedensaktivisten der Stadt Braunschweig ein Denkmal zu »schenken«. Die beiden ersten Denkmäler von Rainer Scheer wurden jeweils zerstört, ein neuer Denkmalsentwurf endete zweimal mit der Rückgabe des Denkmals an den Künstler. Verbunden mit den Denkmälern waren jeweils radikal-pazifistische Interventionen, Kritik an den Kriegen der NATO in Somalia, Jugoslawien und anderswo und damit eine Verknüpfung historischer und aktueller Bilder von Deserteuren.
Auch wenn keines der Denkmäler in der Braunschweiger Innenstadt jemals einen Platz finden konnte, erinnerte das Friedenszentrum Braunschweig als Initiator bei der Einweihung einer Steintafel am 12. April 1995 nicht nur an das verhinderte Denkmal, sondern auch an die Deserteure der Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges. Unter dem Motto: »Den Deserteuren ein Denkmal, sie schaden dem Krieg« heißt es hier: »Hier stand vom 1.9.1994 bis zum 1.1.1995 ein Deserteurdenkmal. Nach zwei Zerstörungsversuchen wurde es am Neujahrsmorgen entwendet. Also seid ihr verschwunden, aber nicht vergessen; niedergeknüppelt, aber nicht widerlegt, zusammen mit allen unbeirrbar auf der Wahrheit Beharrenden uns Mahnung und Beispiel. Nach Bert Brecht«

Im nächsten Jahr gelang es dem Braunschweiger Friedenszentrum allerdings doch noch, die Stadt in die Pflicht zu nehmen. Historische Recherchen hatten ergeben, dass die Wehrmachtjustiz bei den Schiessständen in der Buchhorst, einem Wald bei Riddagshausen (siehe nächster Eintrag), auch verurteilte Wehrmachtssoldaten hatte hinrichten lassen. Wieder bildete sich eine Initiative für die Errichtung eines Deserteursdenkmals. Standort solllte der Garnisonsfriedhof Rebenring/Pockelstraße (nahe der heutigen TU-Mensa) werden. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt, eine Jury berufen und am 12. April 1996 kam es zu einer Preisverleihung. Ausgezeichnet wurde Arne Witt aus Flensburg für eine Skulpturen-Reihe von Beton-Klötzen, von denen einer umgefallen und zerbrochen ist. Umgesetzt wurde das Denkmal indes nicht.

Weiterführende Informationen www.friedenszentrum.info

 

Denkmal in Braunschweig/Buchhorst / Foto: Manuela Büchting, Braunschweig

Denkmal in Braunschweig/Buchhorst / Foto: Manuela Büchting, Braunschweig

Braunschweig/Buchhorst
Am 16. November 2003 weihte das Friedenzentrum Braunschweig mit Unterstützung des Kloster- und Studienfonds sowie des Forstamts Riddagshausen eine Gedenkstätte für die auf dem Schießstand Buchhorst erschossen Opfer des Nationalsozialismus ein. In den Ruinen des noch bis 1962 von Polizei und Bundesgrenzschutz als Schießanlage genutzten Geländes erinnert eine bemerkenswerte Installation an den Ort der Hinrichtung von mindestens sechs wehrmachtgerichtlich Verurteilten. Entworfen und umgesetzt wurde sie seit 2002 von Studierenden der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste unter Leitung der Bildhauerin Petra Förster. Die roten Fäden auf der Fotografie versinnbildlichen die Geschossbahnen der Hinrichtungskommandos. Auf Tafeln im inneren der Kugelfänge sind Namen der Exekutierten aufgebracht. Zudem markieren vier Skulpturen aus Ziegelsteinen und Ruinenresten den Weg zur Hinrichtungsstätte. Sie sollen die Aufmerksamkeit von Spaziergängern und Wanderern des naheliegenden Waldweges erregen.
Die in Braunschweig meist von der Division 191 gefällten Todesurteile wurden außer in Buchhorst, in Wolfenbüttel, im Kasernengelände in der Lindener Straße sowie im dortigen Gefängnis vollstreckt.

Weitere Informationen www.friedenszentrum.info sowie kramerwf.de und www.vernetztes-gedaechtnis.de

 

Denkmal in Bremen/Vegesack / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Denkmal in Bremen/Vegesack / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Bremen/Vegesack
Am 26. April 1986 weihte die Gruppe »Reservisten verweigern sich« das Mahnmal »Dem unbekannten Deserteur« auf dem Ansgarikirchhof in Bremen ein. Durch Vermittlung des Bremer Senators für Bildung, Wissenschaft und Kunst wurde mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerhaus bald ein neuer Standort gefunden; hier ist das Mahnmal noch heute zu sehen. An der öffentlichen Veranstaltung zur Übergabe des Mahnmals am 18. Oktober 1986 waren die Initiatoren, Vertreter des Bürgerhausvereins sowie der Antifaschistische Arbeitskreis, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, Angehörige der Volkshochschule und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beteiligt.
Die politische Auseinandersetzung vor allem mit Vertretern der bürgerlichen Parteien in und außerhalb Bremens wurde erbittert geführt. Dies lag vor allem daran, dass das Mahnmalprojekt von Anfang an einen besonderen politischen Charakter hatte. Bei den Initiatoren und Gestaltern der Skulptur handelte es sich um eine Gruppe von Reservisten der Bundeswehr, die nachträglich den Kriegsdienst verweigert und sich zuvor explizit vom NATO-Doppelbeschluss, der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland, distanziert hatten. Sie bezeichneten sich als »die bekannten Deserteure« von morgen. Um dies zu verdeutlichen, wurde der Kopf des Soldaten bzw. Deserteurs auf dem Mahnmal mit einem NATO-Helm versehen. Die Gruppe »Reservisten verweigern sich« suchte im Rahmen der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Deserteuren gleichzeitig nach Bezügen zu den Deserteuren der Wehrmacht.

Weiterführende Informationen www.zeit.de

 

Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald / Foto: www.braunzonebw.blogsport.de

Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald / Foto: www.braunzonebw.blogsport.de

KZ-Gedenkstätte Buchenwald
Am ehemaligen Block 45 des ehemaligen Konzentrationslagers erinnert heute ein Gedenkstein an Deserteure und so genannte Wehrkraftzersetzer der Wehrmacht, die von November 1944 bis März 1945 aus dem Militärstrafvollzug oder aus Zuchthäusern in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen worden waren. Die Gedenkplatte wurde im Rahmen eines Festakts am 15. Mai 2001 – dem internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer – auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben. Der Gedenkstein trägt folgende Inschrift: »In Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz, die den Kriegsdienst verweigert haben und einem verbrecherischen Regime nicht mehr dienen wollten.« Der Anstoß zu der Gedenkplatte ging aus von einer Tagung des Vereins »Gegen das Vergessen – für Demokratie«, drei Jahre zuvor; Mitinitiator war Ludwig Baumann, Vorsitzender der »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz«.

Weiterführende Informationen: KZ-Gedenkstätte Buchenwald

 

Denkmal in Darmstadt / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Denkmal in Darmstadt / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Darmstadt
Eine Gruppe von Ex-Reservisten der Bundeswehr mit dem Titel »Darmstädter Friedenshetzer« weihte am 14. November 1987 im Garten des Pfarrers der evangelischen Martinsgemeinde eine Stahlplastik mit dem Titel »Dem unbekannten Deserteur ein«. Das Denkmal zeigt die Silhouetten von fünf Soldaten, die die Hand zum Gruß an den Helm gelegt haben. Mit dem Denkmal wollten die Initiatoren darauf aufmerksam machen, »daß sich der Soldat in einem ‘Unrechtsstaat’ nicht an der Rechtslage, sondern an seinem Gewissen orientieren soll«, heißt es in einer Pressemedlung aus dem Jahre 1987. Außerdem wollte die Reservistengruppe auf die Diskriminierung und Benachteiligung der überlebenden Wehrmachtsdeserteure hinweisen.
Gefertigt wurde das Denkmal von einer Gruppe des Werkhofes Darmstadt. Die Aktion fand noch jenseits staatlicher Unterstützung oder Finanzierung statt. Da die Denkmalsetzer einen möglichst großen Kreis von Menschen erreichen wollten, war von vornherein geplant, das Denkmal an verschiedene Orte zu bringen. Nach dem Garten des Pastors wurde es an weiteren zwei Orten gezeigt, auf einem Schulgelände und an einer Mauer in der Lauteschlägerstraße in Darmstadt. Dort ist die Plastik seit 1994 noch immer angebracht.

 

Denkmal in Ebern bei Würzburg / Foto: Privatarchiv Günter Lipp

Denkmal in Ebern bei Würzburg / Foto: Privatarchiv Günter Lipp

Ebern bei Würzburg
Sechzig Jahre nach der Erschießung von vier namentlich bekannten Wehrmachtssoldaten weihte die mainfränkische Stadt Ebern am Hinrichtungsort eine Gedenktafel ein. Seit 2005 gedenkt die Stadt den Männern, die sich vermutlich in den letzten Kriegstagen von ihren Einheiten abgesetzt hatten und dafür am 5. April 1945 im Gefängnishof der Stadt vor einem Erschießungskommando sterben mussten – nur sechs Tage, bevor amerikanische Truppen die Stadt befreiten. Auf dem Stein, den der Bürgerverein Ebern gesetzt hat, sind die Namen der vier Erschossenen eingraviert; an der Unterkante ist ein Ausspruch von Martin Luther eingraviert: »Das Recht ist ein zeitlich Ding, das zuletzt aufhören muss. Aber das Gewissen ist ein ewig Ding, das nimmermehr stirbt.«Durch intensive lokalhistorische Spurensuche konnten in Franken viele ähnliche Beispiele vollstreckter Todesurteile, vor allem durch das Standgericht Helm, dokumentiert werden, unter anderem in Aschaffenburg, Bad Kissingen, Kronach, Hof, Coburg, Nürnberg und Zellingen bei Würzburg. Hier stehen entsprechende Denkmalsetzungen allerdings noch aus.

 

Emslandlager

Zwischen 1933 und 1938 ließ das NS-Regime 15 Straflager im Emsland errichten, in denen Häftlinge und Kriegsgefangene aus ganz Europa festgehalten wurden. Von den hier inhaftierten Soldaten waren die meisten wegen unerlaubter Entfernung, Fahnenflucht oder »Wehrkraftzersetzung« für »wehrunwürdig« erklärt und an die zivile Reichsjustizverwaltung übergeben worden. Die Haftbedingungen waren geprägt von mörderischer Arbeit im Moor, unzureichender  Ernährung und Bekleidung sowie Demütigungen und Misshandlungen seitens der Wachmannschaften.

 

Das Gedenkstättengeländeheute. Foto: wes-la.de

Das Gedenkstättengeländeheute.
Foto: wes-la.de

Insgesamt saßen in den Lagern Esterwegen, Brual-Rhede, Börgermoor, Aschendorfermoor, Walchum und Neusustrum zwischen 25.000 und 30.000 kriegsgerichtlich Verurteilte ein. Sie nannten sich selbst »Moorsoldaten«, in Anspielung auf die schwere Arbeit, die sie bei der Kultivierung des Emsländischen Moores leisten mussten. Mindestens 780 von ihnen starben hier während des Krieges an Hunger, Krankheiten und Misshandlung. Von den Emslandlagern aus wurden 5.000 bis 6.000 militärgerichtlich Verurteilte in das Torgauer Wehrmachtgefängnis Fort Zinna überstellt, wo sie auf ihre Eignung für die Bewährungstruppe 500 überprüft wurden. Die so zusammengestellten Bataillone kamen an besonders gefährlichen Frontabschnitten zum Einsatz.

Nach Kriegsende fand sich für die Errichtung eines Gedenkortes zunächst keine Unterstützung. Ein »Aktionskomitee für ein Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager e. V.« (DIZ) setzte sich seit 1981 mit einer Dauerausstellung in Papenburg für die Aufarbeitung der regionalen Geschichte ein. Seit 2011 führt sie ihre Arbeit in der neu eröffneten Gedenkstätte Esterwegen fort.

Weiterführende Hinweise

Homepage der Gedenkstätte Esterwegen

 

Denkmal in Erfurt / Foto: Privatarchiv Eckart Schörle, Erfurt

Denkmal in Erfurt / Foto: Privatarchiv Eckart Schörle, Erfurt

Erfurt
Am 1. September 1995 weihte die Stadt Erfurt bei den Wallanlagen der ehemaligen Zitadelle auf dem Petersberg das Deserteursdenkmal des Erfurter KünstlersThomas Nicolai ein. Die Initiative für das Denkmal war im November 1994 unter anderen von Gewerkschaften, Friedensgruppen, Kirchenvertretern, Künstlern sowie überlebenden Deserteuren der Wehrmacht und anderen Opfern des Nationalsozialismus ausgegangen. Zahlreiche Prominente unterstützen das Projekt u. a. Ralph Giordano, Gerd Zwerenz, Joschka Fischer, der evangelische Erfurter Bischof Christoph Demke und Christa Wolf. Der christdemokratische Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge stand dem Denkmal bis zu seiner Eröffnung ablehnend gegenüber. Die Fraktionen von Bündnis 90/DIE GRÜNEN und PDS/DIE LINKE setzten sich schließlich durch.
Das Denkmal besteht aus acht Metallstelen, von denen sieben die Anmutung einer starren, disziplinierten Haltung haben. Eine ist abweichend gestaltet, wendet sich aus der Reihe ab; sie symbolisiert einen Fahnenflüchtigen. Eine Bronzetafel am Boden trägt die Inschrift »Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur – Den Opfern der NS-Militärjustiz – Allen die sich dem Naziregime verweigerten«. Der Text schließt mit einem Zitat von Günter Eich: »Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt«.
Der Petersberg ist ein authentischer Ort der NS-Militärjustiz: Im Kommandantenhaus der Zitadelle Petersberg befand sich seit 1940 das Feldgericht 409. Infanterie Division. Zudem waren Zellen für Untersuchungshäftlinge im Keller der großen Defensionskaserne im inneren Ring der Festung untergebracht. An einer nahe gelegenen Häuserwand kam es zur Erschießung von mindestens 20 wehrmachtgerichtlich verurteilten Soldaten.

 

 

Denkmal in Flensburg / Foto: Stadtarchiv Flensburg

Denkmal in Flensburg / Foto: Stadtarchiv Flensburg

Flensburg I

Im Jahre 2003 wurde dem aus Flensburg stammenden Kapitänleutnant Asmus Jepsen eine Straße im Neubaugebiet Twedter Feld gewidmet. Es liegt unweit des Geländes des Marinestandorts Mürwik, in dem bei Kriegsende der Großadmiral Karl Dönitz als Nachfolger Adolf Hitlers seinen Sitz hatte. Jepsen hatte wenige Stundenvor der Kapitulation in Norddeutschland seine Soldaten nach Hause geschickt und war dann selbst in seinen Heimatort zurückgekehrt. Kurze Zeit später wurde er verhaftet, von einem Standgericht wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und am 6. Mai 1945 auf dem Twedter Feld erschossen. Allein in den letzten Kriegstagen starben in und um Flensburg nach wehrmachtgerichtlichen Urteilen mindestens 150 Soldaten. Die Straßenbenennung soll hier stellvertretend für andere ähnlich Aktionen stehen (vgl. den Eintrag zu Kiel-Holtenau, Köln-Dünnwald und Tübingen).

