WUG Favoriten

„Da saß schon einer drin, ein Fahrer, am Steuer. Der eine hat sich nach vorne hingesetzt und der Gefreite hinten zu mir. Das war ein Erlebnis. Nach Monaten im Gefängnis. Von Mai bis Oktober habe ich kaum das Tageslicht gesehen, und jetzt saß ich in einem offenen Wagen. [...] Trotzdem, ich konnte natürlich auch erkennen, wohin es geht. Durch die Stadt, hinaus zum Ring, zum Gürtel, raus in den zehnten Bezirk. Sag ich zu dem Gefreiten nebenan, habe ich mich getraut und gefragt: „Sagen Sie, wohin fahren wir?“ Ich war eigentlich angenehm überrascht, als er mir Wienerisch geantwortet hat: „Nach Favoriten, ins Wehrmachtsgefängnis.“ (Roman Haller: Interview, geführt von Vladimir Vertlib, März 1997. DÖW 51666.)

Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Favoriten (WUG X)

Ein so großes und dichtes Netzwerk der Verfolgung wie das der NS-Militärjustiz braucht ausreichend Hafträume. In Wien wurden von der Wehrmacht fünf Gefängnisse betrieben: Das größte und wichtigste befand sich in Favoriten. Die heutige Justizanstalt Favoriten war zwischen 1938 und 1945 das zentrale Haftgebäude der NS-Militärjustiz in Wien: Das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis X (»WUG X«). Durch den heute unscheinbaren aber großen Komplex gingen nahezu alle Untersuchungshäftlinge die in Wien und dem ganzen Wehrkreis XVII innerhalb der Wehrmacht festgenommen wurden.

Ausschnitt eines Briefkopfes aus einem Verfahren der NS-Militärjustiz. Bildquellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands / www.doew.at

Ausschnitt eines Briefkopfes aus einem Verfahren der NS-Militärjustiz.
Bildquellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands / www.doew.at

Geschichte vor 1938
Die Geschichte des Gefängnisses ist eng mit dem Bezirksgericht Favoriten verbunden. Dieses wurde 1882 eingerichtet, jedoch an anderer Stelle. Erst ab 1914 bezog das Gericht das heutige Gebäude, ihm angeschlossen war ein Gefangenenhaus – das spätere Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis X. Bis 1938 blieb diese Verbindung bestehen. Die akute Raumnot der neu aufgebauten NS-Militärjustiz in Wien führte das Objekt 1938 von der zivilen Justiz zur Wehrmachtsjustiz die so – wie man damals feststellte – »das schönste und modernste Gerichtsgebäude Wiens« erhielt.

Die heutige Justizanstalt Favoriten, 2013. Bildquellen: privat

Die heutige Justizanstalt Favoriten, 2013.
Bildquellen: privat M.L.

Baulichkeit
Auf vier Stockwerken befanden sich auf den Straßenseiten Hardtmuthgasse und Muhrengasse die beiden Hafttrakte, an deren Schnittpunkt befand sich ein Wachzimmer. Das Gefangenenhaus war für 145 Gefangene in 43 Einzel- und 20 Gemeinschaftszellen konzipiert – zu dieser Zeit waren die Zellen aber auch teils mehrfach überbelegt. Im Erdgeschoß befanden sich Isolier- und Dunkelzellen, ebenso im Keller. Ein Eingang befand sich in der Hardtmuthgasse, eine Einfahrt in der Muhrengasse. Das Gefangenenhaus wurde seit seinem hundertjährigen Bestehen mehrfach umgebaut und erweitert.

 

Ausschnitt aus einem Urteils des Gerichts der Division 177. Die elf Angeklagten wurden auf fünf verschiedene Haftanstalten aufgeteilt. Bildquellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands / www.doew.at

Ausschnitt aus einem Urteils des Gerichts der Division 177. Die elf Angeklagten wurden auf fünf verschiedene Haftanstalten aufgeteilt.
Bildquellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands / www.doew.at

Zentrale Haftanstalt
Der NS-Militärjustiz in Wien diente das Objekt als zentrale Haftanstalt. Die von den Einheiten angezeigten Personen wurden hier ebenso eingeliefert wie die von den Gerichten zur Fahndung Ausgeschriebenen. Die Gefangenen wurde in Folge vom WUG X auf die vier Zweigstellen aufgeteilt. Die Zweigstellen in den Bezirken Wien-Neubau (WUG VII), Wien-Döbling (WUG XIX), Wien-Floridsdorf (WUG XXI) und Wien-Leopoldstadt (WUG II) waren der Favoritner Zentrale nachgeordnet und auch wesentlich kleiner. Das WUG X wies also neben einem hohen Belag einen noch höheren Durchlauf auf. Geleitet wurde die Anstalt von einem Major Weddige. Das sonstige Personal setze sich sowohl aus Soldaten und Zivilisten zusammen, darunter auch ein Truppenarzt der die Haftfähigkeit bestätigte bzw. Häftlinge in ein Lazarett überwies.

