{"id":2699,"date":"2015-06-12T18:49:18","date_gmt":"2015-06-12T16:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/?p=2699"},"modified":"2015-06-12T18:49:18","modified_gmt":"2015-06-12T16:49:18","slug":"aus-aktuellem-anlass-tod-des-wehrmachtsdeserteur-david-holzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/2015\/06\/aus-aktuellem-anlass-tod-des-wehrmachtsdeserteur-david-holzer\/","title":{"rendered":"Aus aktuellem Anlass: Tod des Wehrmachtsdeserteur David Holzer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Montag, 17. Mai 2015, ist der ehemalige Wehrmachtsdeserteur David Holzer im Alter von 92 Jahren verstorben. Wir haben einen hochgesch\u00e4tzten und lieben Freund verloren.<\/strong><\/p>\n<p>Als der Nationalrat am 21. Oktober 2009 das Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz beschloss und damit erstmals in der Zweiten Republik den Wehrmachtsdeserteuren explizit Anerkennung f\u00fcr ihr Handeln aussprach, war dieses Umdenken ganz wesentlich David Holzer zu verdanken. Er hatte w\u00e4hrend der politischen Auseinandersetzung um die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure in den Jahren zwischen 2002 und 2009 wiederholt und auf beeindruckende Weise \u00f6ffentlich \u00fcber seine Entscheidung zur Desertion, \u00fcber das Leben im Untergrund, seine Verfolgung durch die Wehrmachtsjustiz, die Haft im Strafgefangenenlager B\u00f6rgermoor, den Tod seines Bruders Alois im Bew\u00e4hrungsbataillon 500 und die Hinrichtung seines Freundes Franz Stolzlechner am Wiener Milit\u00e4rschie\u00dfplatz Kagran Zeugnis abgelegt. Beide hatten mit ihm im Fr\u00fchsommer 1943 der Wehrmacht und deren verbrecherischen Kriegsf\u00fchrung den R\u00fccken gekehrt.<\/p>\n<p>David Holzer, aufgewachsen in einer Bergbauernfamilie in der Gemeinde Schlaiten im Osttiroler Iseltal, wurde im Alter von 19 Jahren in die Wehrmacht eingezogen. Gepr\u00e4gt von den christlichen Werten seines Elternhauses und motiviert von einer gr\u00fcndlichen Ablehnung der NS-Ideologie lie\u00df er bei der Vereidigung auf Adolf Hitler in Klagenfurt seine Hand h\u00e4ngen, als alle anderen sie erhoben. Als Soldat des Gebirgsj\u00e4gerregimentes 139 erlebte er in Finnland eine Massenerschie\u00dfung von 60 sowjetischen Kriegsgefangenen mit. Das Morden schockierte David Holzer zutiefst. Er sagte dazu in einem Interview im Jahr 2002: \u201eMan hat einen gewissen Widerstand entwickelt. Man hat beim Milit\u00e4r allerhand gesehen, was einem nicht gepasst hat. Die rabiate Weise mit den Gefangenen und die Unmenschlichkeit im Gesamten. Dann ist man auf den Gedanken gekommen, da machen wir nicht mehr mit.\u201c<\/p>\n<p>Auf einem Heimaturlaub in Schlaiten entschlossen sich David und Alois Holzer mit Franz Stolzlechner nicht mehr einzur\u00fccken. Stattdessen bauten sie sich in einem unzug\u00e4nglichen Graben in ihrer Heimatgemeinde ein Versteck. Mit Hilfe einiger Einheimischer und ihrer Familien blieben sie bis J\u00e4nner 1944 unentdeckt. Bei einer Besichtigung der Reste des Erdbunkers sagte David Holzer sechs Jahrzehnte sp\u00e4ter: \u201eHier habe ich Freiheit versp\u00fcrt.\u201c Im J\u00e4nner 1944 wurde Franz Stolzlechner von einem Gendarmen gestellt und angeschossen. Unter dem Druck der Gestapo auf ihre Familie stellten sich David und Alois Holzer. David nahm die \u201eSchuld\u201c an der Desertion auf sich und wurde zum Tode verurteilt, sp\u00e4ter zu 14 Jahren Haft begnadigt und mit seinem Bruder Alois in das Strafgefangenenlager B\u00f6rgermoor deportiert. Auf dem Transport wurde David in Wien Zeuge der Deportation von Juden: \u201eDa haben sie die Juden so miserabel behandelt, das war so scheu\u00dflich, das hat man nicht ausgehalten.