 

Flensburg II

Flensburger Denkmal „….für Menschen, die sich nicht missbrauchen ließen für einen verbrecherischen Krieg.<br />Foto: Dr. Helmreich Eberlein

Flensburger Denkmal „….für Menschen, die sich nicht missbrauchen ließen für einen verbrecherischen Krieg.
Foto: Dr. Helmreich Eberlein

Am 7. Januar 2014 wurde in Flensburg das Denkmal „für Menschen, die sich nicht missbrauchen ließen für einen verbrecherischen Krieg“ eröffnet. Es befindet sich am “Platz der Gärtner” in der Roten Straße. Die erste Initiative dazu gab es bereits im Jahre 1994: Die Gruppe „Christen für die Abrüstung“ hatte das Mamor-Relief in Auftrag gegeben und sich für die Errichtung stark gemacht. Zwar hatte die rot-grüne Ratsmehrheit die Aufstellung des Denkmals zunächst zugesagt. Die SPD-Fraktion rückte davon allerdings wieder ab, alle weiteren Versuche einer Errichtung scheiterten in der Folge. Über zwanzig Jahre lang stand das Denkmal in einem Flensburger Hinterhof. Im Januar/Februar 2012 brachte die Station der Wanderausstellung “Was damals Recht war – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht” im Flensburger Rathaus die Diskussion wieder in Schwung. Die Ratsversammlung beschloss am 22. März 2012 mit großer Mehrheit die Aufstellung.

Eröffnungsrede von Anke Sporendonk (Ministerin für Justiz, Kultur und Europa in Schleswig Holstein)

Eröffnungsrede von Dr. Helmreich Eberlein (Christen für die Abrüstung)

Grußwort der Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar

 

Gedenktafel am ehemaligen  Kasernenstandort des preußischen Infanterie Regiments Nr. 82. Foto: museenkoeln.de

Gedenktafel am ehemaligen Kasernenstandort des preußischen Infanterie Regiments Nr. 82.
Foto: museenkoeln.de

Göttingen
Die niedersächsische Stadt war eine der ersten in Deutschland, die am 1. September 1990 offiziell eine Gedenktafel für Deserteure einweihte. Das Steinrelief mit dem Titel »Die Kirschen der Freiheit« des Göttinger Künstlers Joachim Nitsch wurde am Amtshaus, dem ehemaligen Sitz des in Göttingen stationierten 82. Infanterie Regiments, angebracht. Initiator war die Göttinger Gruppe »Reservisten verweigern den Kriegsdienst«, unterstützt durch weitere Gruppen der Friedensbewegung, die örtliche Geschichtswerkstatt, kulturpolitischen Initiativen und Parteien. Dem Bremer Beispiel folgend nahm die Reservistengruppe den Volkstrauertag 1987 zum Anlass, sich auch gegen die anhaltende Diskriminierung und Kriminalisierung von Deserteuren in der Bundesrepublik auszusprechen.
In den folgenden Jahren bis zur Eröffnung fand in der städtischen Öffentlichkeit eine intensive Auseinandersetzung statt. Die Historiker Jörg Kammler (Kassel) und Norbert Haase (Berlin) reisten für Veranstaltungen nach Göttingen, um Ergebnisse der damals erst beginnenden Forschung zum Thema zu referieren. Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen etwa aus Anlass von Antikriegstagen fanden statt, und es kam parallel auch zu sehr engagiert geführten kommunalpolitischen Auseinandersetzungen. SPD und Grün Alternative Liste (GAL) setzten sich schließlich gegen die Fraktionen von CDU und FDP durch, wenn auch mit jeweils unterschiedlichen Vorstellungen über den Text der Gedenkplatte.
Auf die Steintafel ist der Satz des Schriftstellers Alfred Andersch »Nicht aus Furcht vor dem Tod, sondern aus dem Willen zu leben« eingraviert. Das Motto stammt aus dem Roman Die Kirschen der Freiheit, in dem Alfred Andersch seine eigene Desertion aus der Wehrmacht im Juni 1944 in Italien verarbeitet. Das Denkmal wendet sich damit gegen falsche Ideale von Heldentum, bedingungslosen Gehorsam und Opferbereitschaft, die für die Initiatoren mit dem nur ca. 200 Meter entfernten Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 82er Regiments aufgerufen werden. Dessen Motto heißt: »Bis zum Tode getreu«.

Weiterführende Informationen:

http://portal-militaergeschichte.de/draeger_wehrmachts-deserteure

 

Gedenktafel für die mindestens 147 am Truppenübungsplatz Hamburg-Höltigbaum hingerichteten Wehrmachtssoldaten. Foto: Detlef Garbe

Gedenktafel für die mindestens 147 am Truppenübungsplatz Hamburg-Höltigbaum hingerichteten Wehrmachtssoldaten.
Foto: Detlef Garbe

Hamburg/Höltigbaum
Am 5. September 2003 weihte die Kulturbehörde Hamburg eine Informationstafel zur Hinrichtungsstätte auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz auf dem Höltigbaum ein. Erste Impulse hierfür waren bereits im Jahre 1988 von der Friedensinitiative Rahlstedt ausgegangen; lange Zeit war eine Umsetzung jedoch politisch nicht durchsetzbar. Der Standort, den Wehrmacht wie später auch die Bundeswehr genutzt hatten, war erst kurz vor der Einweihung aufgegeben worden. Heute ist das Arreal ein Naherholungsgebiet. Auf der vom Denkmalschutzamt Hamburg aufgestellten Tafel ist folgender – inzwischen hinsichtlich der Zahlen von der Forschung überholte – Text abgedruckt: »Auf den Schießständen des Übungsplatzes wurden beginnend mit dem Jahr 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mindestens 330 Wehrmachtsangehörige, auch Kriegsgefangene hingerichtet. Die Todesurteile fällten Kriegsgerichte der Wehrmacht in Hamburg, Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung waren zumeist die Gründe. Aus Soldaten der umliegenden Kasernen bildete man die Hinrichtungskommandos. Kurz vor Kriegsende, am 28. April 1945, fanden die letzten Exekutionen statt.«
Im Jahr 2005 stellte die SPD-Fraktion in der Bezirksversammlung Wandsbek den Antrag, die Straßen im Gebiet der von der Bundeswehr aufgegebenen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld nach Deserteuren zu benennen, die am Höltigbaum erschossen wurden.

Weiterführende Information www.gedenkstaetten-in-hamburg.de

 

Halle/Saale

Eingang zur Gedenkstätte Roter Ochse Foto: berlinkolleg.com

Eingang zur Gedenkstätte Roter Ochse
Foto: berlinkolleg.com

In der Gedenkstätte Roter Ochse wird seit 1996 an das Unrecht zweier Diktaturen erinnert. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden in der damals als Zuchthaus genutzten Einrichtung 549 Menschen getötet, davon 275 nach wehrmachtgerichtlichen Urteilen. Der Hinrichtungsraum dient heute auch als Gedenkraum für die Opfer. Nach 1950 wurde das Gebäude vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR genutzt.

 

 

 

 

 

 

 

Gedenkstele in der Dölauer Heide Foto: CWG Halle

Gedenkstele in der Dölauer Heide
Foto: CWG Halle

Die Gedenkstätte eröffnete in Zusammenarbeit mit dem Hallenser Christian-Wolff-Gymnasium und mit Unterstützung der Stadt Halle am 5. September 2014 eine Informationsstele. Sie erinnert an die Erschießung von 23 belgischen WiderstandskämpferInnen, die das Reichskriegsgericht in Torgau zuvor zum Tode verurteilt hatte. Standort ist die Dölauer Heide.

Weiterführende Hinweise:

Homepage der Gedenstätte Roter Ochse

 

 

 

 

 

 

 

Hamburg/Stephansplatz

Hamburger "Gedenkort für Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz" Foto: Magnus Koch

Hamburger “Gedenkort für Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz”
Foto: Magnus Koch

Am Dammtorbahnhof, nahe von Binnen- und Außenalster, befindet sich der für Hamburg zentrale Ort, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg geht. Das bekannteste Hamburger Kriegerdenkmal, der sogenannte „Kriegsklotz“, entstand 1936 auf Initiative der Traditionsvereine des Infanterie-Regiments Nr. 76. Er erinnert an die 40.000 Hamburger Kriegstoten des Ersten Weltkrieges. Seine Inschrift preist den Heldentod: »Deutschland muss leben / und wenn wir sterben müssen«. Obwohl die britische Militärverwaltung nach 1945 den Abriss militaristischer Denkmale angeordnet hatte, blieb das Monument erhalten. Doch schon in den frühen Nachkriegsjahren war diese Entscheidung umstritten. Zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren wurde das Denkmal wiederholt beschädigt und bemalt und es war Ort antimilitaristischer wie auch militaristischer Kundgebungen. Ein 1985/1986 von dem Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka im Auftrag des Senats errichtetes Gegendenkmal am »Kriegsklotz« blieb unvollendet.

Im November 2015 wurde – als drittes Denkmal am Ort – der „Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz“ eröffnet. Im Juni 2012 hatte die Hamburger Bürgerschaft dafür einstimmig einen fraktionsübergreifenden Antrag verabschiedet. Bereits seit 2010 hatte ein breites zivilgesellschaftliches „Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal“ mit Aktionen und Veranstaltungen versucht, Druck auf die Politik auszuüben.

In dem Denkmal des Hamburger Künstlers Volker Lang werden über eine Audio-Anwendung Namen und Schicksale der namentlich bekannten 227 in Hamburg nach wehrmachtgerichtlichen Todesurteilen Hingerichteten verlesen; dazu finden sich dort Kontextinformationen zu Verfolgungshintergrund und Denkmalsetzung. Zwei der Außenseiten des dreieckigen Baus bestehen aus einem bronzenen Schriftgitter, das einen Text des Dichters Helmut Heißenbüttel zu lesen gibt. (“Hamburg 1944”).

Weiterführende Informationen:

http://www.hamburg.de/contentblob/4367872/data/deserteurdenkmal.pdf

http://www.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/Dokumentation-Deserteure-HH-201311.pdf

 

Denkmal in Hamburg/Wandsbek / Foto: www.taz.de

Denkmal in Hamburg/Wandsbek / Foto: www.taz.de

Hamburg/Wandsbek
Stellvertretend für andere Stolpersteinverlegungen in Deutschland soll hier der für Kurt Oldenburg vom 20. Juli 2007 erwähnt werden. Oldenburg wurde 1942 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und später begnadigt. Er fiel in den letzten Kriegstagen als Angehöriger einer Strafeinheit der Wehrmacht; sein genaues Schicksal ist ungeklärt. Der Text des Stolpersteins lautet:

Hier wohnte / Kurt Oldenburg / Jg. 1922 / Dienst an der Waffe / verweigert / Todesurteil 1942 / Strafbataillon / Tot 1945

Weiterführende Informationen:

http://stolpersteine-hamburg.de/index.php?&MAIN_ID=7&p=174&BIO_ID=2712

 

Denkmal in Hannover / Foto: www.frieden-hannover.de

Denkmal in Hannover / Foto: www.frieden-hannover.de

Hannover
Hannover hat (ebenso wie Göttingen) seit dem 1. September 1990 ein Deserteursdenkmal. Seine Errichtung ging auf die Idee der »Selbstorganisation der Zivildienstleistenden und Totaler Kriegsdienstverweigerer« zurück. Ähnlich wie etwa die Initiativen in Braunschweig oder Bremen ging es der Gruppe um eine Verknüpfung von aktuellen Diskussionen um die Totalverweigerer der Bundeswehr und dem Schicksal der Wehrmachtsdeserteure im Zweiten Weltkrieg. Das Denkmal besteht aus einer Betonplatte von einem Quadratmeter Grundfläche, auf der ein hingeworfener Stahlhelm und ein Paar Kampfstiefel liegen. Es wurde zunächst öffentlich auf dem Kröpke in der Hannover’ schen Innenstadt enthüllt. Anschließend brachten die Initiatoren das Denkmal an seinen Bestimmungsort vor das neue Rathaus, wo es bis heute steht; dies obwohl anfangs mit Ausnahme der GRÜNEN zunächst keine der Fraktionen des Stadtrates für das Projekt stimmte; erst 1994 nahm der Stadtbezirksrat Mitte das »Geschenk« der Denkmalsetzer an. Eine kleine Tafel auf der Sockelplatte trägt die Aufschrift »Denk-mal an den unbekannten Deserteur!«

Weiterführende Informationen www.frieden-hannover.de

 

Denkmal in Ingolstadt / Foto: Privatarchiv Stefan Sauer

Denkmal in Ingolstadt / Foto: Privatarchiv Stefan Sauer

Ingolstadt
Im April 1999 weihte Ingolstadt sein »Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten der Weltkriege« ein. Eine »Initiative für Mahn- und Gedenkstätten in Ingolstadt« um zwei GRÜNE Stadtverordnete hatte sich im Gedenkjahr 1995 gegründet; erste Forschungen von Lutz Tietmann zum Thema gehen in Ingolstadt auf das Jahr 1989 zurück. Als Ziel formulierte die Denkmalinitiative, bisherige Ingolstädter Denkmalsetzungen, die vor allem den deutschen Bomben- und anderen Kriegsopfern gewidmet waren, in ein neues übergreifendes Denkmalkonzept einzubeziehen, ohne dabei historische Tiefenschärfe zu verlieren.

Nach einer hochkarätig besetzten Fachtagung und einer in der städtischen Öffentlichkeit breit geführten Diskussion lobte die Stadt schließlich einen KünstlerInnenwettbewerb aus. Der siegreiche Entwurf wurde von allen Fraktionen des Ingolstädter Stadtrates mitgetragen.

Im Luitpoldpark stellten die Initiatoren schließlich neun je 1, 80 Meter hohe blaue Stelen auf, in die Fotos von verfolgten Ingolstädter Bürgerinnen und Bürgern montiert sind. An der Stele findet sich lediglich ein kurzer Hinweis auf die Verfolgung in der NS-Zeit. Im Stadtmuseum werden die abgebildeten Personen in einem zweiten Schritt ausführlich vorgestellt. Unter den Dargestellten sind Juden, ZwangsarbeiterInnen sowie andere aus politischen oder rassischen Gründen Verfolgte. Weitere Stelen sind in der Stadt verteilt aufgestellt; eine befindet sich an der ehemaligen Hinrichtungsstätte am Auwaldsee. Hier ließ die Wehrmachtjustiz zwischen August 1944 und April 1945 mindestens 75 Todesurteile vollstrecken, 63 davon an Wehrmachtsangehörigen.

Weiterführende Informationen www.gedenkstaettenforum.de

 

Denkmal in Karlsruhe / Foto: www.museenkoeln.de

Denkmal in Karlsruhe / Foto: www.museenkoeln.de

Karlsruhe
Im Gewerbehof in der Steinstraße 23 steht ein Deserteursdenkmal, das auf Initiative der Karlsruher Gruppe von»Reservisten verweigern sich« am 5. Mai  1990 dort aufgestellt worden war. Das Denkmal besteht aus einem gemauerten Sockel, auf den ein Soldatenhelm platziert wurde. Eine Texttafel auf der Vorderseite des Sockels trägt die Inschrift: »hier lebte ein mann, der sich geweigert hat, auf seine mitmenschen zu schießen. ehre seinem andenken. kurt tucholski, für die deserteure«. Die Stadt Karlsruhe hatte sich zuvor geweigert, dem Denkmal ein städtisches Grundstück zuzuweisen. In den nächsten Jahren geriet es zunehmend in Vergessenheit und verfiel. 2005 restaurierten Mitglieder des Friedensbündisses Karlsruhe den Steinsockel. Am 17. November des Jahres wurde er unter Mitwirkung von Ludwig Baumann, dem Vorsitzenden der »Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz«, neu eingeweiht.

