Trostkaserne

Trostkaserne – Sammelpunkt für Todeskandidaten

In Wien wurden von der Wehrmachtsjustiz fünf Gefängnisse betrieben: Die Zentrale (WUG X) befand sich in Wien-Favoriten, nahe der Trostkaserne. Diese heute Starhemberg-Kaserne genannte Kaserne diente der nationalsozialistischen Militärjustiz als Haftort für Todeskandidaten. Es war Teil eines Unrechtsregimes das Deserteure, Selbstverstümmler, Saboteure, Wehrdienstverweigerer, usw. verfolgte.

Geschichte vor 1938
Die Kaserne wurde 1911/12 errichtet, zuerst Erzherzog-Franz-Ferdinand-Infanterie-Kaserne benannt, nach Ausrufung der Republik 1918 sodann Trostkaserne. Die Anlage wurde mehrmals erweitert und modernisiert, Adresse blieb aber immer Gußriegelstraße 45 bzw. Troststraße 105.

Übernahme durch die Wehrmacht
Nach dem „Anschluss“ 1938 übernahm die Wehrmacht alle Bundesheer-Kasernen, so auch die Trostkaserne. Die Kaserne diente zuerst dem Heer, ab 1940 der Luftwaffe, zwischen 1942 und 1944 wurden in Favoriten FlAK-Abteilungen massiv ausgebaut.

Verwendung für die Wehrmachtsjustiz
Zwischen 1940 und 1945 wurden aus den fünf auf die Stadt verteilten Wehrmachtsuntersuchungsgefängnissen, vor allem aus dem nur 1250 Meter entfernten „Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis X“ in der Hardtmuthgasse, zum Tode verurteilte Soldaten in die Trostkaserne gebracht. Sie sollten hier ihre letzte Nacht vor der Hinrichtung am Schießplatz Kagran verbringen sollen. Es handelte sich dabei einerseits um eine logistische Notwendigkeit um den Abtransport der Hinzurichtenden samt der Soldaten, die die Erschießung vornahmen, zu bewerkstelligen. Andererseits handelte es sich dabei um einen militärischen Usus um die „Ausstoßung aus dem Heer“ zu vollziehen.

Bericht
Der Wehrmachtsgeistlichen Franz Loidl war einer der wenigen Zeugen dieser Vorgänge. Er berichtet nach 1945:

„Daraufhin wurde der Soldat von zwei Begleitern abgeführt, in eine abgetragene Militärhose samt Rock gesteckt und zur Armensünderzelle geleitet. Man nannte dies ‚Ausstoßung aus dem Heer‘. Die düstere Zelle hatte kein Fenster, nur eine Klomuschel, einen wackeligen Tisch und zwei einfache Sessel als Einrichtung. Ein paarmal gab es ein dürftiges Henkermahl auf einem Blechteller, auch das hörte später auf. Nur Zigaretten verblieben. (…) Zur Wache vor der offenen Tür gesellten sich immer wieder abwechselnd Soldaten/Kameraden, die den Armen durch Gespräche, Witze etc. abzulenken suchten, auch sich mit ihm zu unterhalten anfingen.“

„Ein ärmlicher Tisch, zwei Sessel und ein Eisenbett waren mit dem WC die einzige Einrichtung des fensterlosen, schmalen Raumes. Vor der dauernd offengelassenen Tür (wegen der Beobachtung, damit sich der Verurteilte nicht etwas zufüge) postierte sich die Wache.“

„Da die ganze Nacht über geraucht wurde und der Qualm keinen Abzug hatte, brannten mir ein paar Tage lang die Augen oder schmerzten mich, wie man besser sagt. Seither weiß ich, wie ähnlich nach einer Operation eine Nacht dahinschleicht und wie eine Ewigkeit nicht zu vergehen scheint. Dieses Warten die Nacht über bis zum Morgen des letzten Tages sei die eigentliche Todesstrafe und Abbüßung, da jeder Todeskandidat die unabwendbare sofortige Vollstreckung als Erlösung empfinden, ja sogar wünschen würde, wie mir vom Kommandanten erzählt wurde. (…) Die schweren Stiefeltritte, das laute Rufen und das Zuschlagen der Eisentüren [ließen] kaum ein Stündchen Ruhe zu. Auch ließ es mir keine Ruhe, wollte ich ja den Armen nicht allein und sich selbst überlassen. Man hatte mir nicht nur einmal bedeutet, daß ein auf das Sterben Wartender das Alleinsein und Gefühl der Verlassenheit sehr hart und beängstigend empfinde.“

„Allzu langsam krochen die frühen Morgenstunden etwa ab zwei oder drei Uhr hin, zumal es nun auch im so grau und öd wirkenden Hause ruhig geworden war. Da die Erschießung mit Tagesanbruch vollzogen werden mußte – etwa zwischen 6:15 – 7:15 Uhr, je nach Jahreszeit –, wurde es bald nach 5 Uhr früh lebendig im Haus. Schlösser-Rasseln, Auf- und Zuschlagen der schweren Gitter, schwere Stiefeltritte ließen die Nähe des Aufbruchs und der Abfahrt ahnen. Ein Unteroffizier vom Dienst mit Helfern erschien, legte die Hände des Todeskandidaten in Ketten (Schließen), dann auch die Füße (um die Knöchel), aber gelockert, so daß er mit Hilfe der Begleiter trippeln konnte. Es ging über die Treppe hinab in den öden Hof, wo schon der Autokar, der vergitterte, dem Polizeiauto „Grüner Heinrich“ gleichende LKW wartete. Eine Wachmannschaft stieg nach. (…) Hie und da ein Blick durch die Fensterlucke ließ erkennen, daß sich der kleine Konvoi über die Triesterstraße, den Margaretner- und Wiednergürtel, die Prinz-Eugen-Straße, den Schwarzenbergplatz und Ring, vorbei an der Urania, dem Tegetthofdenkmal und über die Reichsbrücke auf holpriger Straße bewegte.“

