{"id":4890,"date":"2022-12-18T15:48:29","date_gmt":"2022-12-18T14:48:29","guid":{"rendered":"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/?page_id=4890"},"modified":"2023-02-19T16:55:01","modified_gmt":"2023-02-19T15:55:01","slug":"gericht-stubenring","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/verfolgungsorte\/gericht-stubenring\/","title":{"rendered":"Gericht der Division 177, Standort Stubenring"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div><span style=\"color: #b78847;\"><strong>Gericht der Division 177, Standort Stubenring<\/strong><\/span><\/div>\n<p><strong>Im ehem. Kriegsministerium (heutiges Regierungsgeba\u0308ude) am Stubenring 1, befanden sich 1938 bis 1945 eine ganze Reihe von f\u00fcr die Etablierung der Wehrmachtsjustiz wichtige Stellen und Gerichte. In diesem Geb\u00e4ude wurde das Netzwerk der NS-Milit\u00e4rjustiz in \u00d6sterreich und Wien aufgebaut und \u00fcber sieben Jahre lang betrieben.<\/strong><\/p>\n\n<div id=\"attachment_3205\" style=\"width: 2215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/OEGZ_H4830_1-scaled.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3205\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3205\" src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/OEGZ_H4830_1-scaled.jpg\" alt=\"Die deutsche Wehrmacht bezieht im M\u00e4rz 1938 das ehemalige Kriegsministerium am Stubenring (Bild: Verein f\u00fcr Geschichte der ArbeiterInnenbewegung\/Albert Hilscher)\" width=\"2205\" height=\"492\"><\/a><p id=\"caption-attachment-3205\" class=\"wp-caption-text\">Die deutsche Wehrmacht bezieht im M\u00e4rz 1938 das ehemalige Kriegsministerium am Stubenring (Bild: Verein f\u00fcr Geschichte der ArbeiterInnenbewegung\/Albert Hilscher)<\/p><\/div>\n\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Geschichte vor 1938 <\/strong><br>Das Geb\u00e4ude wurde 1913 als k.u.k. Reichskriegsministerium errichtet und blieb auch nach der Ausrufung der Republik im Herbst 1918 in milit\u00e4rischer Verwendung. Als \u201eLiquidierendes Kriegsministerium\u201c war es f\u00fcr die Demobilisierung der k.u.k. Armee und danach als \u201eStaatsamt f\u00fcr Heereswesen\u201c f\u00fcr den Aufbau des Bundesheers der Ersten Republik verantwortlich. Im Jahr 1924 nahm die Radio-Verkehrs AG (kurz RAVAG), die erste \u00f6sterreichische Rundfunkgesellschaft, ihren Betrieb auf. W\u00e4hrend des Austrofaschismus stand der Stubenring 1 einige Male im Brennpunkt \u00f6sterreichischer Politik, unter anderem wurde hier Kurt Schuschnigg zum Nachfolger des ermordeten Bundeskanzlers Engelbert Dollfu\u00df ernannt. <\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Nach dem \u201eAnschluss\u201c<\/strong><br>Mit 1. April 1938 zogen das Generalkommando des XVII. Armeekorps (A.K.) und die Kommandantur des Wehrkreises XVII mit ihren jeweiligen St\u00e4ben und Abteilungen \u2013 darunter das Gericht des XVII. A.K. \u2013 in das ehemalige Kriegsministerium ein. Die Juristen am Stubenring etablierten in kurzer Zeit eine politisch willf\u00e4hrige Justiz und schworen Richter, Justizbeamte und Offiziere auf die kommenden Eroberungskriege und den Vollzug der neuen Rechtsordnung ein. <br>\n<div>&nbsp;<\/div>\n\n<div id=\"attachment_3205\" style=\"width: 2215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dd_sturi_03.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3205\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3205\" src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dd_sturi_03.png\" alt=\"Briefkopf des Gerichts der Division 177, Standort Stubenring (Quelle: D\u00d6W)\" width=\"2205\" height=\"492\"><\/a><p id=\"caption-attachment-3205\" class=\"wp-caption-text\">Briefkopf des Gerichts der Division 177, Standort Stubenring (Quelle: D\u00d6W)<\/p><\/div>\n\n<div><strong>Aufbau der NS-Milit\u00e4rjustiz<\/strong><br>\nIn \u00d6sterreich standen 18 Monate zur Verf\u00fcgung, um eine Milit\u00e4rjustiz zu etablieren und diese entsprechend auf die Kriegserfordernisse vorzubereiten. Das Gericht des XVII. A.K. trug dabei die Hauptverantwortung. Die Berufungsinstanz wurde zweckentfremdet und in ein Konditionierungs- und Radikalisierungsinstrument umgebaut.