 

Kassel

Kassel, 9. Mai 1987: Ehrenmal Karlsaue, Ein-weihung der Gedenktafel zur Kriegsdienstver-weigerung im Dritten Reich. V.l.n.r.: Hans Eichel (*1941), damaliger Oberbürgermeister der Stadt Kassel und späterer Bundesfinanzminister, Hans Fellner (*1930), Dekan der evangelischen Kirche Kassel, Hermann Gail (1927–2007), Bru-der des ermordeten Deserteurs Alfred Gail (1925–1945), Jörg Kammler (*1940), Historiker, Ulrich Restat (*1940), Kassler LINKE. Foto: Stadtarchiv Kassel

Ehrenmal Karlsaue, Einweihung der Gedenktafel zu Kriegsdienstverweigerung,  Kassel 1987. V.l.n.r.: Hans Eichel, damaliger Oberbürgermeister der Stadt und späterer Bundesfinanzminister, Hans Fellner, Dekan der evangelischen Kirche Kassel, Hermann Gail, Bruder des ermordeten Deserteurs Alfred Gail, Jörg Kammler, Historiker, Ulrich Restat, Kassler LINKE.
Foto: Stadtarchiv Kassel

In Kassel diskutierte man innerhalb eines radikalpazifistischen, linkshumanistischen und grün-alternativen Spektrums bereits Ende der 1970er Jahre über die Deserteure der Wehrmacht. Die Fraktion der GRÜNEN brachte 1981 den Antrag in den Stadtrat ein, die Geschichte der Kasseler Verweigerer wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Drei Jahre später legte der mit dieser Aufgabe betraute Historiker Jörg Kammler einen Bericht vor, der die Grundlage war für das weitere Vorgehen war. 1985 setzten sich SPD und GRÜNE im Kasseler Stadtrat gegen CDU und FDP durch; es erging der Beschluss, am traditionsreichen Truppenstandort Kassel eine Gedenktafel für Deserteure zu errichten. Am 9. Mai 1987 weihte die Stadt am städtischen Ehrenmal in der Fuldaaue die Gedenktafel ein. Sie trägt die Inschrift: »Zur Erinnerung an die Kasseler Soldaten, die sich dem Kriegsdienst für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verweigerten und dafür verfolgt und getötet wurden. Stadt Kassel. Beschlossen von der Stadtverordnetenversammlung am 4. Februar 1985«.

 

Denkmal in Kiel / Fotos: Privatarchiv Freiherr von Luttitz, Weyarn

Denkmal in Kiel / Fotos: Privatarchiv Freiherr von Luttitz, Weyarn

Kiel-Holtenau
Am 29. Oktober 1997 wandte sich der Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landtages an die Gemeinde Altenholz unweit der Landeshaupts Kiel. Er bat sie, die Straße »Am Schießstand« in »Oskar-Kusch-Straße« umzubenennen. Außerdem sollte ein Gedenkstein an die Hinrichtung des U-Boot-Kommandanten erinnern, der am 12. Mai 1944 auf der Schießanlage wegen »Zersetzung der Wehrkraft« hingerichtet worden war. Außer Kusch starben hier weitere 22 wehrmachtgerichtlich Verurteilte. In einem Festakt am 12. Mai 1998 wurden Stein und Straßenschild feierlich eingeweiht. Auf dem Stein ist folgende Inschrift zu lesen: »Sein Name steht für die vielen Opfer des nationalsozialistischen Unrechtstaates, die hier und an anderen Orten Ihr Leben ließen. Ihr Tod uns zur Mahnung. Gemeinde Altenholz, Landeshauptstadt Kiel, 12. Mai 1998«.

 

Denkmal in Kleinbottwar / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Denkmal in Kleinbottwar / Foto: Geschichtswerkstatt, Heft 22

Kleinbottwar
Im November 1989 ließ der Bürgermeister von Kleinbottwar, einem Stadtteil von Steinheim an der Murr (Landkreis Ludwigsburg) einen Gedenkstein für einen bei Kriegsende hingerichteten Deserteur aufstellen. Die Initiative ging dabei von der Marbacher »Alexander-Seitz Geschichtswerkstatt« aus. Der Stein trägt folgende Inschrift: »In dem untenliegenden Steinbruch wurde 3 Tage vor der Befreiung am 17. April 1945 der Soldat Erwin Kreetz von der Wehrmacht erschossen. Die aussichtslose militärische Lage sowie die Nachricht vom Tod seiner Frau veranlaßte den vierfachen Familienvater zu desertieren.«

 

 

Denkmal in Köln / Foto: www.museenkoeln.de

Denkmal in Köln / Foto: www.museenkoeln.de

Köln
Seit 1996 findet jeweils am 27. Januar in Köln eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes statt, getragen von einem breiten Bündnis verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, Parteien und Institutionen. Auf der Veranstaltung 2006 standen die Kölner Opfer der NS-Militärjustiz im Mittelpunkt des Gedenkens. Im Anschluss bildete sich eine Initiativgruppe, die sich für einen Erinnerungsort für Deserteure, »Wehrkraftzersetzer« und andere von Wehrmachtgerichten Verurteilte einsetzte. Ähnlich wie in Ingolstadt bemühte sich auch die Kölner Gruppe um eine breite Einbindung unterschiedlicher Akteure und Institutionen. Als treibende Kraft des Prozesses entstand eine Projektgruppe »Kriegsgegner/innen als Opfer der NS-Militärjustiz in Köln« unter dem Dach des Fördervereins des städtischen NS-Dokumentationszentrums. Endergebnis des aufwändigen Diskussions- und Arbeitsprozesses war ein Antrag, den die PDS-Fraktion des Kölner Stadtrates am 28. September 2006 einreichte. Mit den zusätzlichen Stimmen von SPD und Bundnis 90/Die Grünen wurde er verabschiedet. Die Stadt bezuschusste das Projekt mit 50.000 Euro, außerdem sollten Spenden gesammelt werden. Maßgabe für den Standort des Denkmals war, dass er sich in die bisherigen Gedenkstätten für die Opfer der Naziherrschaft einzugliedern hatte.

Am 13. November 2008 beschloss der Stadtrat die Auslobung eines KünstlerInnenwettbewerbs, als Standort wurde der Appellhofplatz, gegenüber dem NS-Dokumentationszentrum festgelegt. Nach Auswahl des siegreichen Entwurfs des Schweizer Designers Ruedi Baur weihte die Stadt Köln das Denkmal am 1. September 2009 offiziell ein.

In den Jahren 1933 bis 1945 wurden Todesurteile gegen Deserteure und andere militärgerichtlich verurteilte Personen in Köln an verschiedenen Orten vollstreckt. Mindestens 59 von ihnen ließ die Wehrmachtjustiz im Kölner Gefängnis Klingelpütz hinrichten, vor allem durch Enthaupten. Die deutsche Armee nutzte während des Krieges einen Teil des Gefängnisses als Standortarrest- bzw. Wehrmachthaftanstalt. Mindestens 45 weitere Hinrichtungen durch Erschießen sind vor allem auf Übungsplätzen der Wehrmacht in und um Köln bekannt.

Weiterführende Informationen zum Kölner Deserteursdenkmal.

 

Denkmal in Leipzig / Foto: www.vvn-bda-leipzig.de

Denkmal in Leipzig / Foto: www.vvn-bda-leipzig.de

Leipzig
An der südlichen Mauer des Leipziger Ostfriedhofs steht ein Denkmal für 26 namentlich bekannte Wehrmachtssoldaten, die die Wehrmachtjustiz in der sächsischen Stadt hinrichten ließ. Der Granitstein mit Bronzetafel wurde am Antikriegstag (1. September) 1998 eingeweiht. Initiatoren waren neben der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten das »Leipziger Friedenszentrum« und die »Initiative Christliche Linke«, unterstützt von der Friedhofsverwaltung. Die Inschrift lautet: »Den hier ruhenden Opfern der nationalsozialistischen Militärjustiz 1939 – 1945«.

Weiterführende Informationen: www.vvn-bda-leipzig.de

 

 

 

 

Denkmal in Mannheim / Foto: www.friedenszentrum.info

Denkmal in Mannheim / Foto: www.friedenszentrum.info

Mannheim
Der Künstler Stefan von Reiswitz und die SteinmetzInnen Barbara und Karl Oppenrieder hatten bereits 1987 ein Deserteursdenkmal geschaffen, mit dem die »Spätverweigerer-Gruppe« München und die »Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsgegnerInnen« einen Gegenpol zum offiziellen Heldengedenken setzen wollten. Nach einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem Münchner Stadtrat widersetzte sich dieser der Aufstellung des Steinobelisken. Im Jahre 1993 holten die Initiatoren das Denkmal schließlich nach Mannheim. Jedoch lehnte auch die dortige Stadtverwaltung die Aufstellung auf öffentlichem Grund ab. Ein wichtiger Grund dafür war dabei offenbar die Verknüpfung von Fragen des Gehorsams in aktuellen Kriegen und Armeen mit den Deserteuren des Zweiten Weltkrieges; allerdings bezweifelte die Mehrheit im Mannheimer Stadtrat offenbar auch die Legitimität der Handlungen von Deserteuren während des Zweiten Weltkrieges. Die Inschrift auf dem Stein, der seit dem 22. Juni 2002 vor einer Buchhandlung steht, lautet: »Alle Kriege sind verlorene Kriege / den Deserteuren«. Auf der Rückseite sind Bronzefiguren aufgebracht, die fliehen, fallen oder taumeln. Dadurch soll die »Einsamkeit« der Deserteure dargestellt werden.

Mehr Infos unter: www.friedenszentrum.info

 

Denkmal in Marburg / Foto: www.geschichtswerkstatt-marburg.de

Denkmal in Marburg / Foto: www.geschichtswerkstatt-marburg.de

Marburg
Seit dem 1. September 1999 steht gegenüber der ehemaligen Jägerkaserne in der Frankfurter Straße ein Deserteursdenkmal. Bevor es dort als Denkmal der Stadt Marburg seinen wahrscheinlich endgültigen Platz erhielt, vergingen mehr als 10 Jahre. Ausgangspunkt waren Überlegungen einer Gruppe von Zivildienstleistenden aus dem (erweiterten) Kreis der Marburger Geschichtswerkstatt. Seit 1988 gingen von Marburg eine ganze Reihe wichtiger Impulse für die historische Erforschung des Themas wie auch für den politischen Kampf um Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure aus: wissenschaftliche Symposien und Publikationen sowie vielfältige Formen der öffentlichen Intervention wurden in der mittelhessischen Universitätsstadt initiiert. Dazu setzten die AktivistInnen auch lokal, regional wie landesweit die demokratischen Institutionen unter Druck. Das war auch nötig, denn der Kampf um den endgültigen Aufenthaltsort des Denkmals war zäh. Die Diskussionen allerdings, die um dieses Ziel herum geführt wurden, werden von den Initiatoren als ebenso wichtig wie das Denkmal selbst eingeschätzt. Je nach Zählweise stand das Denkmal an fünf verschiedenen Orten bis es seinen Platz vor der Marburger Jägerkaserne fand. Die wohl spektakulärste Aktion war die 60-stündige »Duldung« der Figur eines Sandsteintorsos auf einer Panzersperre vor dem zentralen Hörsaalgebäude anlässlich der Marburger Station der Wanderausstellung »Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht« im Jahre 1997.
In der Zeit von Januar 1940 bis Januar 1943 sowie im Frühjahr 1945 wurden in Marburg mindestens zehn zum Tode verurteilte Soldaten erschossen. 34 weitere Todesurteile ließen die Gerichte der Divisionen 159 und 409 durch ihre Marburger Zweigstellen an anderen Standorten vollstrecken.

Weiterführende Informationen www.geschichtswerkstatt-marburg.de

 

Missen-Wilhams, Allgäu

Gedenktafel für Michael Lerpscher Foto: Magnus Koch

Gedenktafel für Michael Lerpscher
Foto: Magnus Koch

Der Allgäuer Bauernsohn Michael Lerpscher verweigerte den Kriegsdienst in der Wehrmacht aus religiösen Gründen. Ein Wehrmachtgericht verurteilte ihn deshalb wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode. Er starb am 5. September 1940 im Alter von 34 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden unter dem Fallbeil. In seiner Heimat war die Geschichte Michael Lerpschers lange Zeit kein Thema; erst in den 1980er Jahren begaben sich zwei aus der Gegend stammende Lehrer auf Spurensuche und veröffentlichten eine Biografie Michael Lerpschers (siehe Literaturhinweis unten). Die darauf folgende hitzige Diskussion über die Legitimität seines Handelns markiert die Schwierigkeiten bei frühen Versuchen, die Verfolgten der Wehrmachtgerichte – ohne Ansehen der Motive – als Opfer einer verbrecherischen Justiz anzuerkennen. Die Gedenktafel, die zu Ehren Lerpschers im Jahre 1987 neben dem Eingang der gemeindeeigenen Kapelle angebracht wurde, ist eines der ersten Erinnerungszeichen für einen Verfolgten der NS-Militärjustiz. Der Sohn des Dorfes wurde darauf, trotz erheblicher Widerstände als »Märtyrer der Gewissenstreue und Gewaltlosigkeit« anerkannt. Ein Stolperstein befindet sich außerdem seit 2012 vor dem Christkönigs-Institut in Meitingen, an dem Lerpscher Mitglied war.

Weiterführende Hinweise:

Ernst T. Mader, Jakob Knab: Das Lächeln des Esels. Das Leben und die Hinrichtung des Allgäuer Bauernsohnes Michael Lerpscher (1905-1940). Verlag an der Säge, Blöcktach 1987.

Der einsame Weg, Artikel über Michael Lerpscher in der Wochenzeitung Die Zeit, 24. Mai 2006

Portal der Universität Passau mit Zeitzeugenaussagen und Einblicken in die lokalen Auseinandersetzungen vor Ort

 

Denkmal in Potsdam / Foto: www.potsdam.de

Denkmal in Potsdam / Foto: www.potsdam.de

Potsdam
Die Vorgeschichte des Potsdamer Deserteursdenkmals beginnt in Bonn. Das dortige  Friedensplenum, ein Zusammenschluss unterschiedlicher Initiativen, Aktionsgemeinschaften und Arbeitskreisen, lobte in der damaligen Bundeshauptstadt einen Ideenwettbewerb aus, den der in West-Berlin lebende türkische Bildhauer Mehmet Aksoy gewann Dabei flossen keine öffentlichen Gelder, die Kosten wurden vor allem durch Spenden und den Verkauf von Abgüssen der Entwurfsfassung aufgebracht.
Als nächsten Schritt rief das »Bonner Friedensplenum« für den 1. September 1989 auf dem Bonner Friedensplatz zur Enthüllung des Deserteursdenkmals auf. Am 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs begann eine kontroverse öffentliche Diskussion, in der sich die Standpunkte abzeichneten, die im Prinzip bis zur Rehabilitierung der Deserteure im Jahre 2002 konstant blieben: Während das bürgerlich-konservative Lager, im Verbund mit soldatischen Traditionsverbänden und der Bundeswehr eine öffentliche Würdigung von Deserteuren der Wehrmacht ablehnte, weil diese angeblich die gehorsamen Soldaten desavourierten, setzten sich das linke Parteienspektrum und eine breite gesellschaftliche Basisbewegung dafür ein. In Bonn scheiterte schließlich die Einweihung des Denkmals, es kam nur zu einer provisorischen Einweihung des Denkmals. Ähnlich wie in Marburg, erhielt das Denkmal an verschiedenen Orten nur provisorisch »Asyl«. Dafür hatten die Debatten viel Aufmerksamkeit für das bis dahin kaum wahrgenommene Thema erzeugt.
Nach dem Fall der Mauer setzte sich der Potsdamer »Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer« für eine Aufstellung des Denkmals in der Bonner Partnerstadt ein. Die knapp 12 Tonnen schwere Arbeit, die den Negativabdruck eines Menschen zeigt, fand schließlich in der alten preußischen Garnisonsstadt einen dauerhaften Platz. Am 2. September 1990 wurde das Denkmal mit städtischer Unterstützung auf dem Platz der Einheit enthüllt; eine »Duldung« erhielt es zwar zunächst nur für ein halbes Jahr, ein faktisches Bleiberecht gilt allerdings bis heute.