Heutige Starhemberg-Kaserne des Österreichischen Bundesheeres, frühere Trostkaserne (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons by-sa 3.0 de)

Befreiung 1945 und Nutzung heute
Die Kaserne war als Teil der FlAK-Großkampfbatterie „Wienerberg“ stark in die Kämpfe gegen die Rote Armee eingebunden die ab dem 5.April 1945 versuchte Wien von der Wehrmacht und SS zu befreien. Erst am Abend des 6. Aprils war Wien-Favoriten bis zum Gürtel befreit. Bis 1955 benutzte die Rote Armee die Trostkaserne, danach übernahm sie das Bundesheer. 1967 erfolgte die Umbenennung in Starhemberg-Kaserne, die heute als Fernmeldetruppenschule dient.

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Aktuelle Artikel

Intervention: Orte und Opfer der NS-Militärgerichtsbarkeit in Wien

Stadtrundgang und Podiumsdiskussion, gemeinsame Veranstaltung des Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ und des Vienna Wiesenthal Institut (VWI)

Wann & Wo (Rundgang): Sonntag, 29. Mai 2022, 13:00, Stubenring 1

Wann & Wo (Diskussion): Sonntag, 29. Mai 2022, 16:00, Hohenstaufengasse 3

Ankündigungstext:

Am 21. Oktober 2009 beschloss der Nationalrat mit den Stimmen von Grünen, ÖVP und SPÖ ein Gesetz, mit dem Wehrmachtsdeserteure und andere Opfer der NS­-Militärjustiz pauschal rehabilitiert wurden. Dafür waren gesellschaftliche und politische Debatten ausschlaggebend, die in den späten 1990er-Jahren ihren Ausgang nahmen, eine umfassende gesellschaftliche Diskussion über die NS­-Militärgerichtsbarkeit und ihre Opfer anregten und neben der Rehabilitierung auch in der 2014 erfolgten Errichtung des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz mündeten.

Bei einem Stadtrundgang wollen sich das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) und das Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ den Orten nationalsozialistischer Militärgerichtsbarkeit in Wien widmen: Wo waren die Orte der Verfolgung, wo wurden Todesurteile und Folterungen angeordnet, wie wird vor Ort daran erinnert? Des Weiteren wollen die Veranstalter im Rahmen des Rundgangs der Frage nachgehen, wie Simon Wiesenthal, der zeitlebens einen Blick auf ‚andere‘ Opfergruppen abseits politischer und rassistischer Verfolgung hatte, zu Deserteuren und deren Rehabilitierung stand.

Im Anschluss an den Rundgang wird in einer Podiumsdiskussion mit Vertreter:innen aus den Feldern der Wissenschaft, Politik, Medien und Kultur diskutiert, ob mit Denkmal und Rehabilitierung alles erreicht ist.

Stadtrundgang

Treffpunkt: 13:00 Uhr

1., Stubenring 1, Regierungsgebäude (Sitz mehrerer Ministerien)
Terezija Stoisits: Begrüßung
Philipp Rohrbach: Einführung
Mathias Lichtenwagner: Das heutige Regierungsgebäude als Zentrum der Wiener Wehrmachtsjustiz vom „Anschluss“ 1938 bis zur Befreiung 1945

1., Franz-Josefs-Kai/Ecke Dominikanerbastei, Bundesministerium für Landesverteidigung
Ela Hornung-Ichikawa: Zentralgericht des Heeres Wien: Verfolgungspraxis – Wehrkraftzersetzung – Denunziation

1., Rabensteig 3, Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Philipp Rohrbach: Simon Wiesenthals Haltung zu Desertion. Eine Spurensuche im Archiv des VWI

1., Hohenstaufengasse 3, Bundesministerium für Kunst, öffentlichen Dienst und Sport
Thomas Geldmacher: Jäger der verlorenen Mannszucht – Karl Everts’ „Selbstverstümmler“-Abteilung in der Hohenstaufengasse 3

1., Ballhausplatz 2, Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz
Peter Pirker: Deserteure in der politischen Debatte – der Weg zur Rehabilitierung und zum Denkmal

Podiumsdiskussion:
Deserteure aus der Wehrmacht: Aufarbeitung, Rehabilitierung, Denkmal – alles erreicht?

Beginn: 16.00 Uhr

1., Hohenstaufengasse 3

Veronica Kaup-Hasler (Amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft) (angefragt)
Eva Blimlinger (Abgeordnete zum Nationalrat)
Claudia Kuretsidis-Haider (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands)
Thomas Geldmacher (Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“)
Peter Pirker (Universität Innsbruck)
Moderation: Nina Horaczek (Falter Chefreporterin)

Anmeldung unter anmeldung@vwi.ac.at bis 28. Mai 2022, 12.00 Uhr

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