<br><div>&nbsp;<\/div>\nNach Kriegsbeginn im September 1939 wurde das Gericht der Division 177 am Stubenring 1 etabliert. Au\u00dferdem hatten der Oberstkriegsgerichtsrat des Dienstaufsichtsbezirks 4 im Geb\u00e4ude seinen Dienstort, weiters der Sachbearbeiters fu\u0308r den Reichkriegsanwalt und die Korps- bzw. Divisions-Stab und -Kommandantur in ihrer Funktion als Gerichsherren.<br><div>&nbsp;<\/div>\nDer Platzbedarf des Gerichtes der Division 177 war mit Sicherheit hoch, da es erstinstanzlich urteilte und daher auch alle weiteren Verfahrensschritte \u2013 bis hin zur Korrespondenz mit Wehrmachtgef\u00e4ngnissen und Feldstrafgefangenenabteilungen \u00fcber den Strafvollzug \u2013 zu \u00fcberwachen hatte. Es ist anzunehmen, dass die Einrichtung eines zweiten Gerichtsstandortes am Loquaiplatz zwischen 1940 und 1942 dem immer dramatischer werdenden Platzmangel am Stubenring geschuldet war, w\u00e4hrend die \u00dcbersiedlung einer Abteilung des Gerichtes in die Hohenstaufengasse wohl durch die Konzentrierung auf die Verfolgung der sogenannten Selbstverst\u00fcmmlerseuche begr\u00fcndet wurde.<br><div>&nbsp;<\/div>\nDer ebenfalls am Stubenring 1 angesiedelte Oberstkriegsgerichtsrat des Dienstaufsichtsbezirks (DAB) 4 war in Gerichtsbelangen f\u00fcr die Wehrkreise XVII und XVIII zust\u00e4ndig. Er koordinierte den Aufbau der NS-Milit\u00e4rjustiz in den Wehrkreisen XVII und XVIII, wozu nicht nur die Kl\u00e4rung und Organisation von Abl\u00e4ufen und Zust\u00e4ndigkeiten z\u00e4hlte, sondern auch die Auswahl, Bestellung und Zuteilung von Richtern. Im ersten Halbjahr 1943 war der Oberstkriegsgerichtsrat im DAB 4 f\u00fcr mindestens f\u00fcnf Gerichte und \u00fcber 60 Richter in sieben St\u00e4dten zust\u00e4ndig.<br><div>&nbsp;<\/div>\n\n<div id=\"attachment_3205\" style=\"width: 2215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/E3-0528-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3205\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3205\" src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/E3-0528-Kopie.jpg\" alt=\"Gener\u00e4le des \u00f6sterreichischen Bundesheeres werden 1938 im Marmorsaal des Kriegsministeriums, der sp\u00e4ter dem Gericht als Verhandlungssaal diente, in die Wehrmacht \u00fcbernommen und vereidigt. (Bild: Verein f\u00fcr Geschichte der ArbeiterInnenbewegung\/Albert Hilscher)\" width=\"2205\" height=\"492\"><\/a><p id=\"caption-attachment-3205\" class=\"wp-caption-text\">Gener\u00e4le des \u00f6sterreichischen Bundesheeres werden 1938 im Marmorsaal des Kriegsministeriums, der sp\u00e4ter dem Gericht als Verhandlungssaal diente, in die Wehrmacht \u00fcbernommen und vereidigt. (Bild: Verein f\u00fcr Geschichte der ArbeiterInnenbewegung\/Albert Hilscher)<\/p><\/div>\n<div><strong>Reichskriegsgericht und Gerichtsherren<\/strong><br>\nDas Reichskriegsgericht (RKG) verfu\u0308gte u\u0308ber eine fix bestellte Reichskriegsanwaltschaft unter einem Oberreichskriegsanwalt. Vorarbeiten und -erhebungen zu RKG-Verfahren betreffend die Wehrkreise XVII und XVIII vor dem RKG wurden in Wien erledigt. Dabei kamen verschiedene Richter als (Rechts-)Gutachter und Untersuchungsfu\u0308hrer zum Einsatz.<br><div>&nbsp;<\/div>\nAm Stubenring 1 residierten weiters die Befehlshaber \u2013 und damit die Gerichtsherren \u2013 des Wehrkreises XVII. Diese Funktion wurde zwischen 1938 und 1945 von vier Generalen ausge\u00fcbt \u2013 Werner Kienitz, Otto von St\u00fclpnagel, Alfred Streccius und Albrecht Schubert.<br><div>&nbsp;<\/div>\nAls letzte Beh\u00f6rde, die am Stubenring 1 mit der Verfolgung von milit\u00e4rischen Delikten befasst war, ist die Abwehrstelle XVII (ASt XVII) zu nennen, die als milit\u00e4rischer Geheimdienst eigentlich f\u00fcr Spionageabwehr zust\u00e4ndig war und im 4. Stock untergebracht war. Sie brachte Verfahren ins Rollen, indem sie verd\u00e4chtige Wehrmachtsangeh\u00f6rige bei der Wehrmachtsstreife oder direkt bei Gericht anzeigte, und gab im weiteren Verlauf dieser Verfahren auch politische Einsch\u00e4tzungen zu den Beschuldigten ab.