Weiterführende Informationen www.deserteur-denkmal.de

 

Denkmal in Schleswig / Foto: Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg

Denkmal in Schleswig / Foto: Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg

Schleswig
Im Jahre 1999 wurde in der Geltinger Bucht, am Strand von Norgaardholz bei Schleswig, ein Gedenkstein für die Marinesoldaten Alfred Gail, Martin Schilling und Fritz Wehrmann eingeweiht. Die drei Soldaten hatten sich am 5. Mai, nach der Teilkapitulation der Wehrmacht in Dänemark, auf den Weg nach Hause gemacht; unterwegs waren sie verhaftet und wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt worden. Am 10. Mai 1945, zwei Tage nach Kriegsende, ließ ein Kriegsgericht Gail, Schilling und Wehrmann an Bord des Schiffes »Buea« erschießen. Denkmalsetzer war der Kreis Schleswig-Flensburg. Vorausgegangen waren Forschungen des Flensburger Historikers Gerhard Paul.

 

Sievershausen

Denkmal in Sievershausen / www.seminarhaus-sievershausen.de

Denkmal in Sievershausen / www.seminarhaus-sievershausen.de

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1997 errichtete eine internationalzusammengesetzte »Workcampgruppe«am Antikriegshaus in Sievershausen bei Hannover ein Deserteursdenkmal. Es steht in der Verlängerung der Mauer zwischen dem alten Friedhof und dem ehemaligen Pastorengarten, »auf der Grenze zwischen dem Reich der Toten und dem blühenden Leben«, wie es auf der Homepage des Antikriegshauses heißt.
Das zentrale Bauelement des Denkmals ist eine Mauer, die zwei unterschiedliche Seiten zeigt. Zum Friedhof hin ist eine graue Betonwand gewandt, in die ein Paar eiserner Fesseln eingelassen sind, diese Seite steht für Krieg und gewaltsames Sterben. Die Mauerseite zum Pfarrgarten hin ist dagegen aus rotbraunen Ziegelsteinen errichtet, sie versucht Lebendigkeit und Zuversicht auszustrahlen. An einem Durchbruch in der Mauer ist die Silhouette eine Menschen angedeutet. Auf dem Informationstext des Antikriegshauses heißt es dazu: »Das Denkmal ist ein Hinweis auf Menschen, die bis in die Gegenwart hinein die Teilnahme an jeder Form des Kriegsgeschehens verweigern und dafür Schmähung, Verfolgung, selbst Tod zu erdulden bereit sind.« Vis a vis ist ein Kirschbaum gepflanzt, der eine Anspielung an das wohl bekannteste literarische Werk zum Thema ist: Alfred Anderschs Roman Die Kirschen der Freiheit.
Die »Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und über Friedensarbeit – Antikriegshaus« wurde 1978 als Friedenszentrum gegründet, seither engagiert sie sich für das ehrende Gedenken an die Deserteure (nicht nur) der Wehrmacht.

Weiterführende Informationen www.seminarhaus-sievershausen.de

 

Denkmal in Stuttgart / www.deserteurdenkmal-stuttgart.de

Denkmal in Stuttgart / www.deserteurdenkmal-stuttgart.de

Stuttgart
In Stuttgart wurde am 30. August 2007, nach über zehnjähriger Vorbereitungszeit, am Theaterhaus ein Deserteursdenkmal eingeweiht; bei der feierlichen Eröffnung waren u. a. ein Deserteur der US-Armee und Ludwig Baumann, Wehrmachtsdeserteur und Vorsitzender der »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz« anwesend.

Die Initiative ging aus von Friedensgruppen, Gewerkschaften, dem Stadtjugendring und Gruppen aus dem linksalternativen Spektrum. Die Stadt Stuttgart hatte sich zunächst gegen das Projekt gestellt, konnte schließlich aber für eine Unterstützung gewonnen werden. Zur Finanzierung des Denkmals rief die Initiative bereits 2006 eine Bausteinkampagne ins Leben, die noch nicht abgeschlossen ist. Geschaffen und gestaltet wurde das Denkmal von dem Aulendorfer Künstler Klaus Kernbach und dem Stuttgarter Steinmetz Gustav Treulieb. Vor dem Theaterhaus wird das Denkmal so lange stehen, bis ein würdiger städtischer Platz gefunden ist.
Das Denkmal besteht aus einem drei Meter hohen Granitquader, in den die Silhouette eines menschlichen Körpers eingearbeitet ist. Drei Meter vor diesem Block steht der aus dem Stein geschnittene Körper. Ähnlich wie die Skulpturen in Sievershausen oder Potsdam symbolisiert auch das Stuttgarter Denkmal einen sich aus Macht und Zwang befreienden Menschen. Eine Tafel am Denkmal trägt die Aufschrift: »Den Deserteuren aller Kriege«.

Weiterführende Informationen www.deserteurdenkmal-stuttgart.de

 

Denkmal in Tübingen / Foto: www.peace.maripo.com

Denkmal in Tübingen / Foto: www.peace.maripo.com

Tübingen
Bei einem Festakt am 21. Oktober benannte der Tübinger Oberbürgermeister einen Platz im Französischen Viertel der Stadt in »Platz des unbekannten Deserteurs«. Mit dieser Namensgebung erinnert die Stadt Tübingen an den Ort in der Nähe der Hindenburgkaserne, an dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deserteure erschossen wurden. Die Benennung des Platzes geht auf eine Initiative von Bewohnerinnen und Bewohnern zurück; sie waren Hinweisen auf die Erschießung von Deserteuren im Umfeld des ehemaligen Kasernenbereichs nachgegangen. Vorausgegangen waren außerdem Recherchen des Tübinger Stadtarchivs. Mitarbeiter suchten nach Namen der Hingerichteten und versuchten allgemein Licht in die Vorgänge der letzten Kriegswochen zu bringen. Eine Gedenktafel soll auf die historischen Hintergründe der Namensgebung am »Platz des unbekannten Deserteurs« hinweisen.

Weiterführende Informationen www.tuepedia.de

 

Denkmal in Ulm / Foto: www.friedensdenkmal-ulm.de

Denkmal in Ulm / Foto: www.friedensdenkmal-ulm.de

Ulm
Auch in Ulm war eine Vereinigung von Spätverweigerern der Bundeswehr der Ausgangspunkt für die »Initiative zur Schaffung eines Deserteur-DENKmals«. Für den 1. September 1989 war die Enthüllung des Deserteursdenkmals in Ulm geplant: Eine 10 mal 2,5 mal 4 Meter große und über 5 Tonnen schwere Plastik der Bildhauerin Hannah Stütz-Mentzel. Die Aufstellung erfolgte zunächst widerrechtlich auf dem Gelände des Bundesvermögensamtes in Ulm. Dort blieb es nach Intervention des damaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel nur vier Wochen stehen und musste auf ein privates Grundstück umziehen. Erst am 19. November 2005 enthüllte das »Friedensnetzwerk Ulm« das Deserteursdenkmal, in die Nähe des historischen Erschießungsortes der Ulmer Deserteure, unterhalb des Eingangs zum Botanischen Garten der Universität. Das Denkmal mit dem Motto »Stein des Anstoßes« trägt (wie in Karlsruhe) die Inschrift: »Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat, auf seine Mitmenschen zu schießen. Ehre seinem Andenken. Kurt Tucholski, 1925«. Die Skulptur aus dicht beieinander stehenden fallenden Eisenquadern deutet die Dynamik an, die die Verweigerungen von Einzelnen haben können. Es soll Mut zum eigenverantwortlichen Handeln ausdrücken, sowie die Abkehr von Gewalt und den Einsatz für Frieden würdigen.

Weiterführende Informationen www.friedensdenkmal-ulm.de

 

Denkmal in Wilhelmshaven / Foto: Stadtarchiv Wilhelmshaven

Denkmal in Wilhelmshaven / Foto: Stadtarchiv Wilhelmshaven

Wilhelmshaven
Am 5. Mai 1999 weihte die Stadt Wilhelmshaven im Verbund mit dem »Antifaschistischen Bündnis« ein Denkmal für die am ehemaligen Standortschießstand hingerichteten mindestens 85 Marinesoldaten ein. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Wilhelmshavener KünstlerHans Georg Wölbern»Auf diesem Gelände befand sich bis zur Befreiung vom Nationalsozialismus der Schießstand des Militärstandortes Wilhelmshaven. Eine unbekannte Zahl deutscher Soldaten wurde hier während des Zweiten Weltkrieges durch Erschießungskommandos der Kriegsmarine exekutiert. Nachgewiesen sind 54 Hinrichtungen in der Zeit von 1943 bis 1945. Die Leichen wurden zum Friedhof Aldenburg gebracht. Die von der nationalsozialistischen Militärjustiz im Namen des deutschen Volkes Wehrkraftzersetzung, Gehorsamsverweigerung, Fahnenflucht und nach der Volksschädlingsverordnung verhängten Todesurteile bezweckten die »Aufrechterhaltung der Manneszucht«.

Diese Unrechtsurteile sollten die Weiterführung des von Deutschland zu verantwortenden verbrecherischen Krieges gewährleisten. Die letzte Hinrichtung fand hier am 5. Mai 1945 statt, wenige Stunden vor Ende des Krieges. Wilhelmshaven 1999.

Weiterführende Informationen: http://www.gegenwind-whv.de/denkmal-militaerjustiz/

 

Wolfenbüttel

Die Gedenkstätte im ehemaligen Strafgefängnis Wolfenbüttel (heute Justizvollzugsanstalt) erinnert an 516 Menschen, die hier zwischen 1937 und 1945 hingerichtet wurden, darunter mindestens 25 kriegsgerichtlich Verurteilte. Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte durch Enthaupten oder Erhängen. Die Urteile fällten vorwiegend die Zweigstellen des Gerichts der Division Nr. 471 in Hannover. Die Neugestaltung der Dauerausstellung unter der Ägide der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten soll bis Ende 2017 abgeschlossen sein.

Hinrichtungsstätte im Wolfenbüttler Gefängnis Foto: www.forum-justizgeschichte.de

Hinrichtungsstätte im Wolfenbüttler Gefängnis Foto: www.forum-justizgeschichte.de

Weiterführende Hinweise:

Homepage des Formus Justizgeschichte

Gedenkstättenportal der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

 

 

 

Denkmale in Bewegung

Nicht alle Denkmalprojekte der letzten 30 Jahre konnten verwirklicht werden; einige bestanden nur vorübergehend, bei anderen blieb es bei einer Form der öffentlichen Intervention, das heißt Denkmale wurde spontan geschaffen und etwa bei Demonstrationen mitgeführt und verschwanden anschließend wieder. Viele solcher Initiativen sind niemals dokumentiert worden oder nicht mehr zu recherchieren. Gleichzeitig gibt es bundesweit nach wie vor Initiativen, die für weitere Deserteursdenkmäler kämpfen. Es folgt eine eine (unvollständige) Aufzählung.

Temporäres Denkmal in Bremen / Foto: www.bremer-montagsdemo.de

Temporäres Denkmal in Bremen / Foto: www.bremer-montagsdemo.de

Bremen
Am 1. September 2008 präsentierte der Bremer Künstler Joachim Fischer sein noch provisorisches, fahrbares Denkmal »Dem Unbekannten Deserteur« während eines »Demo-Spaziergangs«. Auf dem Bremer Marktplatz hatten sich rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern versammelt. Ludwig Baumann berichtete von seiner Desertion im Zweiten Weltkrieg, Mitveranstalterin war die Georg-Elser-Initiative. Ziel der Aktion war die Altmannshöhe in den Bremer Wallanlagen, auf dem sich ein Kriegerdenkmal befindet. Der SPD-geführte Bremer Senat lehnt die Forderung der Bremer Friedensgruppen für ein weiteres Denkmal für Deserteure mit Hinweis auf den Gedenkstein im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus ab. Weiterführende Informationen www.bremer-montagsdemo.de

Detmold
In Detmold kämpft der Antifaschistische Arbeitskreis seit dem Jahr 2005 für ein Deserteursdenkmal. Insbesondere an Gedenktagen wie dem 8. Mai finden regelmäßig Veranstaltungen zum Thema statt. Auch eine vorläufige Version eines Denkmals ist bisher vorab und feierlich enthüllt worden. Das Projekt ist bis heute nicht abgeschlossen.

Halbe
In Halbe, dem Schauplatz einer der blutigsten Schlachten auf deutschem Boden bei Kriegsende , kämpft ebenfalls seit 2005 eine Initiative für die Errichtung eines Denkmals für Wehrmachtsdeserteure, »Wehrkraftzersetzer« und Kriegsdienstverweigerer. In Halbe ließ die Wehrmacht zahlreiche Deserteure hinrichten, die sich geweigert hatten, sich in den letzten Kriegstagen noch »verheizen« zu lassen. In namentlich nicht gekennzeichneten Gräbern liegen die meisten von ihnen auf umliegenden Friedhöfen begraben, auch auf dem Waldfriedhof in Halbe.

Die Stadt Halbe ist seit dem Fall der Mauer Anlaufpunkt für nationalsozialistisches »Heldengedenken« von Alt- und Neonazis.

Weiterführende Informationen www.antimilitaristischer-foerderverein.de

Entferntes Denkmal in Hamburg-Blankenese / www.museenkoeln.de

Entferntes Denkmal in Hamburg-Blankenese / www.museenkoeln.de

Hamburg/Blankenese
Auf Privatinitiative der Hamburger Künstler Andrea Peschel und Ulrich Wolf wurde 1991 Jahre auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde in Blankenese eine Plastik errichtet. Sie zeigt einen Soldaten, der auf seinen Knien einen Gewehrkolben zerbricht. Unmittelbarer Anlass für die Denkmalsetzung war der Ausbruch des Golfkrieges 1991. Aufgrund wiederholter Zerstörungen des Deserteursdenkmals musste die Künstlerin die Plastik in Acryl erneuern. Gleichzeitig befanden sich regelmäßig frische Blumen davor. Im Jahre 2005 wurde das Denkmal entfernt, da sich die Naturbaustoffe (Acryl und Textilien) aufzulösen begannen. In Hamburg erinnert nun einzig das Denkmal am Höltigbaum allgemein an das Schicksal der Wehrmachtsdeserteure.

Nottuln
Die Friedensinitiative Nottuln in der Nähe des westfälischen Coesfeld schrieb im Jahre 2008 einen Ideenwettbewerb zur Errichtung eines Denkmals aus. Nach Auskunft einer der beauftragten Künstlerinnen, scheiterte das Projekt bisher an der Weigerung von Gemeinde und katholischer Kirche, das Projekt zu unterstützen.

