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Nachruf auf Linde Wadani (1939–2026)

Es sind oft nicht die großen Auftritte, die bleiben, sondern die Situationen am Rand: ein gedeckter Tisch, sorgfältig geschnittene Kuchenstücke, Schlagobers im feinen Porzellan.

Die Arbeit an der historisch-politischen Biografie des Wehrmachtsdeserteurs Richard Wadani begann für uns 2014 nicht am Schreibtisch, sondern in seiner Gemeindebauwohnung in Wien-Simmering, wo er mit seiner Frau jahrzehntelang lebte. Bevor wir mit den eigentlichen Interviews begannen, saßen wir zusammen.

Manchmal war es ein Mittagessen, das Linde für uns gekocht hatte, meist aber Kaffee und Kuchen, fast immer eine selbstgebackene Biskuitroulade.
Das Gespräch war da längst im Gange, subtil orchestriert von Linde. Es waren politische Gespräche, von Anfang an. Sie nahm Bezug auf aktuelle Entwicklungen, auf den spürbaren Rechtsruck, auf die offenen Fragen im Kontext der Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, auf Fragen des Gedenkens.

Das Persönliche war präsent, aber es ordnete sich dem Politischen unter – jenem Maßstab, an dem sich für Linde alles entschied.
Linde Wadani kommt in unserer Biografie über Richard Wadani kaum vor.

Und doch war sie immer da.

Wir haben Linde und Richard Wadani über viele Jahre hinweg gekannt, in einer Zeit, in der aus dem zunächst randständigen Thema der Wehrmachtsdeserteure in Österreich eine zentrale, vehement geführte vergangenheitspolitische Debatte wurde. Als wir mit der Arbeit an Richards Biografie begannen, waren entscheidende Schritte bereits erreicht: die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas durch Forschungen (1998/99, ff.) an der Universität Wien, die sozialrechtliche Anerkennung der Opfer der NS-Militärjustiz (2005), die Präsentation der zeitgeschichtlichen Sonderausstellung „Was damals Recht war. Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom (2009), die juristische Rehabilitierung von Deserteuren und Wehrdienstverweigerern durch den Nationalrat (2009), der politische Prozess zur Errichtung des Denkmals für die Opfer der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz (2014).

Für viele wäre dies ein Moment des Innehaltens gewesen. Nicht für Linde.
Das Erreichte genügte ihr nie. Ihr Blick war stets nach vorne gerichtet, auf das, was noch zu tun blieb. Vorwärtsgehen im politischen Kampf, würde Linde vielleicht sagen. In dieser Konsequenz lag etwas Unbeirrbares, manchmal auch Irritierendes – und etwas, das einen mitunter an die eigenen Grenzen führte.

Linde Wadani, geboren als Sieglinde Maria Bair am 7. Jänner 1939 in Donawitz, entstammte einer Familie, in der politischer Widerstand keine historische Kategorie, sondern gelebte Erfahrung, war. Ihr Vater, Franz Bair, gehörte der Österreichischen Freiheitsfront an, wurde 1944 von der Gestapo verhaftet, überlebte das Konzentrationslager Mauthausen und blieb auch nach dem Krieg politisch in der KPÖ aktiv. In dieser Konstellation verschränkten sich Biografie und Geschichte auf eine Weise, die Lindes gesamtes Leben grundlegend bestimmte.

Als Linde und Richard einander 1954 beim Sport kennenlernten – bei einer Tischtennis-Betriebsmeisterschaft im kommunistischen Globusverlag, wo Linde in den Jahren 1955 bis 1961 beschäftigt sein sollte –, war noch nicht absehbar, wohin dieser gemeinsame Weg führen würde. Was sich jedoch früh zeigte, war eine Übereinstimmung in grundlegenden Fragen: ein politisches Selbstverständnis, das sich nicht an Mehrheiten orientierte – verbunden mit der Bereitschaft, kämpferische Positionen zu vertreten, die in Österreich unbequem waren und über lange Zeit geschmäht und marginalisiert blieben.

Linde und Richard Wadani, Aufmarsch 1. Mai 1956

Tatsächlich hat Linde Richards Weg als homo politicus nicht einfach begleitet. Sie hat ihn mitgetragen und beeinflusst – als femme politique von nicht geringerer Entschlossenheit.