\n<\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Der \u201eheldenhafte Offizierswiderstand\u201c am Stubenring<\/strong><br>Das ehemalige Kriegsministerium spielte sowohl bei der Operation \u201eWalk\u00fcre\u201c als auch bei den sp\u00e4teren Aktionen \u201eHerbstlaub 44\u201c und \u201eRadetzky\u201c des milit\u00e4rischen Widerstands eine Rolle. Nach dem Scheitern von \u201eWalk\u00fcre\u201c (also der geplante Putsch nach einem gelungenen Attentat auf Adolf Hitler) konzentrierte man sich auf die von Major Carl Szokoll, Ordonnanzoffizier beim Stv. Generalkommando des XVII. A.K. am Stubenring 1, f\u00fcr Herbst 1944 (daher der Name \u201eHerbstlaub 44\u201c) erwartete Befreiung durch die Alliierten. Daraus wurde aber nichts, und so sandte Szokoll Anfang April 1945 im Rahmen der \u201eOperation Radetzky\u201c seinen Vertrauten, Oberfeldwebel Ferdinand K\u00e4s, zur Roten Armee, um Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten bei der bevorstehenden Besetzung Wiens zu besprechen. Die Kollaboration wurde jedoch verraten, SD und SS st\u00fcrmten den Stubenring &#8211; das vermeintliche Zentrum des milit\u00e4rischen Widerstands &#8211; und die Rote Armee musste Wien allein befreien. \n<\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Befreiung 1945<\/strong><br>\nDer Stubenring 1 war schon im M\u00e4rz 1945 von einer Bombe getroffen worden und wurde in den letzten Kriegstagen auch noch Opfer eines Gro\u00dfbrandes. Dennoch koordinierte das Wehrkreiskommando von hier aus in Absprache mit der Stadtkommandantur in der Universit\u00e4tsstra\u00dfe 7 die Verteidigung der Stadt und die Evakuierungsma\u00dfnahmen der Wehr- macht.\n<\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Nach 1945<\/strong><br>\nDas Geb\u00e4ude wurde 1946 an die Republik zur\u00fcckgestellt. Es war so schwer besch\u00e4digt, dass man eine Komplettabtragung erwog aber verwarf. Die Wiederherstellung und Erweiterung des Bauwerkes um zwei Etagen dauerte drei, die Rekonstruktion der Inneneinrichtung weitere zehn Jahre. Schlie\u00dflich entpuppte sich das Haus als zu gro\u00df f\u00fcr die milit\u00e4rischen Bed\u00fcrfnisse der Zweiten Republik, weshalb das Amt f\u00fcr Landesverteidigung, die \u00dcbernahme ablehnte. Der Geb\u00e4udekomplex steht heute im Besitz des Wirtschaftsministeriums, wird von der Burghauptmannschaft \u00d6sterreich verwaltet und dient, drei Bundesminister:innen als Amtssitz.\n<\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><strong>Aufarbeitung und Gedenken<\/strong><br>\nLange Zeit spielte die Darstellung der Geb\u00e4udegeschichte mit Bezug auf die Verwendung w\u00e4hrend dem Nationalsozialismus f\u00fcr die das Geb\u00e4ude n\u00fctzenden Ministerien keine Rolle. Anschluss, Funktion f\u00fcr die Milt\u00e4rjustiz oder f\u00fcr die nationalsozialistischen Angriffskriege kamen nicht vor. Seit 2010er Jahren kommt es zu einem schrittweisen Umdenken \u2013 Ministerien stellen sich der Geb\u00e4udegeschichte umfassender. \n\nAm 23. J\u00e4nner 2023 wurde durch die Bundesminister:innen Alma Zadi\u0107, Johannes Rauch, Norbert Totschnig und Martin Kocher eine Gedenktafel am Geb\u00e4ude enth\u00fcllt, die die NS-Geschichte des Geb\u00e4udes umfassend darstellt.<\/div><\/div><\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div id=\"attachment_3205\" style=\"width: 2215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/20230123_19.12.27_810_4872-scaled.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3205\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3205\" src=\"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/20230123_19.12.27_810_4872-scaled.jpg\" alt=\" Seit J\u00e4nner 2023 h\u00e4ngt eine Gedenktafel am Regierungsgeb\u00e4ude Stubenring (Bild: Lorenzo Vincentini)\" width=\"2205\" height=\"492\"><\/a><p id=\"caption-attachment-3205\" class=\"wp-caption-text\">Seit J\u00e4nner 2023 h\u00e4ngt eine Gedenktafel am Regierungsgeb\u00e4ude Stubenring (Bild: Lorenzo Vincentini)<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gericht der Division 177, Standort Stubenring Im ehem. 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