Die Bezeichnung des „WUG X“ ist nicht immer einheitlich, es taucht in der Literatur und in den Akten als Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis (WUG) und Standortarrestanstalt und den Ortszusätzen Favoriten, X oder Hardtmuthgasse auf. Entgegen dem Eindruck, den die Bezeichnung Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis suggeriert, wurden auch Haftstrafen und Arreststrafen im WUG X vollstreckt: Diese dauerten in einigen Fällen durchaus auch mehrere Jahre.

Bedeutung
Die zentrale Stellung des WUG X im Netzwerk der Wiener NS-Militärjustiz hat für eine gute Aktenüberlieferung gesorgt. Die Breite der Vergehen der WUG X-Insassen reicht von Selbstverstümmelung im Heimaturlaub und Desertion an der Ostfront, bis hin zu Führerbeleidigung durch Jugendliche in der FlAK-Stellung und putschverdächtigen Offizieren. Durch die Rolle Wiens als Knotenpunkt als »Bollwerk des deutschen Südostens«, erstreckte sich das Einzugsgebiet der hier eingelieferten Personen von Rumänien bis Griechenland, also weit in den von der Wehrmacht besetzten Raum. Das führte dazu, dass die unterschiedlichsten Personen über ihre Haft berichten konnten: Darunter der Wiener Künstler Roman Haller, der sich hier in Untersuchungshaft vor seinem Kriegsgerichtsprozess befand, oder etwa der spätere Justizminister Christian Broda, der hier 1943 drei Monate einsaß.

Querschnitt durch das Gebäude, zu sehen die Mauer im Gefängnishof, Plan: ca. 1920. Bildquellen: privat M.L.

Querschnitt durch das Gebäude, zu sehen die Mauer im Gefängnishof, Plan der Baupolizei ca. 1920.
Bildquellen: privat M.L.

Folter und Selbstmord
Es gibt vereinzelte Hinweise auf Folter im WUG X, jedenfalls kam es zu Übergriffen der Wachmannschaft auf die Gefangenen. Grundsätzlich wurden Verhöre und Folter aber vor allem in der Rossauer Kaserne angewandt. Auch gibt es Berichte über Selbstmorde um dem Haftalltag, den Übergriffen oder der Verurteilung zu entkommen.

Todesurteile
Personen, gegen die Todesurteile ergangen waren, verbrachten die Zeit bis zur Vollstreckung getrennt in den verschiedenen Wiener Haftanstalten. Einige Tage vor der Hinrichtung wurden sie gesammelt. Transporte brachten sie zum einen in das Landgericht I. Zum Zwecke der Abschreckung vor weiteren Desertionen ließ die NS-Militärjustiz Massenhinrichtungen vor Publikum am Schießplatz Kagran durchführen. Die Verurteilten verbrachten die Nächte davor in der heutigen Starhembergkaserne (früher: Trostkaserne). Das »WUG X« war in diesen Fällen zentral in das Hinrichtungs-Prozedere eingebunden, der Kommandant des WUG X verlas den Hinzurichtenden vor der Hinrichtung auch das Urteil.

Aufriss des Hofes und der Zellen, unten im Bild: Isolierzellen und Dunkelkammer, Plan: ca. 1920. Bildquellen: privat M.L.

Aufriss des Hofes und der Zellen, unten im Bild: Isolierzellen und Dunkelkammer, Plan der Baupolizei ca. 1920.
Bildquellen: privat M.L.

Evakuierung 1945
Auch als sich die Alliierten der Stadt Wien näherten, hielt die Wiener NS-Militärjustiz den Betrieb weiter aufrecht: Die Verfolgung von Deserteuren, Selbstverstümmlern usw. wurde sogar ausgebaut. Mehr und mehr Soldaten und ZivilistInnen durchliefen die die Hafteinrichtungen. Bis zuletzt wurden Verurteilte der NS-Militärjustiz „zur Frontbewährung“ in den Osten geschickt.
Ende März 1945 löste die Gefängnisleitung das Gefängnis auf. Die Insassen wurden Richtung Westen evakuiert. Ziel war das Wehrmachtsgefangenenanstalt Döllersheim/Allensteig, ein Außenlager des Wehrmachtsgefängnis Glatz (Kłodzko). Auf dem Weg dorthin gelang einigen die Flucht, andere wiederum wurden erschossen.