Diese Entschlossenheit zeigte sich auch in Momenten des Bruchs. Der Austritt aus der KPÖ, den Linde Ende der 1960er Jahre vor Richard vollzog, fiel in eine Zeit zunehmender Krisen und innerer Spannungen innerhalb der Partei und war für sie ein schmerzhafter Schritt – politisch wie persönlich. Er bedeutete nicht nur eine Trennung von der Partei, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Herkunft. Richard selbst hat später darauf Bezug genommen. Dass Linde diesen Schritt vor ihm ging, verweist auf die ausgeprägte Eigenständigkeit, die ihr politisches Handeln stets prägte – und auf eine Konsequenz, die auch dort nicht Halt machte, wo es schmerzte.

Über Jahrzehnte hinweg war Linde Wadani an der Seite ihres Mannes präsent – nicht im Vordergrund, sondern als konstante, strukturierende und mitunter treibende Kraft im Hintergrund. Kaum jemand widersprach Richard so entschieden wie sie – und doch stets in solidarischer Verbundenheit. Wo Argumente aus dem Kreis des Personenkomitees ihn nicht erreichten, gelang es oft Linde, ihn zu überzeugen. Nicht selten war es Linde, die auch in den Interviews lenkte, nachfragte, einwarf und beharrte, wenn etwas präzisiert werden musste. Richard selbst beschrieb Lindes Rolle einmal mit wenigen, einfachen Worten: „Die Linde und ich, wir haben fest zusammengehalten und uns über alles hinweggesetzt.“

Lindes Unterstützung bedeutete im Fall der Wadanis nicht bloß Zustimmung zu Richards politischer Arbeit. Sie bedeutete Auseinandersetzung, Diskussion, Kritik, Beharrlichkeit. Sie bedeutete auch, die langen Phasen auszuhalten, in denen politisches Engagement ins Leere zu laufen schien, in denen die gesellschaftliche Ächtung gegenüber Wehrmachtsdeserteuren kaum nachließ und öffentliche Anerkennung in weiter Ferne lag. Dass sich dies ab den 2000er Jahren schließlich zu ändern begann – dass es zu einer rechtlichen Rehabilitierung und zu einer Denkmalsetzung an einem der prominentesten Orte Wiens kam, war das Ergebnis eines jahrzehntelangen Ringens und Kämpfens gegen viele Widerstände. Ein politischer Kampf, der von Richard und Linde gemeinsam geführt wurde.

Linde Wadani trat dabei selbst kaum öffentlich in Erscheinung. Das war keine Folge von Zurücksetzung, sondern eine bewusste, von ihr getroffene Entscheidung. Eine Doppelbiografie der Wadanis, wie wir sie ursprünglich geplant hatten, lehnte sie ab – entschieden, wiederholt, mit einem vehementen Nein, das zu teils erbitterten Auseinandersetzungen zwischen uns führte. Unser Wunsch, Lindes Geschichte als Frau ebenfalls sichtbar zu machen, scheiterte an ihrem Widerstand. Auch dort, wo sie dennoch namentlich erwähnt und gewürdigt wurde, reagierte sie mit deutlicher Kritik – nicht zuletzt an unserer Pressearbeit.

Im Rückblick erscheint diese Haltung wie eine Antithese zur Gegenwart, in der Sichtbarkeit oft mit Bedeutung gleichgesetzt wird. Linde hatte sich dem immer entzogen. Für sie zählte nicht das Erzählen über sich selbst, sondern das politische Handeln.

Diese Konsequenz zeigte sich auch in scheinbar nebensächlichen Details. Als wir ein Foto verwenden wollten, das sie und Richard am Faaker See zeigte – eine ruhige, idyllische Szene mit Wasser, Landschaft und Enten –, legte sie ihr Veto ein. Zu unpolitisch. Eine vertrottelte Idee, wie sie sinngemäß kommentierte. Jegliche romantisierende Weichzeichnung war ihr ein Gräuel. Das Foto wurde später tatsächlich verwendet – ohne Enten. Die wurden auf Lindes Wunsch wegretuschiert.

