{"id":5066,"date":"2024-08-02T14:47:47","date_gmt":"2024-08-02T12:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/?page_id=5066"},"modified":"2024-09-09T14:19:29","modified_gmt":"2024-09-09T12:19:29","slug":"concordiaplatz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/concordiaplatz\/","title":{"rendered":"Gerichtsherren-Standort Concordiaplatz 1"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Geb\u00e4ude am Concordiaplatz 1 diente w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs als Dienstort des &#8220;Kommandeurs der Panzertruppen XVII&#8221; und war somit Teil des Netzwerks der nationalsozialistischen Milit\u00e4rjustiz. Heute befindet sich hier ein Amtsgeb\u00e4ude des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Concordiaplatz_cut-scaled.jpg\"><img src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Concordiaplatz_cut-scaled.jpg\" alt=\"Concordiaplatz 1, 1010 Wien, September 1942 (Bild: HMW, Sammlung Wien Museum)\" class=\"wp-image-3205\"\/><\/a><figcaption>Concordiaplatz 1, 1010 Wien, September 1942 (Bild: HMW, Sammlung Wien Museum)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Geschichte vor 1938<\/strong><br>Das Geb\u00e4ude wurde ca. 1880 von Wilhelm Stiassny auf dem Grund des alten K.K. Arsenals errichtet, das sich bis ca. 1860 an dieser Stelle befand. Stiassny war Architekt und Lokalpolitiker, sowie lange Jahre im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien t\u00e4tig. Er plante Kultst\u00e4tten, wie die alte israelitische Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs, war beteiligt an der Gesellschaft zur Sammlung j\u00fcdischer Kulturg\u00fcter, die das J\u00fcdische Museum gr\u00fcndete und war international f\u00fcr seine Synagogenbauten bekannt, u.a. der &#8220;Polnischen Schul&#8221; im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Der Concordiaplatz 1 stand laut dem Grundbuch durchgehend im alleinigen Eigentum eines Herrn Albrecht Marquis von Hohenkubin. Zeitgleich zur Geb\u00e4udeerrichtung wurde der Concordiaplatz angelegt und nach dem Schriftstellerverein Concordia benannt, der in der nahegelegenen Werdertorgasse seinen Sitz hatte.\n\n\n\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Verwendung durch Wehrmacht und NS-Milit\u00e4rjustiz<\/strong><br>In \u00d6sterreich gab es bis zum &#8220;Anschluss&#8221; an das Deutsche Reich im M\u00e4rz 1938 keine Milit\u00e4rjustiz. Diese war als Errungenschaft von 1918 in der Ersten Republik abgeschafft worden und auch dem Austrofaschismus gelang keine Wiedereinf\u00fchrung.\n\nNach dem &#8220;Anschluss&#8221; 1938 stand die Wehrmacht (und ihre Justiz) vor dem Problem, einerseits geeignete R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr die NS-Milit\u00e4rjustiz zu akquirieren und andererseits, geeignetes Personal zu finden und rasch auszubilden. F\u00fcr den Aufbau der NS-Milit\u00e4rjustiz in Wien war 18 Monate Zeit. Bis zum \u00dcberfall auf Polen war dieser Prozess abgeschlossen. Die Wehrmachtsjustiz hatte sich etabliert und zahlreiche Standorte bezogen, darunter mehrere Gerichtsstandorte, Haftanstalten und Hinrichtungsorte f\u00fcr die Exekution von Todesurteilen gegen Soldaten und Zivilist:innen. W\u00e4hrend des Krieges wurde das Netzwerk der NS-Milit\u00e4rjustiz in Wien weiter ausgebaut und war schlussendlich an zwei Dutzend Standorten aktiv.\n\nDie NS-Milit\u00e4rjustiz verh\u00e4ngte w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile, darunter gegen Soldaten, Kriegsgefangene und Zivilist:innen, insbesondere aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in ganz Europa. Die meisten Todesurteile ergingen gegen Deserteure und &#8220;Wehrkraftzersetzer&#8221;. Viele tausend weitere Soldaten starben nach kriegsgerichtlichen Urteilen in sogenannten Bew\u00e4hrungseinheiten an der Front.