Tafel der Bezirksvertretung Favoriten, 2015

Tafel der Bezirksvertretung Favoriten, 2015

Befreiung April 1945
Die Rote Armee stand Anfang April 1945 vor Wien. Am 6. April begann sie damit das Stadtgebiet von Süden her zu befreien und im Westen zu umfassen; noch an diesem Tag wurde der ganze Bezirk Favoriten befreit, so auch das Gefängnis. Die Justizwache übernahm das Gebäude und und unterstellte es der Kriminalpolizei, kurzzeitig waren im Gebäude auch nationalsozialistische ParteifunktionärInnen inhaftiert.

Aufarbeitung
Ende April 2015 wurde von der Bezirksvertretung Favoriten ein Erinnerungszeichen am Gebäude errichtet. 100 Jahre nach Gebäudeerrichtung und 75 Jahre nach Einrichtung des „WUG X“ erinnert eine Tafel an die Geschichte des Gebäudes sowie die Leiden der Verfolgten und Opfer des NS-Regimes.

Fallbeispiel WUG-X: Edgar Ulsamer, Herta Ulsamer, Karl Ulsamer.

Fallbeispiel WUG-X: Edgar Ulsamer, Herta Ulsamer, Karl Ulsamer.

Fallbeispiele zum WUG X Favoriten:

 

 

 

Aktuelle Artikel

6. Mai 2017: Gedenk- und Befreiungsfeier: Richard Wadani spricht in Greifenburg

Mit 95 Jahren ist Richard Wadani einer der letzten Zeitzeugen des Widerstandes von Wehrmachtsdeserteuren gegen das NS-Regime. Er spricht am Samstag, den 6. Mai bei der Gedenk- und Befreiungsfeier am Denkmal für die Verfolgten des NS-Regimes am Bahnhof in Greifenburg. Der Künstler Hans-Peter Profunser wird eine neue Serie von Kunstdrucken zum Thema Widerstand und Verfolgung präsentieren, die in einer limitierten Auflage von 149 Stück erscheinen. Die Kunstdrucke sind gegen eine Spende erhältlich, die in die Erhaltung des Denkmals fließt.

Einladung als Download

Begrüßung: Bürgermeister Josef Brandner

Szenische Lesung: SchülerInnen der HLW Spittal/Drau

Rede: Richard Wadani, Wehrmachtsdeserteur

Präsentation: Hans-Peter Profunser, Kunstdrucke (neue Serie)

Musik: Jan Kubis (Akkordeon), Marjetka Luznik (Gesang)

 

Samstag, 6. Mai 2017,17.00 Uhr

Denkmal für die NS-Opfer, Greifenburg (Bahnhof)

Mehr Informationen: www.aegide.at

Rückfragen: Dr. Peter Pirker Obmann Verein aegide 0676 327 28 33

  1. Demokratiepreis des Parlaments an Personenkomitee verliehen Kommentare deaktiviert
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  3. Filmpräsentation Filmclub Bozen 19.10.2016 Kommentare deaktiviert
  4. Buchpräsentation Ballhausplatz 23.09.2016 Kommentare deaktiviert
  5. Gedenkveranstaltung Ballhausplatz 03.09.2016 Kommentare deaktiviert
  6. Gespräch mit Richard Wadani Kommentare deaktiviert
  7. Presse 2016 Kommentare deaktiviert
  8. Enthüllung des Deserteurs- und Widerstandsmahnmals in Bregenz Kommentare deaktiviert
  9. Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2015 Kommentare deaktiviert
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  11. Nie Wieder Gleichschritt! 1. Gedenkfeier für die Opfer der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz Kommentare deaktiviert
  12. Aus aktuellem Anlass: Tod des Wehrmachtsdeserteur David Holzer Kommentare deaktiviert
  13. Enthüllung Gedenktafel am ehemaligen Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Favoriten (WUG X) Kommentare deaktiviert
  14. Mahnwache des KZ-Verbands am Deserteursdenkmal Kommentare deaktiviert
  15. Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Militärjustiz in Kagran 2014 Kommentare deaktiviert
  16. Eröffnungsfeier des Deserteursdenkmals Kommentare deaktiviert
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