Ost-Berlin

Plastik »Dem unbekannten Deserteur« im Jugendwiderstandsmuseum, Berlin Foto: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Plastik »Dem unbekannten Deserteur« im Jugendwiderstandsmuseum, Berlin
Foto: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Am 8. Mai 1988 stellte der »Freundeskreis der Wehrdiensttotalverweigerer« an der Samariterkirche in Ostberlin die Plastik »Dem unbekannten Deserteur« auf. Sie besteht aus einem Zementsockel und einem bearbeiteten Doppel-T-Träger; nach einem Tag wurde sie von den Behörden jedoch wieder entfernt. Heute ist das Erinnerungszeichen im Jugendwiderstandsmuseum (früher Galiläakirche) zu sehen. Die Stahlschiene symbolisiert Härte und Unnachgiebigkeit militärischen Gehorsams. Die Wehrdienstverweigerer verkehrten dieses Bild ins Gegenteil, indem sie den Stahlträger spalteten und verbogen.

 

 

 

 

Weitere Inintiativen für neuen Denkmäler für die Verfolgten der NS-Militärjustiz gibt es derzeit in Wuppertal sowie in Mönchengladbach. Wir dokumentieren hier gerne weitere Orte, wenn Sie uns entsprechende Hinweise zukommen lassen.

 

Zu ergänzen wären schließlich weitere Aktionen und Maßnahmen, die bis heute kaum dokumentiert sind; zu nennen sind ein Kunstprojekt im Jahre 1989 in Wuppertal, Kranzniederlegungen, Wanderausstellungen, die von Gelsenkirchen (1988), Aachen und der Gemeinde Nottuln (1989) ausgingen. Weitere Denkmalsinitiativen sind überliefert aus den Städten Wiesbaden, Saarbrücken, Frankfurt, Regensburg, Nürnberg und Lübeck. Denkmalsetzungen fanden dort jedoch letztlich nicht statt. In nordrhein-westfälischen Emsdetten wurde 1987 ein ambulantes Denkmal errichtet, in Schweinfurt fand 1988 eine symbolische Grundsteinlegung für ein Deserteursdenkmal statt. (Diese Informationen aus: Geschichtswerkstatt, Heft 22, Deserteure. Eine notwendige Debatte).

 

Literaturhinweise

Marco Dräger: Sterben oder desertieren für den Frieden? Zwei Generationen, zwei Denkmäler, ein Ziel, Vortragsmanuskript.

Marco Dräger: Dem Deserteur ein Denkmal. Die Erinnerung an die Wehrmacht-Deserteure und ihr langer Weg ins kollektive Gedächtnis

Marco Dräger: Denkmäler für Deserteure? Exemplarische Pro- und Contra-Diskussion im Unterricht, in: Geschichte lernen, Heft 151 (2013), S. 22−27.

Geschichtswerkstatt e.V. (Hg.): Deserteure. Eine notwendige Debatte: Heft 22, Hamburg 1990.

 

Veröffentlicht unter Allgemein

Österreichische Gedenkinitiativen

ÖSTERREICHISCHE GEDENKINITIATIVEN 

Diverse versteckte oder temporäre Deserteursdenkmäler in Österreich

Diverse versteckte oder temporäre Deserteursdenkmäler in Österreich

Erst seit dem 24.10.2014 gibt es in Österreich einen Ort, an dem in angemessener und kollektiver Form die Leiden und Handlungen derjenigen Männer und Frauen erinnert und gewürdigt wird, die von der NS-Militärjustiz verurteilt wurden. Vor 2014 – und damit 69 Jahre der Zweiten Republik – waren die verschiedene Denkmalsinitiativen Einzelpersonen gewidmet, nur temporär und auf meist abgelegenen Orten platziert.

Die meisten der vorgestellten Denkmalsinitiativen sind bis heute einzelnen Akteuren gewidmet, beziehen sich also nicht auf das Gruppenschicksal der Verfolgten; einige Denkmäler erwähnen nicht einmal, dass es sich bei den genannten Personen um Opfer deutscher Militärgerichte ging; andere Initiativen konnten nicht erfolgreich zu Ende geführt werden oder waren von vornherein nur als temporäre Aktionen geplant.

Vergessene Opfer

Die mit Abstand größte Zahl an Denkmälern, die heute in Österreich an den Zweiten Weltkrieg erinnern, sind Kriegerdenkmale. Dieses »Heldengedenken« schließt die Erinnerung an die Opfer der NS-Militärjustiz noch immer aus. Denkmalsinitiativen scheitern bis heute immer wieder an Institutionen und Akteuren, die Österreich nach 1938 als Opfer nationalsozialistischer Politik sehen und gleichzeitig den besonderen Charakter des Zweiten Weltkriegs als Angriffs- und Vernichtungskrieg verleugnen. Viel zu wenig ist über lokale Initiativen zur öffentlichen Rehabilitierung der Deserteure bekannt; deshalb kann diese Aufzählung auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Diese Seite ist work-in-progress. Sollten Sie weitere Gedenkorte oder -initiativen kennen die sich Deserteuren, Kriegsdienstverweigerern, »Wehrkraftzersetzern«, »Selbstverstümmlern« oder Hoch- und Landesverrätern im weitesten Sinne widmen, freuen wir uns sehr über Informationen! Kontakt-Seite

 

Denkmal in Bregenz / Foto: Vorarlberger Nachrichten/Stiplovsek

Denkmal in Bregenz / Foto: Vorarlberger Nachrichten (Stiplovsek)

Bregenz I (Vorarlberg)
Seit November 2010 erinnert eine Stele des Künstlers Georg Vith an den katholischen Kriegsdienstverweigerer Ernst Volkmann. Am 23. September 2007 brachte die Stadt Bregenz auf Initiative des Vorarlberger Historikers Meinrad Pichler eine Gedenkplatte für den Kriegsdienstverweigerer Ernst Volkmann an die Außenmauer der Bregenzer Galluskirche an. Erstmals gedachte Vorarlberg eines Opfers der NS-Militärjustiz. Gut drei Jahre später, am 14. November 2010, wurde diese Plakette ersetzt durch eine Stele, die dem religiösen Verweiger ein ehrendes Gedenken bereitet. Sie dokumentiert Informationen zur Biografie des 1941 in Brandenburg hingerichteten Katholiken. Für den Schöpfer der Stele, den Vorarlberger Künstler Georg Vith, ist die aus dem Alltag stammende Formensprache des Werkes besonders geeignet, Denkanstöße zu bieten. Bis heute wird Ernst Volkmann übrigens auf dem benachbarten Kriegerdenkmal unter den Gefallenen des Kriegesjahres 1941 aufgeführt.

Mehr Infos zur Stele ist auf der Seite der Johann-August-Malin-Gesellschaft zu finden. Aktuelle Informationen zu dem in Bregenz geplanten Deserteursdenkmal sind einer Anfrage und Anfragebeantwortung zu entnehmen.

 

Bregenz II (Vorarlberg)
Am 14. November 2015 wurde am Sparkassenplatz das Bregenzer Widerstandsmahnmal feierlich eröffnet. Hauptrednerin der Veranstaltung war die Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller.

Bereits 2011 hatten die Bregenzer Grünen und die Johann-August-Malin-Gesellschaft die Errichtung eines Denkmals gefordert – allerdings sollte es den Vorarlberger Wehrmachtsdeserteuren und Wehrdienstverweigerern allein gewidmet sein. Eine vom Bregenzer Bürgermeister eingesetzte Arbeitsgruppe legte allerdings fest, das Denkmal solle an “jene Vorarlbergerinnen/Vorarlberger erinnern, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime den Gehorsam verweigert oder aufgekündigt haben: im Besonderen an Wehrdienstverweigerer und Deserteure, an Widerstandskämpferinnen/ Widerstandskämpfer und an Bürgerinnen/Bürger, die gegenüber Verfolgten und Misshandelten trotz Verbots Menschlichkeit geübt haben”. Ein offener Wettbewerb wurde ausgeschrieben, den die kärntner-slowenische Künstlerin Nataša Sienčnik für sich entschied.

Bregenz II SchemaIhr Denkmal besteht aus einer Reihe von Fallblattanzeigen, die die Namen und wichtigsten Stichworte zu den Verfolgten zeigen (siehe Grafik). Abfahrtstafeln an Bahnöhfen oder Flughäfen gleich, bleiben die Information nur für einen kurzen Augenblick zu sehen. Das Geräusch des Weiterblätterns wird durch einen Lautsprecher verstärkt, was die Aufmerksamkeit der PassantInnen zusätzlich weckt. Der Text verweist auf die ProtagonistInnen des Widerstandes,  veranschaulicht die Vielzahl an Möglichkeiten, sich zu widersezten und zeigt die Konsequenzen auf, die damit einhergingen.

Mehr Infos zum Denkmal: Eintrag zum Denkmal auf erinnern.at mit einigen weiteren Links / Umfangreiches Begleitprogramm mit vielfältigen Aspekten der Verfolgung und der Nachgeschichte / Eine Denkmal-Homepage mit grundlegenden Informationen und pädagogische Materialien zum Themenkomplex sind in Vorbereitung

 

Denkmal in Dornbirn / Foto: Werner Bundschuh/ Johann-August-Malin-Gesellschaft

Denkmal in Dornbirn / Foto: Werner Bundschuh (Johann-August-Malin-Gesellschaft)

Dornbirn (Vorarlberg)
1993 enthüllten SPÖ, ÖVP und Grüne einen Gedenkstein, der sich den »Opfern der NS-Gewaltherrschaft« widmet und auf dem sich auch der Name des »Wehrkraftzersetzers« Rudolf Bodemann befindet.
Die Bregenzer Johann-August-Malin-Gesellschaft stieß, unterstützt von überlebenden Deserteuren der Wehrmacht, Ende der 1980er Jahre in Dornbirn Diskussionen über ein Denkmal für Opfer des Nationalsozialismus an. Diese Pläne stießen, wie fast überall in Österreich, auf erbitterten Widerstand vor allem bei traditionspflegenden Kameradschaftsbünden und der FPÖ.
Die Auseinandersetzungen in Dornbirn dauerten bis 1993. Dabei ging es zum einen um die Frage der namentlichen Erwähnung von NS-Opfern, zum anderen aber auch darum, welche Opfergruppen auf einem Gedenkstein überhaupt Erwähnung finden sollten: Insbesondere Homosexuelle sowie verurteilte Deserteure und »Wehrkraftzersetzer« waren zunächst auch für die ÖVP nicht tragbar. Zudem sah ein Antrag der Mehrheitsfraktion der Konservativen zunächst ein pauschales Gedenken »für die Ermordeten, die Kriegsgefallenen, die Verwundeten aus Dornbirn und die Toten aus ganz Europa« vor – oder auch ein »Kriegerdenkmal«, das zwischen Deserteuren und gefallenen regulären Soldaten nicht unterscheiden sollte. Nach zähen Auseinandersetzungen und der Einsetzung einer Historikerkommission  beschloss eine Mehrheit von ÖVP, SPÖ und der »Bürgerliste« (Grüne) schließlich einen Gedenkstein, auf dem sich unter anderen auch der Name des wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilten Rudolf  Bodemann befindet.

Die Inschrift  lautet: »Friede-Menschenwürde-Toleranz/ Zur Erinnerung an alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Dornbirn, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden, die in Konzentrationslagern und Gefängnissen gelitten haben, die ausgegrenzt und verfolgt wurden. Den wehrlosen Opfern der Euthanasie und den Ermordeten von Widerstand und Verfolgung. [Es folgen Namen von Opfern].« Bis heute führt übrigens das »Online-Projekt Gefallenendenkmäler« im Netz Rudolf Bodemann als gewöhnliches Kriegsopfer.

 

    Grabdenkmal am Friedhof von Bad Eisenkappel / Železna Kapla (2001) / Foto: Lisa Rettl

Grabdenkmal am Friedhof von Bad Eisenkappel / Železna Kapla (2001) / Foto: Lisa Rettl

Eisenkappel/Železna Kapla (Kärnten/Koroška)
Auf dem Friedhof des Südkärntner Dorfes befindet sich ein Grabdenkmal für den Deserteur und Partisanen Franc Pasterk.
Der Friedhof der kleinen Marktgemeinde Bad Eisenkappel/Železna Kapla nahe der slowenischen Grenze verweist bis heute auf einen heimatlichen Kriegsschauplatz: Rund 120 Partisanen und Partisaninnen, die in dieser Gegend zwischen 1942 und 1945 im bewaffneten Widerstand gegen das NS-Regime den Tod fanden, sind hier beerdigt. Auf dem Friedhof befindet sich auch das Grab des kärntner-slowenischen Deserteurs und Partisanenkommandanten Franc Pasterk-Lenart. Das quaderförmige Grabdenkmal aus Marmor, das der Kärntner Partisanenverband hier errichtete, verbindet personenzentriertes und allgemeines Gedenken an die kärntner-slowenischen Opfer und Partisanen. Auf letzteres verweist die übergeordnete slowenischsprachige Inschrift: »MOSTOVI RASTO IZ VSEH ČLOVEŠKIH SRC SE PNO IN V VSA SRCA« (Brücken wachsen aus allen Menschenherzen und verbinden sie miteinander), kombiniert mit der namentlichen Nennung von in Konzentrationslagern ermordeten EisenkapplerInnen und gefallenen PartisanInnen.

Gedenktafel für die Brüder Jurij und Franc Pasterk in Lobnig/Lobnik, 2001 / Foto: Lisa Rettl

Gedenktafel für die Brüder Jurij und Franc Pasterk in Lobnig/Lobnik, 2001 / Foto: Lisa Rettl

Franc Pasterk wurde auf dem Grabdenkmal eine eigene Inschrift gewidmet: »SLAVA NARODNEMUHERHOJU FRANCU PASTERK-LENARTU IN TOVARIŠEM« (Ehre dem Volkshelden Franc-Pasterk-Lenart und den Kameraden), verbunden mit einem bronzenem Porträt-Relief am Fuß der Marmorstele. Seit der Überstellung seines Leichnams von seinem Todesort Mežica (Slowenien) nach Bad Eisenkappel im Jahr 1949 wurden hier vom Kärntner Partisanenverband Gedenkfeiern organisiert. Die besondere Stellung Franc Pasterks im Gedächtnis der Kärntner SlowenInnen wird anhand einer weiteren Gedenktafel deutlich, die der Partisanenverband 1959 am Geburtshaus im nahe gelegenen Lobnig – Ziel alljährlicher gut besuchter Gedenkwanderungen – installierte: »Das ist das Geburtshaus des Nationalhelden Franc Pasterk-Lenarts, geb. 12. März 1912, gefallen als Kommandant des 1. Kärntner Bataillons am 6. April 1943, und Jurij Pasterks, des Besitzers dieses Hauses, geb. am 12. April 1903, enthauptet in Wien am 29. April 1943. Ehre den Kämpfern für die Freiheit«, steht auf der slowenischsprachigen Gedenktafel zu lesen.

Die Brüder Pasterk nehmen im Gedächtnis der Kärntner SlowenInnen als zentrale »Begründer« des Kärntner Partisanenkampfes bis heute eine herausragende Stelle ein, wohingegen dem Großteil der deutschsprachigen Mehrheit die kärntner-slowenischen WiderstandskämpferInnen vorrangig als »Verräter« gelten und ihre Gedenkstätten als Ausdruck einer territorialen »Slowenisierung Kärntens« gelesen werden.