Und doch wäre es verkürzt, Linde allein über ihre politische Konsequenz zu beschreiben. Sie war ein feinsinniger Mensch, mit großer Liebe zu Oper und Theater, zu Kunst und Literatur. Auch als Richard aufgrund seiner Schwerhörigkeit die Theaterbesuche aufgab, hielt sie daran fest. Das Theaterabonnement blieb – Sonntag für Sonntag, unabhängig davon, wie es ihr ging. Ähnlich verhielt es sich mit ihren geliebten Schiurlauben, die sie schließlich auch ohne ihn unternahm. In dieser Beharrlichkeit zeigte sich eine andere, leisere Form ihrer Konsequenz.

Lindes Leben war geprägt von Bescheidenheit. Jahrzehntelang lebten die Wadanis in ihrer kleinen Gemeindewohnung in Simmering. Der kleine Luxus, den sich Linde erlaubte, war ihre Leidenschaft für Blumen: ihr Balkon, der sich im Sommer in ein Blütenmeer aus Rosen wandelte, war ihr großer Stolz. Und das Reiten – eine Liebe, die sie lange begleitete. Als ihr geliebtes Pferd starb, gab sie dieses Hobby auf. Auch das war eine Form von Endgültigkeit, die zu ihr passte.

Ein großer Schmerz blieb die räumliche Distanz zu ihrem Sohn und seiner Familie, die in Australien leben. Die gelegentlichen Besuche dort waren ihr eine große Freude, doch sie ersetzten nicht die Abwesenheit im Alltag. Große Bedeutung hatten wohl auch deshalb die Beziehungen innerhalb des 2002, an Richards 80. Geburtstag, gegründeten Personenkomitees für die Opfer der NS-Militärjustiz. Freundschaften über Generationen hinweg – entstanden aus der gemeinsamen politischen Arbeit: diese wurden für Linde zu einem tragenden sozialen Gefüge im Leben.

Bis zuletzt begleitete sie die gedenkpolitische und wissenschaftliche Arbeit ihrer Freund:innen aus dem Personenkomitee mit wachem Interesse und großer Anteilnahme. Dazu gehörten auch die Gedenktafelenthüllungen an Orten der NS-Militärjustiz, etwa am Wiener Concordiaplatz oder in der Hohenstaufengasse (2024). Besonders wichtig waren ihr die alljährlichen, seit 2002 durchgeführten Gedenkfeiern in Kagran, die seit der Errichtung des Denkmals am Ballhausplatz etwas in den Hintergrund getreten waren: für Linde hatten sie jedoch nichts an Bedeutung verloren.

Dass Nähe und gegenseitige Verbundenheit bis zuletzt bestanden, zeigt sich auch in den letzten Wochen ihres Lebens. Noch im Winter 2025/26 reiste sie nach Australien und lernte ihren Urenkel kennen. Über Nachrichten blieb sie mit uns in Kontakt, schickte Fotos, schrieb: „Ich bin glücklich mit meiner Familie. Alles ist wunderbar.“ Die letzte Nachricht erreichte uns am 1. Februar: „Bin wieder da!“ Wir wollten uns treffen. Dazu kam es nicht mehr.

Dennoch war sie in ihren letzten Tagen nicht allein. Freund:innen und Gefährt:innen aus dem Personenkomitee begleiteten sie bis zuletzt.

Der größte Einschnitt ihres Lebens war zweifelsohne Richards Tod, ihre große Liebe. Seitdem, so erzählte sie einmal, verging kein Tag, an dem sie nicht Zwiesprache mit ihm hielt. Für eine überzeugte Kommunistin ein Schritt, der nicht ohne Widerspruch blieb – vielleicht der größte, den sie an sich selbst wahrnahm und akzeptierte. Kaum ein Grab am Wiener Zentralfriedhof wurde so regelmäßig besucht und mit solcher Sorgfalt gepflegt wie seine letzte Ruhestätte. Still, mit großer Konsequenz, sorgte sie dafür, dass es als Ehrengrab der Stadt Wien gewidmet wurde. Ihr Anliegen war es, dass diese Fürsorge Bestand hatte – über die Zeit hinaus.

Bis zuletzt blieb sie ein wacher, kritischer, politischer Geist. Am Mittwoch, dem 25. März 2026, verstarb Linde Wadani im Alter von 87 Jahren.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine bemerkenswerte Frau und ihr politisches Wirken und nicht zuletzt die sichtbaren Resultate eines langwierigen Rehabilitationsprozesses, an dem sie entscheidenden Anteil hatte. Es bleiben auch die Erinnerungen an eine Präsenz, die sich nicht in den Vordergrund drängte und gerade darin wirksam war: Gespräche, Klarheit, eine Form von Haltung, die sich nicht ausstellen musste, um Bestand zu haben.

