Gericht der Division 177, Standort Hohenstaufengasse

Gericht der Division 177, Standort Hohenstaufengasse

Im Gebäude Hohenstaufengasse 3 befand sich ab Ende 1943 bis zur Befreiung ein Gerichts der NS-Militärjustiz. Es war Teil eines Unrechtsregimes das Deserteure, Selbstverstümmler, Saboteure, Wehrdienstverweigerer, usw. verfolgte.

Geschichte vor 1938 und Wehrmacht
Das Gebäude wurde für die Zentraleuropäische Länderbank errichtet, 1884 fertigstellt; Der große, helle Kassensaal und die Tresorräume im Keller bestehen bis heute. Die Bank verkaufte das Haus im Sommer 1938 an das Deutsche Reich. Die Wehrmacht ließ sogleich Modernisierungen durchführen, einige Zeit nutzten aber andere Stellen das Gebäude, darunter das Ministerium für Landwirtschaft.
Briefkopf des Gerichts der Divison 177, Standort Hohenstaufengasse 3 (Quelle: DÖW)

Briefkopf des Gerichts der Divison 177, Standort Hohenstaufengasse 3 (Quelle: DÖW)

Übernahme Wehrmachtsjustiz
Das Gericht der Division 177 besaß in Wien zwei Standorte, am Stubenring und am Loquaiplatz. Ende 1943 wurde ein dritter Standort dieses großen Gerichts im Hinterland in der Hohenstaufengasse 3 eingerichtet. Bis zu 17 Richter arbeiteten am Gericht der Division 177 zu diesem Zeitpunkt, die sich auf die drei Standorte aufteilten.

Jagd nach „Selbstverstümmlern“
Die nunmehrige Abteilung III des Gerichts der Division 177 unter der Leitung von Karl Everts führte vor allem einen unerbittlichen Kampf gegen das „Selbstverstümmler-Unwesen“. Man war bei Gericht der Überzeugung, dass durch absichtlich beigefügte Verletzungen und Selbstansteckungen, falsche Krankmeldungen oder mutwilliger Verlängerung von Heilungsprozessen in Wien massenweise der Dienst in der Wehrmacht verweigert wurde. Um solche sich selbstverletztenden Soldaten zu finden war jedes Mittel Recht, auch explizit Folter:

 

„Wenn zeitlich und örtlich bestimmte Verletzungen geradezu seuchenartig auftreten, die am Marke und an der Wehrkraft eines Volkes, welches einen Kampf auf Leben und Tod führt, rütteln, dann müssen und können auch gegebenenfalls Mittel zur Anwendung gebracht werden, die geeignet sind, derartige Verbrecher zum Sprechen zu bringen. Bei der Auswahl der Mittel kann naturgemäß nicht jener Maßstab angelegt werden, wie er in Friedenszeiten üblich ist.“

Folter in der Rossauerkaserne
Um zu den erwünschten Geständnissen zu kommen wurde die Wehrmachtsstreife in der nahen Rossauerkaserne mit speziellen Aufgaben betraut. So wurde etwa ein Netzwerk aus DenunziantInnen und SpionInnen aufgebaut, welches häufige Treffpunkte wie Schwimmbäder und Kaffeehäuser bzw. Tatorte wie Lazarette ausspähten. Auch mit den Festnahmen, Verhören und Folterungen war die Heeresstreife Groß-Wien beauftragt. Um die Kommunikation zwischen Hohenstaufengasse und Roßauer Kaserne zu vereinfachen, wurde ein Mitarbeiter des Gerichts direkt in der Kaserne stationiert.

Zentralgericht des Heeres
Das Zentralgericht des Heeres, besaß am Franz-Josefs-Kai 7-9 einen permanenten Standort von 1938 bis 1945. Mitunter firmiert es ab etwa 1944 auch unter der Adresse Hohenstaufengasse 3, wobei die genaue Funktion des Ortes für das Zentralgericht bisher unklar ist.

Durchhalten in der Hohenstaufengasse
Die Richter in der Hohenstaufengasse 3 hielten auch in den letzten Tagen bis zur Befreiung den Dienstbetrieb aufrecht. Dieser bestand zu diesem Zeitpunkt vor allem daraus, verurteilte Soldaten zur „Frontbewährung“ zu schicken, also der Österreich vom Osten her befreienden Roten Armee entgegenzuschicken. Erst rund um den 4.4.1945 dürften sich auch die letzten Richter nach Oberösterreich abgesetzt haben.

Der historische Gerichtssaal des Divisonsgerichts dient heute dem BKA als Sitzungszimmer (Quelle: Alexander Wallner)

Der historische Gerichtssaal des Divisonsgerichts dient heute dem BKA als Sitzungszimmer (Quelle: Alexander Wallner)

Der historische Gerichtssaal des Divisonsgerichts dient heute dem BKA als Sitzungszimmer (Quelle: Alexander Wallner)

Der historische Gerichtssaal des Divisonsgerichts dient heute dem BKA als Sitzungszimmer (Quelle: Alexander Wallner)

Nach 1945
Das Gebäude fiel als „Deutsches Eigentum“ der Republik Österreich zu. In den ersten Jahren wurde es von den verschiedenen militärischen Stellen verwendet, dem folgte (wie am Otto-Wagner-Platz) das Zentralbüro des European Recovery Program (ERC, „Marshall-Plan“). Nach dessen Auslaufen nutzten verschiedene Bundesstellen (Bundesverlag, Lehrmittelstelle, Fremdenverkehrswerbung, Archiv des Innenministeriums, usw.) das Gebäude. Seit 1994 wird es alleinig vom Bundeskanzleramt (Sektion III) genutzt, der ehemalige Gerichtssaal ist heute ein Sitzungszimmer.

Fallbeispiele

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Zeit: Do., 26. Oktober 2017, 11 Uhr

Ort: Gedenktafel im Donaupark

Hinweis: Es wird seitens der VeranstalterInnen heuer keinen Kranz geben. Wir bitten alle Schnittblumen der eigenen Wahl mitzunehmen um diese am Ende der Veranstaltung als Form des Gedenkens beim Denkmal abzulegen.

Es sprechen

  • Thomas Geldmacher / Obmann des Personenkomitees
  • Andrea Stangl / Vorsitzende Kulturkommission Leopoldstadt
  • Albert Dlabaja trug das Lied “Der Deserteur” (v. Rudi Burda) vor [Nachtrag 27.10.]
  • Richard Wadani / Ehrenobmann Personenkomitee [Nachtrag 27.10.]

Anfahrt: U1 bis Alte Donau, Ausgang Arbeiterstrandbadstraße, rechts halten, etwa 400 Meter Richtung Nordwesten, dann in den Donaupark einbiegen. Der Gedenkstein befindet sich auf dem parallel zur Arbeiterstrandbadstraße verlaufenden Parkweg.

Link zur Einladung als PDF: Einladung 2017.

Auch ein Video von der Gedenkfeier gibt es:

video

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