 

Altes Denkmal in Goldegg im Pongau (Salzburg) / Foto: Archiv Michael Mooslechner

Altes Denkmal in Goldegg im Pongau (Salzburg) / Foto: Archiv Michael Mooslechner

Goldegg im Pongau (Salzburg)
Ein Gedenkstein zwischen Hochleitner-Hof und Böndlsee im Salzburger Pongau erinnert an Simon und Alois Hochleitner; ein Hinweis auf die Fahnenflucht der Brüder und ihre Ermordung durch die SS fehlt allerdings. 2005 schrieb der Linzer Komponist Thomas Doss eine »Symphonie der Hoffnung im Gedenken an die Deserteure von Goldegg.
Die Mutter der beiden Deserteure Simon und Alois Hochleitner ließ kurz nach Kriegsende auf Weg von ihrem Hof zum Böndlsee ein Holzkreuz mit folgender Inschrift aufstellen: »Unvergesslich meine Söhne Simon und Alois Hochleitner, welche hier am 2. Juli 1944 meuchlings erschossen wurden«. Einige Jahrzehnte später ließ die Familie das Kreuz durch einen Gedenkstein ersetzen, auf dem der Hinweis auf die Ermordung der Brüder fehlte. Außerdem bemühte sich die Familie Hochleitner um eine Aufnahme von Simon und Alois Hochleitner in die Liste der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges am örtlichen Friedhof. Offensichtlich hatte die Familie schon bald nach Kriegsende die feindliche Stimmung gegenüber den NS-Opfern zu spüren bekommen. Ein Denkmal akustischer Art komponierte der Linzer Musiker Thomas Doss im Gedenkjahr 2005 auf Initiative des damaligen Bezirksobmanns der Pongauer Blasmusik, Hans Mayr. Der Komponist nahm die Verfolgung und Ermordung von Deserteuren und ihrer Familien in Goldegg zum Anlass die sogenannte »Symphonie der Hoffnung« schreiben. Das Werk wurde durch Trachtenmusikkapellen aus Goldegg und Taxenbach mit mehr als 120 Musikerinnen und Musikern einstudiert und vor über 3.000 Menschen an verschiedenen Orten der Region aufgeführt.

Im Jahre 2013 ergriff Brigitte Höfert, Tochter eines der ermordeten Deserteure (Karl Rupitsch) die Initiative: Sie trat an den renommierten Bildhauer Anton Thuswaldner aus Kaprun heran und bat ihn um einen Entwurf für ein Erinnerungszeichen. Der in der Folge angerfertigte Gedenkstein sollte zunächst im Hof des Schlosses Goldegg, also dem historisch-symbolischen Zentrum des Ortes, verlegt werden. Mit der Gemeinde konnte jedoch keine Einigung erzielt werden und so wurde der Stein schließlich an anderer Stelle gesetzt. Am 8. August 2013 konnte der Stein auf dem Gelände des Regenerationszentrums in Goldegg eingeweiht werden.

Mehr Infos auf der Homepage “Die Goldegger Wehrmachtsdeserteure” (v.a. zu den zahlreichen – auch konfliktreichen – Entwicklungen) / Eröffnungsrede von ao.Univ.-Prof. Dr. Walter Manoschek zur Enthüllung Gedenktafel an die Wehrmachtsdeserteure, Verweigerer und Selbstverstümmeler in Goldegg/Weng am 8. August 2014

 

Gedenkkreuz am Grazer Stadtrand / Foto: Hans Fraeulin, Georg Fuchs

Gedenkkreuz am Grazer Stadtrand / Foto: Hans Fraeulin, Georg Fuchs

Graz (Steiermark)
1988 wurde auf der Ries am Stadtrand von Graz ein Gedenkkreuz für »7 junge Soldaten« eingeweiht, die »wegen Widerstandes hingerichtet« wurden.
Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde auf der Ries am Stadtrand von Graz ein Gedenkkreuz errichtet, das an sieben junge Soldaten erinnerte, die sich Anfang April 1945 unerlaubt von ihrer Truppe entfernt hatten und deshalb von einem Militärstandgericht in Graz zum Tode verurteilt wurden. Der Standort wurde gewählt, weil die Behörden die Leichen der Soldaten aus Abschreckungsgründen an der Riesstraße zur Schau gestellt hatten. Unbekannte Personen entfernten dieses Denkmal aber bereits kurze Zeit später. Erst im Gedenkjahr 1988 enthüllten Stadt Graz und Pfarre St. Leonhard ein neues, steinernes Gedenkreuz auf der Ries. Eine Texttafel trägt die Aufschrift:

»Hier wurden / am 4. April 1945 / 7 junge Soldaten / wegen Widerstandes / hingerichtet«

– von der Desertion ist also keine Rede. Seit 1995 organisiert der Musiker und Theaterkünstler Hans Fräulin jeweils am 4. April Gedenkfeiern an diesem Ort.

 

Denkmal in Greifenburg. Foto: A. H. Pirker

Denkmal in Greifenburg. Foto: A. H. Pirker

Greifenburg (Kärnten/Koroška)
Im Oberen Drautal eröffneten die Vereine kuland und aegide im Oktober 2012 nach einem mehrjährigen Forschungs- und Diskussionprozess für 40 lokale NS-Opfer das “Denkmal für die Verfolgten des Nationalsozialismus im Oberen Drautal”. Auf der Erläuterungstafel des Denkmales in Greifenburg wird die Verfolgung von Wehrmachtsdeserteuren explizit thematisiert. Mehr als ein Viertel der Erinnerten wurde von den Nationalsozialisten wegen Fahnenflucht, Befehlsverweigerung, Kriegsdienstverweigerung, Wehrkraftzersetzung und Unterstützung von Deserteuren getötet, etwa der Wehrmachtsdeserteur Stefan Hassler aus Dellach im Drautal oder der Kriegsdienstverweigerer Hermann Fertin aus Oberdrauburg.

Mehr Informationen hier: Homepage “Aus dem Gedächtnis – in die Erinnerung.”

 

Hartberg (Steiermark)

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Quelle: Generationendialog-Steiermark.at

Im steirischen Hartberg wird ein Denkmal für die Gefallenen einer Widerstandsgruppe um Gustav Pfeiler der Öffentlichkeit übergeben, der neben Wehrmachtsdeserteuren auch Männer des Volkssturms angehörten. Rund 40 Personen hatten bei Kriegsende gegen zunehmend stärker werdende SS-Verbände gekämpft. 13 Personen wurden am
4. Mai 1945 in Hartberg von einem Standgericht zum Tode verurteilt und anschließend ermordet. Weitere UnterstützerInnen der Widerstandsgruppe tötete die SS um den 7. Mai herum, nachdem sie sich vor der anrückenden Roten Armee zurückzog.

 

Temporäre Denkmäler in Krems (NÖ) / Foto: Robert Streibel

Temporäre Denkmäler in Krems (NÖ) / Foto: Robert Streibel

Krems (Niederösterreich)
Der Historiker Robert Streibel stellte im Oktober 2009 im Stadtzentrum insgesamt sechs Informationstafeln auf, die an Kremser Deserteure erinnerten.

Binnen 24 Stunden ließ die Stadtverwaltung diese Tafeln entfernen.
Der Historiker Robert Streibel machte im Oktober 2009 auf das fehlende Gedenken an die Deserteure, »Wehrkraftzersetzer« und andere Opfer der NS-Militärjustiz aufmerksam. Zur Erinnerung an fünf namentlich bekannte Kremser Fahnenflüchtige rief er eine »Deserteurs-Meile« aus und stellte auf dem zentral gelegenen Südtirolerplatz, auf dem 1945 drei Deserteure gehängt worden waren, sowie beim Denkmal für den Wehrmachtsgeneral Karl Eibl sechs Tafeln auf. Am Südtirolerplatz waren bei Kriegsende drei Deserteure gehängt worden. Streibel schrieb:

»Ganz selbstverständlich wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Erinnerung an die Gefallenen begonnen und gepflegt. Nicht nur einfache Soldaten der Deutschen Wehrmacht, sondern auch Generäle werden ganz selbstverständlich geehrt. Dies ist ein Teil unserer Geschichte. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit soll nun auch der Deserteure und Wehrdienstverweigerer gedacht werden. Nach mehr als 60 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Ein Initiativkomitee lädt Sie zu dieser Aktion Zivilcourage ein. Wer könnte etwas dagegen haben? Selbstverständlich niemand.«

Die Stadt Krems entfernte am nächsten Tag die Installation und berief sich darauf, dass Streibel die erforderlichen Genehmigungen nicht eingeholt habe. Dennoch brachte Streibel mit seiner Initiative eine Diskussion in Gang, die die Kommunalpolitik unter Druck setzte. Bis heute harrt das Denkmal seiner Verwirklichung.

 

Gedenktafel in der Gedenkstätte Mauthausen / Foto: KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Gedenktafel in der Gedenkstätte Mauthausen / Foto: KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Mauthausen (Oberösterreich)
Im Mai 1997 wurde eine Tafel enthüllt, die »den pazifistischen Widerständen in der Wehrmacht gegen Verbrechen und Krieg, Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, in Erinnerung an zehntausende Opfer der NS-Militärjustiz« gewidmet ist.

In Mauthausen wurde am 17. Mai 1997 eine Tafel enthüllt, die an rund 15.000 hingerichtete Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht erinnert. Initiator der Gedenkveranstaltung war das Europäische Büro für Kriegsdienstverweigerung (EBCO). Bereits am Tag zuvor hatte EBCO in Kooperation mit der Friedenswerkstatt Linz und unter Mitwirkung von Amnesty International, Pax Christi, der Evangelischen Kirche Deutschlands, des Oberösterreichsichen KZ-Verbandes, des Oberösterreichischen Studentenwerkes, Mitgliedern des Europäischen Parlamentes, des Deutschen Bundestages und anderen in Linz eine internationale Zusammenkunft von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren des Zweiten Weltkrieges und den Armeen des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien veranstaltet. Auf die Gedenktafel ist folgender Text eingraviert: »Den pazifistischen Widerständen in der Wehrmacht gegen Verbrechen und Krieg. Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, in Erinnerung an zehntausende Opfer der NS-Militärjustiz.«

 

Salzburg
Denkmalsinitiativen der ungewöhnlichen Art hat der deutsche Aktionskünstler Wolfram Kastner in den Jahren 1996/1997 in Salzburg vorangetrieben. Kastner und eine Reihe anderer Künstler und Friedensaktivisten verbanden ihre Initiativen für ein Deserteursdenkmal in Salzburg stets mit Protestinitiativen gegen Aufmärsche der »SS-Kameradschaft IV« in Salzburg. Im Jahre 1996 wehrte sich die Stadt gegen den Versuch der der Bürgerliste, ein Totengedenken zu Ehren der 1944 von der SS ermordeten Salzburger Deserteure durchzusetzen. Spontane Aktionen zu deren Ehrung im November 1996 unterband die Bundespolizei, es folgten Strafverfügungen und Straferkenntnisse für die Teilnehmenden. Ein Jahr später meldete Kastner eine »unsichtbare Versammlung« und die »Errichtung eines unsichtbaren Denkmals für die ermordeten Deserteure« an. Beides wurde aus formalen Gründen verboten, Einsprüche gegen die betreffenden Bescheide wurden von österreichischen Höchstgerichten (VwGH und VfGH) abgelehnt. Nach einer Kranzniederlegung wiederum gemeinsam mit Vertretern der Bürgerliste ermittelte die Polizei abermals wegen »Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und rücksichtsloser Störung«.

 

Bsptext

Denkmal für Stolzlechner / Foto: Personenkomitee

Schlaiten (Osttirol)
Auf dem Friedhof des Osttiroler Dorfes befindet sich eine Erinnerungstafel an den in Wien-Kagran erschossenen Deserteur Franz Stolzlechner. Die Umstände seines Todes werden allerdings nicht erwähnt. Der 19-jährige Landwirt Franz Stolzlechner war im Sommer 1943 nach einem Heimaturlaub nicht zu seiner Einheit zurückgekehrt und versteckte sich in den folgenden Monaten gemeinsam mit zwei Kameraden in der Umgebung seines Heimatortes. Im Jänner 1944 wurde Stolzlechner verhaftet und im Juli 1944 auf dem Militärschießplatz Wien-Kagran hingerichtet. Nach Kriegsende ließ Stolzlechners Familie auf dem Friedhof von Schlaiten eine Erinnerungstafel anbringen, aus dem allerdings die näheren Umstände des Todes des Deserteurs nicht hervorgehen.

 

 

Denkmal für Franz Jägerstätter in St. Radegund / Foto: Wikipedia

Denkmal für Franz Jägerstätter in St. Radegund / Foto: Wikipedia

St. Radegund (Oberösterreich)
Der katholische Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der 1943 in Brandenburg bei Berlin hingerichtet wurde, ist vielleicht das bekannteste Opfer der NS-Militärjustiz überhaupt. 2007, im Jahre des 100. Geburtstages von Franz Jägerstätter, weihte die Gemeinde St. Radegund ein Denkmal für den bekanntesten Sohn des Ortes ein. Der aus Holz geschnitzte Obelisk trägt die Inschrift »Besser die Hände als der Wille gefesselt. Franz Jägerstätter«. Das Denkmal steht auf einem alten Schulgebäude, das heute Sitz des Künstlerhauses »Farbwerk« ist, auf dessen Initiative die Holzskulptur auch entstanden ist. Inner- und außerhalb von Jägerstätters Geburtsort gibt es seit den 1960er Jahren Jahren eine Reihe von Gedenkinitiativen, so auch in Deutschland. Um nur einige der vielen Ehrungen und Denkzeichen zu nennen: Seit 1995 befindet sich dauerhaft eine Gedenktafel vor dem Gebäude des ehemaligen Reichskriegsgerichts in Berlin, das Jägerstätter wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt hatte; seit 1993 ehrte ihn die österreichische Post durch Herausgabe einer Sondermarke; im 14. Wiener Stadtbezirk wurde ebenfalls 1993 dem Pazifisten eine Straße gewidmet; 2006 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Jägerstätter-Haus in St. Radegund einen Stolperstein; die Stadt Braunau am Inn benannte im Jahre 2008 einen Park nach Franz Jägerstätter; am Vorabend seines 103. Geburtstages, am 20.Mai 2010, wurde das Studierendenheim der Katholischen Hochschulgemeinde Linz in »Wohnheim für Studierende Franz Jägerstätter« umbenannt; am dem 26. Oktober 2007 sprach Papst Benedikt XVI. Franz Jägerstätter selig. Gleichwohl fanden und finden sich in der katholischen Kirche Österreichs immer wieder Vertreter einer Linie, die soldatischen Gehorsam auch im Kontext des Vernichtungskrieges einfordern. Die ungewöhnliche Aufmerksamkeit und die große Zahl an Ehrungen ist sicher vor allem darauf zurückzuführen, das Jägerstätter als religiöser Verweigerer insbesondere für den Wertehimmel des bürgerlich-konservativen Lagers wesentlich eher tragbar war und ist als etwa kommunistische Verweigerer oder etwa so genannte Selbstverstümmeler, bei denen christlich-religiöse Motive eine untergeordnete Rolle spielten.