\u201c In Gespr\u00e4chen versagte David an solchen Stellen die Stimme. Was er gesehen hatte, erschien ihm unfassbar. Ohne je Literatur \u00fcber die Shoah und die Konzentrationslager gelesen zu haben, fand er in der Beschreibung der v\u00f6lligen Entmenschlichung \u00e4hnliche Worte wie der italienische Auschwitz-\u00dcberlebende Primo Levi: \u201eIm Verh\u00e4ltnis zum Lager ist man im Bew\u00e4hrungsbataillon noch ein Mensch gewesen. Man war zwar in einem Himmelfahrtskommando, aber Mensch warst du noch. Im Lager warst Du kein Mensch.\u201c<\/p>\n<p>David und Alois Holzer \u00fcberlebten B\u00f6rgermoor. Im November 1944 wurden sie in das Wehrmachtsgef\u00e4ngnis Torgau-Fort Zinna \u00fcberstellt und dem Bew\u00e4hrungsbataillon 500 zugeteilt \u2013 als \u201eKanonenfutter\u201c f\u00fcr die R\u00fcckzugsgefechte gegen die Rote Armee. Eindr\u00fccklich schilderte David Holzer die Exekutionen von Wehrmachtsdeserteuren, denen er vor dem Abr\u00fccken an die Front zur Abschreckung beiwohnen musste. Sein Bruder Alois fiel; er \u00fcberlebte verwundet und wurde von der Roten Armee aufgelesen. Mit Soldaten der Roten Armee erlebte David die Freude \u00fcber das Kriegsende. Seine Augen funkelten, als er den Jubel der Rotarmisten nachahmte.<\/p>\n<p>Nach seiner Heimkehr st\u00fcrzte sich David Holzer in die Arbeit auf dem elterlichen Bauernhof und in der Forstwirtschaft. Mit seiner Frau Thekla zog er zehn Kinder gro\u00df. Viele Sommer lang bewirtschaftete er seine geliebte Alm. Die Erlebnisse in der Gestapo-Haft, im KZ B\u00f6rgermoor und in den F\u00e4ngen der Wehrmachtsjustiz blieben unaussprechbar, lie\u00dfen ihn jedoch nie los: \u201eMan sinniert da manchmal so leer&#8230;, weil man es einfach in einem drinnen hat, das l\u00e4sst sich nicht wegstecken,\u201c erkl\u00e4rte er uns. 1981 sah er sich verpflichtet, sich \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern. In einem Nachruf auf seinen Nachbarn Florian Pedarnig im \u201eOsttiroler Boten\u201c schilderte er die Geschichte der Desertion und bedankte sich bei ihm f\u00fcr seine sch\u00fctzende Hand: Als Ortsbauernf\u00fchrer hatte sich Pedarnig f\u00fcr die Aufhebung der Todesstrafe gegen David eingesetzt und die Verhaftung der Eltern verhindert. Uns bleibt nicht Vergleichbares aber \u00c4hnliches zu tun: Wir danken David Holzer f\u00fcr sein Vertrauen, f\u00fcr seine Bereitschaft und die Kraft, die B\u00fcrde des pers\u00f6nlichen Erinnerns auf sich zu nehmen, um die gesellschaftlichen Blockaden des Erinnerns zu \u00fcberwinden und Gerechtigkeit f\u00fcr die Wehrmachtsdeserteure zu erreichen \u2013 was nichts anderes hei\u00dft, als ein St\u00fcck weit dem Anspruch einer demokratischen Republik und einer humanen Gesellschaft gerecht zu werden, f\u00fcr die David, Alois Holzer und Franz Stolzlechner ihr Leben eingesetzt haben.<\/p>\n<p>Peter Pirker und Hannes Metzler<\/p>\n<p>f\u00fcr das Personenkomitee Gerechtigkeit f\u00fcr die Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz<\/p>\n<p>Ein Interview mit David Holzer und ein l\u00e4ngerer Text, publiziert im Osttiroler Boten im Jahr 2002, findet sich auf <a href=\"http:\/\/www.aegide.at\/de\/69\/Videos\/\">hier.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Parte-David-Holzer.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2638\" alt=\"Parte David Holzer\" src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Parte-David-Holzer.jpg\" width=\"707\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Parte-David-Holzer.jpg 707w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Parte-David-Holzer-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 707px) 100vw, 707px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montag, 17. 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