\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Concordiaplatz_Akt.jpg\"><img src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Concordiaplatz_Akt.jpg\" alt=\"Faksimile, Ermittlungsakt gegen J. B., vom Juli 1943 \n(Aktenquelle: \u00d6STA\/DWM\/Ger)\" class=\"wp-image-3205\"\/><\/a><figcaption>Faksimile, Ermittlungsakt gegen J. B., vom Juli 1943 <br>\n(Aktenquelle: \u00d6STA\/DWM\/Ger)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens ab 1943 bezog der Kommandeur der Panzertruppe XVII den Standort Concordiaplatz, was sich nicht zuletzt aus den ab diesem Zeitpunkt hier unterzeichneten Urteilen ablesen l\u00e4sst. Aus der Zeit existieren zudem Aufnahmen des Geb\u00e4udes, die es als milit\u00e4risch gesichert und bewacht zeigen. Die Zahl XVII bezieht sich auf den Wehrkreis XVII, der in etwa aus den heutigen Bundesl\u00e4ndern Wien, Nieder- und Ober\u00f6sterreich bestand. Bei diesem Verband handelte sich um einen Verband des Ersatzheeres, zust\u00e4ndig f\u00fcr Rekrutierung, Ausbildung und Versorgung. \u00dcber die Menge an Verfahren \u2013 und damit auch die Menge der Todesurteile \u2013 lassen sich in Ermangelung von Forschung zu diesem Standort bzw. diesem Verband aus heutiger Sicht keine gesicherten Angaben machen.<\/p>\n\n\n\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Die NS-Milit\u00e4rjustiz und seine Gerichtsherren<\/strong><br>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Struktur der NS-Milit\u00e4rjustiz ist entscheidend, dass es ab 1939 keinen Instanzenzug gab. Das bedeutet, dass Berufungen nicht m\u00f6glich waren, Gnadengesuche in der Regel aussichtslos waren und alleine der \u00fcbergeordnete Gerichtsherr ausschlaggebend war. Kommandanten, also die tats\u00e4chlichen Befehlshaber der Streitkr\u00e4fte, waren auf zweierlei Weise zentral in die Gerichtsbarkeit eingebunden: Erstens als alleinige Autorit\u00e4t in der Disziplinarstrafordnung, da der Kommandant der jeweiligen Einheit sowohl im Krieg als auch im Frieden weitreichende Straf- und Disziplinierungsbefugnisse hatte. Zweitens pr\u00fcfte der Kommandant der Einheit alle Gerichtsurteile der ihm untergeordneten Gliederungen. \n<div>&nbsp;<\/div>\nDer Gerichtsherr war in der Strafgerichtsbarkeit &#8220;Herr des Verfahrens&#8221; und &#8220;Tr\u00e4ger der Gerichtsbarkeit&#8221;. Der Gerichtsherr leitete das Verfahren ein, wies es Gericht und Richter zu und pr\u00fcfte die ergangenen Entscheidungen. Ein Richter des mit der Ermittlung und Verhandlung betrauten Gerichtes erstellte dem Gerichtsherrn dazu ein Rechtsgutachten. Der Gerichtsherr hatte anschlie\u00dfend die M\u00f6glichkeit, das Urteil aufzuheben, zu best\u00e4tigen, neu verhandeln zu lassen oder an eine \u00fcbergeordnete Stelle weiterzuleiten. Dem Gerichtsherrn bot sich damit gro\u00dfer Handlungsspielraum. \n<div>&nbsp;<\/div>\nSchon vor dem Prozess bestimmte der Gerichtsherr Ankl\u00e4ger, Richter und Verteidiger und \u00fcbte auch auf diese Weise massiven Einfluss auf das Verfahren aus. Bei schwereren Delikten wurden in den Prozess auch h\u00f6here F\u00fchrungsebenen beigezogen. \n<div>&nbsp;<\/div>\nDie NS-Milit\u00e4rjustiz war f\u00fcr alle Soldaten (einschlie\u00dflich der Luftwaffe und Kriegsmarine), Wehrmachtsbeamt:innen, Wehrpflichtigen im Beurlaubtenstand (&#8220;Heimaturlaub&#8221;), Verwundeten w\u00e4hrend der Genesung, nichtmilit\u00e4rischen Angeh\u00f6rigen einer Dienststelle sowie in Kriegszeiten Personen des Gefolges, Kriegsgefangenen und, in besonderen F\u00e4llen, auch f\u00fcr Zivilist:innen, zust\u00e4ndig. Somit wurden auch Frauen systematisch zu Opfern der NS-Milit\u00e4rjustiz.\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Fallbeispiel<\/strong><br>Am 14. Juni 1943 meldete die Bahnhofswachkompanie am Pressburgerbahn-Bahnhof (heute Wien Mitte) an die Streifenabteilung Gro\u00df-Wien und deren Kommandeur, beide in der Rossauerkaserne, dass sie an diesem Tag B. am Bahnhof festgenommen haben. Die Verhaftung wurde der Wehrmachtskommandantur Wien, Abt. Ib\/D, Universit\u00e4tsstra\u00dfe, gemeldet und B. von dieser Abteilung am 15. Juni verh\u00f6rt, wobei unklar bleibt, wo dieses Verh\u00f6r stattfand. Zur Auswahl stehen mehrere Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnisse, die