 

Hallein (Salzburg)
Seit Mitte 2015 erinnert ein “Stolperstein” an den Wehrmachtsdeserteur Ernst Hallinger. Der am 26. April 1907 geborene Tischler und Funktionär der KPÖ diente in der Luftwaffe. Während eines Heimaturlaubs im Frühjahr 1944 beschloss er nicht mehr einrücken zu wollen. Im Frühjahr 1944 gelang es ihm sich mit Hilfe seiner Familie in Haslach (bei Glasenbach, Salzburg) zu verstecken, wobei ihn seine Familie versorgte. Die SS spürte ihn auf, das Gericht der Division Nr. 418 in Salzburg verurteilte ihn zum Tode. Zwei Tage vor seiner für den 25.Oktober 1944 anberaumten Hinrichtung wurde er ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Wien-Favoriten (WUG X) überstellt und sodann in Kagran hingerichtet. (Quelle (Wiki)/Quelle (DÖW))

 

Denkmal in Villach/Beljak / Foto: Verein kärnöl

Denkmal in Villach/Beljak / Foto: Verein kärnöl

Villach/Beljak (Kärnten/Koroška)
Der Verein Erinnern Villach erinnert auf dem 1999 eröffneten Denkmal der Namen im Stadtzentrum an eine Reihe von Wehrmachtsdeserteuren und UnterstützerInnen, die von der NS-Justiz hingerichtet wurden, etwa die Angehörigen der Partisanengruppe von Treffen Erich Ranacher und Heinrich Brunner sowie ihre Helferinnen Maria Peskoller, Rosa Eberhard und Margarethe Jessernig. Mehr Informationen hier: Verein Erinnern Villach.

 

 

 

Wien
Bereits um das Jahr 1990 hatte die Künstlerin Friedrun Huemer als Mitglied einer Bezirksgruppe der Grünen in Wien ein mobiles Denkmal für die Deserteure geschaffen. Das Mobile Denkmal war an verschiedenen Orten in Wien zu sehen. Aus der Initiative konnte allerdings kein dauerhaftes Denkmal hervorgehen.

Am 26. Oktober 1998 wurde in Wien von der Arbeitsgemeinschaft für Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit/Deserteurs- und Flüchtlingsberatung und anderen Initiativen ein temporäres Deserteursdenkmal aus Pappmaché der Künstlerin Tanja Windbüchler enthüllt. Anlass war die Heeresleistungsschau am gegenüberliegenden Heldenplatz, Aufstellungsort der Maria-Theresien-Platz zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum.

Aktion am 26.10.1998 am Maria-Theresien-Platz, Plastik: Deserteur der Jugoslawienkriege (von Tanja Windbüchler) Foto: Irene Messinger

Aktion am 26.10.1998 am Maria-Theresien-Platz, Plastik: Deserteur der Jugoslawienkriege (von Tanja Windbüchler)
Foto: Irene Messinger

 

Temporäres Denkmal für Deserteure am Heldenplatz / Foto: AK Denkmalpflege

Temporäres Denkmal für Deserteure am Heldenplatz / Foto: AK Denkmalpflege

Wien: Heldenplatz
Im September 2009 enthüllte der »AK Denkmalpflege« ein temporäres Deserteursdenkmal auf dem Heldenplatz. Das Denkmal bestand aus zwei roten eckigen Klammern und einer erläuterenden Tafel. Die Tafel am Fuße des Denkmals trug die Aufschrift:

Dieses Denkmal steht für
[k]eine Auseinandersetzung
[k]eine Rehabilitierung
[k]ein Gedenken
für die Opfer der NS-Militärjustiz.
Bewaffneter Widerstand, Zersetzung, Entziehung, Unerlaubte Entfernung, Desertion/Fahnenflucht, Landes-, Hoch-, Kriegsverrat, Sabotage, Meuterei, u.A.
Dank und Anerkennung dem antifaschistischen Widerstand.

Auf dem Wiener Heldenplatz hatte Adolf Hitler im Frühjahr 1938 seine Rede anlässlich des »Anschlusses« gehalten, und hier wird in der nahen Krypta nach wie vor den österreichischen “Helden” der beiden Weltkriege gedacht. Das Denkmal musste binnen einer Stunde den Aufbauarbeiten für das Erntedankfest der ÖVP Wien weichen. 2013 wurde es in gleicher Konfiguration ein weiteres Mal temporär aufgestellt, diesmal am Standort Ballhausplatz – vor den jeweiligen Amtssitzen von Bundespräsident und Bundeskanzler.

 

Kranzniederlegung beim Denkmal in Kagran (Wien) / Foto: »Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«

Kranzniederlegung beim Denkmal in Kagran (Wien) / Foto: »Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«

Wien: Kagran
Seit 1984 erinnert ein Gedenkstein im Donaupark daran, dass hier zwischen 1938 und 1945 »zahlreiche österreichische Freiheitskämpfer aus den Reihen der Wehrmacht erschossen« wurden.
Seit 2002 veranstaltet das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« um den 26. Oktober im Donaupark, auf dem Gelände des ehemaligen Militärschießplatzes Kagran, Gedenkfeiern für die hier hingerichteten Opfer der NS-Militärjustiz. Zwischen 1940 und 1945 wurden hier mindestens 129 Menschen erschossen. 1964 wurde der Militärschießplatz geschleift, der genaue Standort der Hinrichtungsstätte ist umstritten. Er befand sich entweder auf dem Gebiet des heutigen ‘Sparefroh-Spielplatzes’ oder im hinteren Bereich des Sportcenters (Kratochwjlestraße 3/Leonard-Bernstein-Straße). Die Inschrift des bereits am 5. November 1984 Stadt von der Stadt Wien und dem Ministerium für Landesverteidigung gesetzten Gedenksteins lautet: »In den Jahren der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft 1938–1945 wurden in unmittelbarer Nähe zahlreiche österreichische Freiheitskämpfer aus den Reihen der Wehrmacht erschossen. Unter den Opfern, die hier hingerichtet wurden, waren auch Angehörige der Wiener Feuerwehr. Niemals vergessen!« Neben dem Gedenkstein erinnert die Floridsdorfer Kugelfanggasse an die ehemalige Hinrichtungsstätte.

 

Denkmal am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 40)

Denkmal am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 40)

 

Wien: Zentralfriedhof
»In Memoriam – Im Bereich der Gruppe 40 sind mehr als Tausend Frauen und Männer beerdigt, die in der Zeit 1938-1945 von einer unmenschlichen NS-Justiz zum Tode verurteilt und im Wiener Landesgericht oder auf dem Schießplatz Kagran hingerichtet wurden – Sie bleiben unvergessen.«
So lautet der Text auf einem Gedenkstein auf dem Wiener Zentralfriedhof, der am 21. April 2005 vom Bürgermeister der Stadt Wien enthüllt wurde. Initiator war die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs. Unter den genannten Opfern befinden sich auch weit über 100 Oper der NS-Militärjustiz, ohne dass diese allerdings explizit Erwähnung finden.

 

Wien: Mariahilferstraße

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Temporäres Erinnerungszeichen in der Stiftskirche

Unbekannte AktivistInnen brachten am 3. März 1986 in der Siftskirche in der Mariahilfer Str. 2, im 7. Wiener Gemeindebezirk eine Gedenktafel für „Opfer und Deserteure vergangener und kommender Kriege“ an. Das Erinnerungszeichen, das vermutlich kurz nach der Aktion wieder entfernt wurde, war bei der Gedenktafel für den Generaloberst der Wehrmacht Alexander Löhr im Innenraum der Kirche befestigt. Löhr war während des Zweiten Weltkrieges als Befehlshaber vor allem auf dem Balkan für zahlreiche Kriegsverbrechen mit verantwortlich und wurde dafür nach 1945 in Belgrad zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

 

 

Zwei weitere Gedenkorte für die Verfolgten der Wehrmachtgerichte sind in den Jahren 2015 in Wien Wien Favoriten (am ehemaligen Standort des Wehrmachtuntersuchungsgefängnis X) sowie 2014 in Wien Neubau entstanden. Beide Tafeltexte verweisen ihrerseits auf das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz. Ebensolche Tafeln müssten für die restlichen der unter Verfolgungsorte aufgeführten Gebäuden und Plätzen der Wehrmachtjustiz in Wien ebenfalls noch angebracht werden.

 

Prominente Unterstützung für das Denkmal in Wien

Eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche Durchsetzung des schließlich am Ballhausplatz realisierte Denkmalprojekt war die Wortspendenkampagne vom Frühjahr 2011. Sie hatte ihr Vorbild im Ehrenschutzkomitee der Wanderausstellung “Was damals Recht war – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht”, die am 1. September 2009 im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom eröffnet wurde.

 

Literaturhinweise

Juliane Alton; Thomas Geldmacher; Magnus Koch; Hannes Metzler (Hg.): „Verliehen für die Flucht von den Fahnen“. Das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, Wien 2016.

Werner Bundschuh: Noch fehlen „Deserteursdenkmäler“… In: KULTUR 8 (2007), S. 46-49.

Werner Bundschuh, »Die Namen der Deserteure kommen mir nicht auf das Denkmal!«. In: Geldmacher, Thomas u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. S. 76-84.

Mathias Lichtenwagner: Leerstellen. Zur Topografie der Wehrmachtjustiz in Wien vor und nach 1945, Wien 2012.

Mathias Lichtenwagner: Belasteter Beton. Formen der Erinnerung an die NS-Militärjustiz in Wien. In: Alton, Juliane; Geldmacher, Thomas; Koch, Magnus; Metzler, Hannes (Hg.): „Verliehen für die Flucht von den Fahnen“. Das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, Wien 2016, S. 104-125.

Peter Pirker: Vom Kopf auf die Füße. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in der Erinnerungslandschaft Wien. In: Alton, Juliane; Geldmacher, Thomas; Koch, Magnus; Metzler, Hannes (Hg.): „Verliehen für die Flucht von den Fahnen“. Das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, Wien 2016, S. 126-159.

 

 

Entstehungsgeschichte

Der Beschluss zum Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz ist der vorläufige Höhepunkt eines Meinungswandels in Österreich. Er hatte seinen Ausgangspunkt im Wesentlichen in der sogenannten Waldheim-Affäre, Mitte der 1980er Jahre. In einer erstmals weitere Teile der Gesellschaft erfassenden Debatte ging es vor allem darum, was “Pflichterfüllung” im Zweiten Weltkrieg für die ÖsterreicherInnen bedeutet hatte – in einem Land, dessen Bevölkerung sich in seiner überwiegenden Mehrheit begeistert dem Deutschen Reich “angeschlossen”, sich nach Kriegsende jedoch fast ebenso geschlossen als Opfer der NS-Herrschaft gesehen hatte.

In den 1990er Jahren wurden diese Auseinandersetzungen fortgeführt durch eine Reihe von politischen und zivilgesellschaftlichen Prozessen, unterstützt und begleitet durch neuere historische Forschungen über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Bundeskanzler Franz Vranitzky erklärte 1991 erstmals eine Mitverantwortung Österreichs für die nationalsozialistischen Verbrechen. Der Beitritt Östereichs zur Europäischen Union und die Gründung des “Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus” waren nur zwei von mehreren Entscheidungen, die weitere Differenzierungen vergangenheitspolitischer Diskurse in Gang setzten. Gleichzeitig sorgte 1995 unter anderem die Wiener Station der Wanderausstellung “Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944” für neue Diskussionen um die Rolle der österreichischen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg; umgekehrt ermöglichten diese vehement geführten Auseinandersetzungen gleichzeitig Fragen nach denjenigen Soldaten, die sich – aus welchen Gründen auch immer – dem verbrecherischen Angriffskrieg der Wehrmacht entzogen hatten.

Um die Jahrtausendwende setzte dann ein intensiver Prozess ein, in dessen Folge die Deserteure, “Wehrkraftzersetzer”, sogenannte Kriegsverräter und ihre UnterstützerInnen gesellschaftlich rehabilitiert wurden. Ausgehend von einer studentischen Initiative zur historischen Erforschung des Themas an der Universität Wien 1998/1999 erfasste die Dynamik der Auseinandersetzung in den folgenden Jahren die Willensbildung in Parlament, Medien und Gesellschaft. Am Ende stand die schrittweise gesetzliche Rehabilitierung der Verfolgten der NS-Militärjustiz (2005/2009) sowie – als konsequenter nächster Schritt – gewissermaßen der Transfer dieser Entscheidungen vom Gesetzbuch auf die Straße: die Errichtung des Denkmals am Ballhausplatz.

 

Literaturhinweise:

Walter Manoschek: Österreichische Opfer der NS-Militärjustiz. Auf dem langen Weg zur Rehabilitierung. In: Geldmacher, Thomas u.a. (Hg.): „Da machen wir nicht mehr mit“. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 31-49.

Hannes Metzler: Folgen einer Ausstellung. Die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure in Österreich. In: Geldmacher, Thomas u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, S. 50-62.

Peter Pirker: Vom Kopf auf die Füße. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in der Erinnerungslandschaft Wien. In: Alton, Juliane; Geldmacher, Thomas; Koch, Magnus; Metzler, Hannes (Hg.): „Verliehen für die Flucht von den Fahnen“. Das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, Wien 2016, S. 126-159.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein

Verfolgung

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GESCHICHTE DER VERFOLGUNG

Karl Lauterbach, 1945 wegen Selbstverstümmelung hingerichtet

Karl Lauterbach, 1945 in Wien wegen Selbstverstümmelung hingerichtet

Österreich wurde im März 1938 Teil des Deutschen Reiches. Zwischen 1939 und 1945 überzog dieses, unterstützt durch seine Verbündeten, Europa mit einem Ausbeutungs- und Vernichtungsfeldzug. An dessen Ende hatten etwa 35 Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Die Justiz der Wehrmacht war ein wichtiges Werkzeug der politischen und militärischen Führung zur Durchführung dieses Krieges. Mit einer regelrechten Flut von Prozessen bekämpfte sie jede Form der Abweichung innerhalb der Wehrmacht. Die Militärrichter verhängten mit zunehmender Kriegsdauer immer härtere Strafen. Viele davon wurden zur »Frontbewährung« bis Kriegsende ausgesetzt.

Drei Million Gerichtsverfahren

Schätzungen zufolge führte die Wehrmachtsjustiz rund drei Millionen Gerichtsverfahren durch. Selbst geringfügige Delikte wurden oft mit hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen geahndet. Die ungeheure Härte des Strafvollzugs bedeutete für die Gefangen oft den Tod und es ist erst ansatzweise erforscht, wie viele Soldaten durch die Folgen von Lagerhaft sowie den Einsatz in Straf- und Sondereinheiten umkamen.

Simone Schloss, Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe bei einem Schauprozess vor einem deutschen Militärgericht in Paris 1942

Simone Schloss, Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe bei einem Schauprozess vor einem deutschen Militärgericht in Paris 1942

Die deutsche Militärgerichtsbarkeit betraf auch österreichische Soldaten und ZivilistInnen, hier ist von einer Gesamtzahl von weit über 1.000 Opfern auszugehen. Wehrmachtsjuristen hielten zudem über Kriegsgefangene der alliierten Armeen sowie über ZivlistInnen aus den besetzten europäischen Gebieten Gericht. Gegen Angehörige dieser beiden Gruppen ergingen 7.000 bis 10.000 Todesurteile – wie viele davon vollstreckt wurden, ist aber weitgehend unbekannt.

15.000 vollstreckte Todesurteile – allein gegen Deserteure

Die besondere Dimension der Verfolgung zeigt der international vergleichende Blick auf den Umgang mit der wichtigsten Gruppe von Verurteilten, den Deserteuren: Während die NS-Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg allein gegen die Fahnenflüchtigen 15.000 Todesurteile vollstreckte, wurde in der US-Armee zwischen 1941 und 1946 ein einziges Todesurteil gegen einen Fahnenflüchtigen vollstreckt. Die Militärjustiz der Armeen des Deutschen Kaiserreichs ließ 18 Todesurteile gegen Deserteure ausführen.