Für uns bleiben am Ende ein gedeckter Tisch und viele Gespräche – und die Erinnerung an das, was sich dort, oft ganz unscheinbar, entfaltet hat.

Lisa Rettl & Magnus Koch




































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Das erste österreichische DESERTEURSDENKMAL steht in Wien

Am 24. Oktober 2014 wurde durch einen Festakt am Ballhausplatz das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eröffnet. Denkmalsetzerin ist die Stadt Wien.

Folder Deserteursdenkmal Wien

Neu: Broschüre zum Deserteursdenkmal. Klick aufs Bild zum Anschauen & Download.

Die nationalsozialistische Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkrieges mehr als 30.000 Todesurteile: gegen Soldaten, Kriegsgefangene und ZivilistInnen, insbesondere aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in ganz Europa. Die meisten Todesurteile ergingen gegen Deserteure und »Wehrkraftzersetzer«. Viele tausend weitere Soldaten starben nach kriegsgerichtlichen Urteilen in sogenannten Bewährungseinheiten an der Front.

Angefeindet, diffamiert …

Handlungsweisen, Lebenswege und biografische Hintergründe der Verfolgten sind vielfältig. Vor den Militärgerichten standen erklärte politische GegnerInnen des Nationalsozialismus ebenso wie Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus individuelle Freiräume suchten. Jegliche Form der Widersetzlichkeit oder etwa die Unterstützung von Deserteuren durch zivile Helferinnen und Helfer konnten als politische Delikte bewertet werden und wurden mit härtesten Strafen belegt.

Nach Kriegsende begegnete die österreichische Gesellschaft den Überlebenden dieser Verfolgung mit Ablehnung und Feindschaft. Zwar hielt sich in Österreich lange der Mythos, durch den Einmarsch deutscher Truppen im Jahre 1938 sei Österreich das »erste Opfer« deutscher Kriegspolitik geworden. Dennoch galt der Dienst österreichischer Soldaten in der »Großdeutschen« Wehrmacht als Pflichterfüllung oder gar als heldenhaft.

… und 2009 rehabilitiert.

Angeregt durch historische Forschungen, setzte sich erst ab der Jahrtausendwende langsam die Erkenntnis durch, dass sich die nationalsozialistische Militärjustiz bedingungslos in den Dienst eines verbrecherischen Krieges gestellt hatte. Im Jahre 2009 rehabilitierte der Nationalrat mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte und erkannte insbesondere Desertion »als bewusste Nichtteilname am Krieg an der Seite des nationalsozialistischen Unrechtsregimes« als Akt des Widerstands an.

Das Denkmal

Die Skulptur Olaf Nicolais an diesem zentralen Ort der Republik Österreich greift die klassischen Elemente eines Mahnmals »Sockel« und »Inschrift« auf, arrangiert diese aber völlig anders als traditionelle Kriegerdenkmäler. Ein überdimensionales, liegendes »X« bildet den dreistufigen Sockel, in dessen dritte Ebene die nur von oben lesbare Inschrift eingelassen ist. Der Text zitiert ein Gedicht des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay (1925–2006), der mit wichtigen VertreterInnen der sprachkritischen und experimentellen Wiener Künstlerszene befreundet war. Das Zusammenspiel von Sockel und Inschrift inszeniert die Situation des Einzelnen in und gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen. Bedroht von Anonymisierung und Auslöschung, die ihn zum »X« in einer Akte werden lassen, ist seine Position dennoch zentral. Die Skulptur erweist denjenigen Respekt, die eine eigene Entscheidung treffen, sich der Fremdbestimmung widersetzen und sich durch ihr eigenständiges Handeln gegen das geltende System stellen.

Der Künstler

Olaf Nicolai wuchs in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) auf, 1983 bis 1988 Studium der Germanistik mit anschließender Promotion an der Universität Leipzig (Titel: Geste zwischen Expression und Kalkül. Zur Poetik der Wiener Gruppe). Seit Anfang der 1990er Jahre ist er mit Gruppen- wie mit Einzelausstellungen an fast allen wichtigen Orten des zeitgenössischen Kunstgeschehens präsent.
Olaf Nicolai lebt und arbeitet in Berlin.

 

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