Rossauerkaserne oder der Standort der Wehrmachtskommandantur Wien in der Universit\u00e4tsstra\u00dfe 7. \n<div>&nbsp;<\/div>Im Verh\u00f6r gab B. an, nach seinem Urlaub seine Einheit, die nun in M\u00f6dling war, nicht gefunden zu haben. Daraufhin habe er seinen Urlaubsschein so manipuliert, dass er zwei Wochen l\u00e4nger Urlaub hatte. Das Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis X (Wien, Favoriten) meldete am 16. Juni 1944, dass B. am Vortag eingeliefert worden sei. Das Verfahren endete mit mehreren Monaten Gef\u00e4ngnis, das zur Frontbew\u00e4hrung ausgesetzt wurde, wobei vier Wochen Arrest im Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis II (Wien, Leopoldstadt) abzuleisten waren. Das Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis II meldete an das Gericht:\nWehrmachuntersuchungsgef\u00e4ngnis Wien, Zweigstelle Wien II, Albrechtskaserne\nSt.L. I 145\/43 Wien, den 8. Juli 1943<div>&nbsp;<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>An das Gericht der Division 177, Wien VI. Es wird mitgeteilt, dass Gefr. B. Joh., 1.Pz.Ers.Ausb.Abt. 4, Wien M\u00f6dling, am 7. Juli, 18:00 Uhr zur Strafverb\u00fcssung in das Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis eingeliefert wurde. Strafbeginn: 1.Juli, 0:00, Strafende: 28.Juli, 24:00, Strafe: 4 Wochen gesch. Arrest.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Danach wurde B. zur Frontbew\u00e4hrung einer Einheit zugeteilt. Beim Best\u00e4tigungsverfahren des Urteils, das im Rundlauf vom Gericht zur Einheit, weiter zum Gerichtsherrn und zur\u00fcck zum Gericht geht, zeichnete das Urteil ein &#8220;Kommandeur der Panzertruppen XVII&#8221;, Concordiaplatz 1 ab.<\/p>\n\n\n\nQuelle: Verfahren I 155\/43 vor dem Gericht der Wehrmachtskommandantur Wien und I 557\/1943 vor dem Gericht der Division 177. In: \u00d6StA\/AdR, DWM\/Gerichtsakten Div. 177, Kt. 4, Akt 90\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Aufarbeitung und Gedenken<\/strong><br>Lange Zeit spielte die Darstellung der Geb\u00e4udegeschichte mit Bezug auf die Verwendung w\u00e4hrend des Nationalsozialismus f\u00fcr die das Geb\u00e4ude n\u00fctzenden Ministerien keine Rolle. Die Verwendung des Geb\u00e4udes durch die Wehrmacht f\u00fcr Zwecke der Milit\u00e4rjustiz und der Organisation der nationalsozialistischen Angriffskriege wurden von Seiten der Ministerien nicht \u00f6ffentlich thematisiert. Seit den 2010er Jahren kommt es zu einem schrittweisen Umdenken: Die Ministerien setzen sich zunehmend umfassender mit der eigenen Geb\u00e4udegeschichte auseinander.\n<div>&nbsp;<\/div>\nAm 29. August 2024 wurde vom Bundesminister f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Forschung, Ao. Univ.-Prof. Dr. Martin Polaschek, <a href=\"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/2024\/09\/gedenktafel-enthuellung-concordiaplatz-29-august-2024\/\">eine Gedenktafel am Geb\u00e4ude enth\u00fcllt<\/a>, die die NS-Geschichte des Geb\u00e4udes detailliert darstellt.\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"682\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5174\" srcset=\"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-682x1024.jpg 682w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-768x1153.jpg 768w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-1023x1536.jpg 1023w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-1364x2048.jpg 1364w, https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/106_BMBWF_Gedenktafel-1-scaled.jpg 1705w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a><figcaption>BMBWF\/\u00a9<a href=\"http:\/\/eap.at\/\">eap.at<\/a>\u00a0<\/figcaption><\/figure>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Geb\u00e4ude am Concordiaplatz 1 diente w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs als Dienstort des &#8220;Kommandeurs der Panzertruppen XVII&#8221; und war somit Teil des Netzwerks der nationalsozialistischen Milit\u00e4rjustiz. 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