Die Feldgerichte der k.u.k. Armee führten während des Ersten Weltkrieges etwa drei Millionen Verfahren und verhängten insbesondere gegen ZivilistInnen in Ost- und Südosteuropa rund 30.000 Todesurteile. Die austrofaschistische Diktatur (1933-1938) nutzte zwar das Bundesheer zur Bekämpfung des »inneren Feindes« (SozialdemokratInnen, KommunistInnen und NationalsozialistInnen), eine eigenständige Militärjustiz führte sie für innerhalb des Bundesheeres jdeoch nicht offiziell ein. Nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde das Bundesheer in die Wehrmacht eingegliedert und übernahm deren militärrechtliche Bestimmungen und Strafprozessordnung.

 

Literaturhinweise

Baumann, Ulrich; Koch, Magnus (Hg.): »’Was damals Recht war… Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht’. Begleitband zur Wanderausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas«, Berlin 2008.
Geldmacher, Thomas u.a. (Hg.): »Da machen wir nicht mehr mit«. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010
Messerschmidt, Manfred: Die Wehrmachtjustiz 1933-1945, Paderborn 2005.
Kirschner, Albrecht (Hg.): Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter. Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945, Marburg 2010.
Manoschek, Walter (Hg.): Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich, Wien 2003.
Pirker, Peter; Wenninger (Hg.): Wehrmachtsjustiz. Kontext, Praxis, Nachwirkungen, Wien 2010.
Theis, Kerstin: Wehrmachtjustiz an der „Heimatfront“. Die Militärgerichte des Ersatzheeres im Zweiten Weltkrieg, Berlin/Boston 2016.
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Hintergrund

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BESCHLUSS

Der Beschluss zum Wiener Denkmal ist Teil der Übereinkunft der rot-grünen Koalition aus dem Jahre 2010.. Rund ein Jahr später, im November 2011 kommt in der Magistratsabteilung 7 (Kultur) eine ExpertInnengruppe zusammen, um über die Eckpunkte des Projekts zu beraten. Drei Unterausschüsse werden gebildet, eine zur Erarbeitung eines Mission Statements, eine zur Bestimmung des Denkmalstandorts und eine für die Nachnutzung des Denkmals nach Eröffnung.

Nach sorgfältiger Prüfung einer Reihe von Standorten wird ein weiteres Jahr später, im Oktober 2012, der Ballhausplatz als künftiger Gedenkort bekannt gegeben. Die MA 7 beauftragt die städtische Kunst im Öffentlichen Raum GmbH mit der Abwicklung eines KünstlerInnenwettbewerbs, der im Frühjahr 2013 durchgeführt wird. Am 27. Juni fällt eine Jury die Entscheidung: Der Berliner Künstler Olaf Nicolai erhält den Auftrag, seinen Entwurf umzusetzen.

Die ersten Gedenkinitiativen für österreichische Opfer der NS-Militärjustiz gehen vor allem auf die Angehörigen zurück. Aus Scham oder Angst vor den Folgen blieb die Trauer auf Gedenksteinen jedoch privat. Ab den 1990er Jahren lancierten AktivistInnen aus dem Umfeld der Friedensbewegung erste politische Initiativen für ein Deserteursgedenken. Eine Gruppe Studierender an der Universität Wien machte sich um die Jahrtausendwende erstmals an die historische Erforschung der NS-Militärgerichtsbarkeit. Im Auftrag des Nationalrates entstand eine grundlegende Studie, die den Ausgangspunkt für die spätere Gesetzgebung bildete. Im Oktober 2009 beschlossen SPÖ, ÖVP und Grüne im Parlament das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz; damit wurden alle Urteile der Wehrmachtsgerichte pauschal und umfassend aufgehoben. Auf Initiative der Grünen vereinbarte die rot-grüne Stadtregierung ein Jahr später die Errichtung eines Deserteursdenkmals in Wien.

Eine ausführliche Chronik des Denkmalprozesses vom Beschluss der rot-grünen Wiener Landesregierung bis zur Eröffnung im Oktober 2014 finden Sie hier.

 

 

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Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2013

Am 26.10.2013 fand am ehemaligen Schießplatz in Kagran bei der Gedenktafel für die dort hingereichteten Soldaten und Zivilisten eine Gedenkveranstaltung statt. Im Folgenden der Einladungtext des Personenkomittee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz’ und einige Fotos und auch ein Video von der Veranstaltung.

Nie wieder Gleichschritt!
12. Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz
Zeit: 26. Oktober 2013, 11 Uhr
Ort: Gedenkstein im Donaupark

Das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« lädt herzlich zur 12. Gedenkveranstaltung »Nie wieder Gleichschritt!« an der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf dem Gelände des Militärschießplatzes Kagran ein. Dort starben zwischen 1938 und 1945 Hunderte wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilte Wehrmachtsoldaten im Kugelhagel von Exekutionskommandos. Wir treffen uns zum Gedenken an alle ungehorsamen Soldaten und ZivilistInnen, die von Wehrmacht und SS ermordet wurden.

Programm

  • Begrüßung: Terezija Stoisits, Ehrenmitglied des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«
  • David Ellensohn, Klubobmann des Grünen Gemeinderatsklubs, “Warum ein Deserteursdenkmal in Österreich 69 Jahre braucht”
  • Mathias Lichtenwagner, Politkwissenschaftler, “Vernetztes Gedenken: Das Deserteursdenkmal am Ballhausplatz und die Orte der Verfolgung in Wien”

Das Video der Gedenkfeier 2013 ist dem Youtube-Profil der AUGE/UG entnommen, wer sichs direkt dort ansehen möchte: Link zum Youtube-Video.

 

Rechte an den Bildern beim Archiv des Personenkomitees. Video von youtube bzw. AUGE/UG (Danke!), folglich Rechte auch dort.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2012

Am Freitag den 26.10.2012 fand am ehemaligen Schießplatz Kagran bei der Gedenktafel für die dort hingereichteten Soldaten und Zivilisten eine Gedenkveranstaltung statt. Der Veranstaltung gingen etliche und wochenlange nicht-öffentliche Diskussionen voraus:

Im Sommer und Herbst 2012 stand der Standort für das Deserteursdenkmal noch nicht fest, zur Diskussion standen diverse Standorte, das “Personenkomitee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz'” hat öffentlich seine Präferenz für den Ballhausplatz kundgetan – siehe Presseberichte 2012. Um diesen Anspruch zu unterstreichen war für das Jahr 2012 auch geplant an diesem Ort die sonst in Kagran stattfindende Gedenkveranstaltung am Ballhausplatz abzuhalten. Das “Personenkomitee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz'” meldete für den 26.10.(2012) eine Veranstaltung an, welche am 20.9.2012 der Versammlungsbehörde kundgetan wurde. Am 10.10.2012 erreichte die Anmelder_innen und das Personenkomitee die Mitteilung, dass die Versammlung nicht stattfinden könne, da just an Stelle des zukünftigen Deserteursdenkmals das Österreichische Bundesheer seine Transportfahrzeuge abstellen müsse – Untersagung zur Ansicht. Die Versammlungsbehörde berief sich bei der Ablehnung auf einen Bescheid der MA46 vom 25.09.2012 zugunsten des Militärkommandos Wien. Die Veranstaltung musste also erneut in die Peripherie ausweichen.

Im Folgenden der Einladungtext des Personenkomittee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz’, ausnahmsweise gleich zwei Videos und einige Fotos von der Veranstaltung.

„Es ist sehr erfreulich, dass sich die Stadt zu dieser Entscheidung durchgerungen hat.“ (Richard Wadani zur Standortentscheidung der Stadt Wien für das künftige Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz)

Nie wieder Gleichschritt!
11. Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz
Das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« lädt herzlich zur 11. Gedenkveranstaltung »Nie wieder Gleichschritt!« an der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf dem Gelände des Militärschießplatzes Kagran ein. Dort starben zwischen 1938 und 1945 Hunderte wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilte Wehrmachtsoldaten im Kugelhagel von Exekutionskommandos. Wir treffen uns zum Gedenken an alle ungehorsamen Soldaten und ZivilistInnen, die von Wehrmacht und SS ermordet wurden.

Zeit: 26. Oktober 2012, 11 Uhr
Ort: Gedenkstein im Donaupark

Programm

Begrüßung durch Richard Wadani, Wehrmachtsdeserteur und Ehrenobmann des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«

Harald Walser, Abgeordneter zum Nationalrat / Die Grünen, Zu den Auseinandersetzungen um die Rehabilitierung und das Wiener Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz

Mercedes Echerer, Schauspielerin, Szenische Lesung von Gerichtsurteilen gegen Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz (1939-1945) [verhindert, Anm.]

Das Original der Einladung als PDF: Einladung 2012.

Tatsächlich war Mercedes Echerer verhindert. Statt ihr hat Carmen Renate Köper, Schauspieler, Filmemacherin und Autorin in Wien, spontan die szenische Lesung übernommen.

 

Erstes Video der Gedenkfeier 2012, entnommen dem Youtube-Profil von Peter Eschberg, wer sichs direkt dort ansehen möchte: Link zum Youtube-Video.

Zweites Video der Gedenkfeier 2012, entnommen dem Youtube-Profil der AUGE/UG, wer sichs direkt dort ansehen möchte: Link zum Youtube-Video.

Und als wären die vielen Fotos und Videos nicht genug, gibt es sogar noch zwei Ton-Mitschnitte, wie so oft von Radio Orange 94.0 mitgeschnitten. Das könnt ihr direkt bei ihnen anhören – Bericht “Gedenken an Opfer der NS-Militärjustiz am 26. Oktober 2012 – zum letzten Mal im Wiener Donaupark” (CBA) (Hinweis: es gibt dort zwei Dateien: einen kommentierten 5-Minuten Zusammenschnitt und einen ungeschnittenen Gesamtmitschnitt!) – oder aber direkt hier:

“5-Minuten-Beitrag für ZIP-FM-Lokalausgabe inkl. Interview mit Richard Wadani” (von CBA/Radio_Orange)

“Unbearbeiteter Mitschnitt der Gedenkveranstaltung am 26.10.2012 im Wiener Donaupark” (von CBA/Radio_Orange)

 

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Alexander Wallner. Videos aufgenommen von Peter Eschberg und AUGE/UG. Mitschnitte von Gerhard Kettler von Radio Orange 94.0. Danke euch allen.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2011

Am 26.10.2011 fand am ehemaligen Schießplatz in Schießplatz in Kagran bei der Gedenktafel für die dort hingereichteten Soldaten und Zivilisten eine Gedenkveranstaltung statt. Im Folgenden der Einladungtext des Personenkomittee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz’, ein Video, einen Radio-Orange-Bericht samt Rede-Mitschnitt und Interview und einige Fotos von der Veranstaltung.

»Ich stelle mich an die Seite der Toten und der wenigen, die noch leben, die meiste Zeit ihres Lebens jedoch als Feiglinge, Drückeberger, Kameradenschweine und Schlimmeres bezeichnet worden sind. Das haben sie sich gefallen lassen müssen. Als hätte die Wirklichkeit einer Unrechts-Macht die Wirklichkeit der Nachkriegszeit bestimmt, sogar bis ins 21. Jahrhundert hinein.« (Elfriede Jelinek)

Nie wieder Gleichschritt!
10. Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz

Das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« lädt herzlich zur 10. Gedenkveranstaltung »Nie wieder Gleichschritt!« an der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf dem Gelände des Militärschießplatzes Kagran ein. Dort starben zwischen 1938 und 1945 Hunderte wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilte Wehrmachtsoldaten im Kugelhagel von Exekutionskommandos. Wir treffen uns zum Gedenken an alle ungehorsamen Soldaten und ZivilistInnen, die von Wehrmacht und SS ermordet wurden.

Ort: Gedenkstein im Donaupark, Wien 22
Zeitpunkt: Nationalfeiertag, Mittwoch, 26. Oktober 2011, 11.00 Uhr

Es sprechen:
Thomas Geldmacher, Obmann des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«
Magnus Koch, Historiker
Andreas Mailath-Pokorny, amtsführender Stadtrat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Wien
Richard Wadani, Wehrmachtsdeserteur und Ehrenobmann des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«
Anschließend: Kranzniederlegung vor dem Gedenkstein

»Der Held / bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache / ist in die Feuerzone gerückt. / Die Uniform des Tages ist die Geduld, / die Auszeichnung der armselige Stern / der Hoffnung über dem Herzen. // Er wird verliehen / für die Flucht von den Fahnen, / für die Tapferkeit vor dem Freund, / für den Verrat unwürdiger Geheimnisse / und die Nichtbeachtung / jeglichen Befehls.« (Ingeborg Bachmann)

Das Original der Einladung als PDF: Einladung Feier 2011.

Radio-Beitrag “Nie wieder Gleichschritt! Gedenken an Opfer der NS-Militärjustiz. Forderung nach Deserteursdenkmal dringlicher denn je.” (von CBA/Radio_ORANGE_94.0, auch direkt dort anhörbar)

Video-Beitrag:

Das Video der Gedenkfeier 2011 ist dem Youtube-Profil der AUGE/UG entnommen, wer sichs direkt dort ansehen möchte: Link zum Youtube-Video.

 

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Alexander Wallner. Videos aufgenommen von der AUGE/UG, Einladungtext übernommen von AK Denkmalpflege. Mitschnitt von Gerhard Kettler von Radio Orange 94.0. Danke euch allen.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2010

Am Dienstag den 26.10.2010 fand am ehemaligen Schießplatz Kagran bei der Gedenktafel für die dort hingereichteten Soldaten und Zivilisten eine Gedenkveranstaltung statt. Im Folgenden der Einladungtext des Personenkomittee ‘Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz’ und einige Fotos von der Veranstaltung.

Und wieder nähert sich der Nationalfeiertag. Wie auch schon in den letzten Jahren werden wir auch heuer nicht dem Bundesheer am Heldenplatz bei seiner »Leistungsschau« applaudieren, sondern stattdessen auf dem Gelände des ehemaligen Militärschießplatzes Kagran der Deserteure, der Kriegsdienstverweigerer, der Wehrkraftzersetzer gedenken; jener Menschen also, die sich weigerten, den Vernichtungskrieg der Wehrmacht mitzumachen, und dafür von der Zweiten Republik jahrzehntelang verachtet wurden.

Wir haben im vergangenen Jahr einiges erreicht. Die Ausstellung »Was damals Recht war« wurde mit großem Erfolg in Wien (01.09. bis 12.10.2009) und Klagenfurt (09.09. bis 10.10.2010) gezeigt, im September 2010 erschien darüber hinaus der österreichspezifische Dokumentationsband zur Ausstellung, »Da machen wir nicht mehr mit!«. Vor allem aber ist am 01.12.2009 nach 10-jährigem Kampf das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz in Kraft getreten, mit dem nunmehr alle Opfer der NS-Militärjustiz, aber auch der Erbgesundheitsgerichte und des Volksgerichtshofs pauschal und umfassend rehabilitiert sind.

Neben dem Gedenken und dem Niederlegen eines Kranzes wollen wir uns also auch ein wenig der Freude über das Erreichte widmen und die nächsten Schritte planen.
Treffpunkt: 26. Oktober, 11 Uhr, beim Gedenkstein im Donaupark (U1-Station Alte Donau, dann die Arbeiterstrandbadstraße rund 300 Meter nach Norden)

Es sprechen:
Richard Wadani, Wehrmachtsdeserteur und Ehrenobmann des Vereins »Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«
David Ellensohn, Stadtrat der Grünen und langjähriger Unterstützer des Personenkomitees


Video der Gedenkfeier 2010, entnommen dem Youtube-Profil der AUGE/UG, wer sichs direkt dort ansehen möchte: Link zum Youtube-Video.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Alexander Wallner. Video aufgenommen von der AUGE/UG. Danke euch allen.