{"id":2693,"date":"2015-06-12T18:39:32","date_gmt":"2015-06-12T16:39:32","guid":{"rendered":"http:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/?page_id=2693"},"modified":"2016-05-22T17:47:01","modified_gmt":"2016-05-22T15:47:01","slug":"wug-vii-fallbeispiel-mathias-b","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/deserteursdenkmal.at\/wordpress\/verfolgungsorte\/wug-vii\/wug-vii-fallbeispiel-mathias-b\/","title":{"rendered":"WUG Neubau \u2013 Fallbeispiel (Mathias B.)"},"content":{"rendered":"<div><span style=\"color: #b78847;\"><strong>Fallbeispiel zum WUG VII: Mathias B.<br \/>\n<\/strong><\/span><\/div>\n<p>Mathias B. wurde 1914 geboren und wuchs in Schattendorf, einer kleinen Gemeinde nahe der ungarischen Grenze auf. Er besuchte acht Klassen der Volksschule, danach arbeitete er als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und auch im Stra\u00dfenbau. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, nach zwei Monaten Ausbildung kam er zu den Pionieren. Von seinen Vorgesetzten wurde er als \u201eunsoldatisch\u201c beschrieben und fasste auch schon nach sechs Wochen eine Strafe aus weil er w\u00e4hrend dem Wachdienst gesessen statt gestanden ist und so getan hat als w\u00e4re seine Waffe kaputt. Wohl wegen seinem Desinteresse f\u00fcr \u201edas Soldatische\u201c wurde er zeitweise auch als Hilfskoch und \u00c4hnlichem eingesetzt. Nichtsdestotrotz bekam der damals 26-j\u00e4hrige Mathias B. einiges zu sehen: Er machte verschiedene Offensiven der Wehrmacht mit, etwa die \u00dcberf\u00e4lle auf Belgien und auf Frankreich. Sp\u00e4ter kam er auch in den Osten, also ins besetzte Polen und sp\u00e4ter auch nach Russland.<\/p>\n<p>Immer wieder befand sich Mathias B. in der \u201eHeimat\u201c, also in Wien oder Umgebung. Von J\u00e4nner bis Mai 1942 wurde etwa seine Einheit in Wien aufgefrischt, im Oktober 1943 erkrankte er und bekam Erholungsurlaub in der N\u00e4he seiner Familie. Insgesamt dreimal geriet er deswegen mit der Milit\u00e4rjustiz in Konflikt. An einem Wochenende im M\u00e4rz 1942 hatte er Wochenendurlaub, konnte also die Kaserne verlassen. Er reiste nach Wien und traf FreundInnen. Auf der R\u00fcckfahrt in die Kaserne bemerkte er, dass er seinen Wehrpass \u2013 also das wichtigste Dokument eines Soldaten \u2013 verloren hatte. Er fuhr zur\u00fcck und suchte es im Gebiet rund um den Franz-Josefs-Bahnhof, wo er in einem Hotel geschlafen hatte. Er fand es nicht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Verlust des Soldbuches besch\u00e4ftigte mich so sehr, dass ich, ohne sofort eine Meldung zu machen, wieder zur\u00fcck fuhr. Ich habe am Bahnhof und im Hotel nach dem Soldbuch gefragt. Dass ich das Soldbuch nicht wiederfand, ging mir immer im Kopf herum und ich traute mich nicht einr\u00fccken. Ich ging den ganzen Tag durch die Strassen Wiens und habe auch von Montag auf Dienstag nicht geschlafen. Ich bin immer herumgelaufen, wie ein Irrsinniger.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt war seine Abwesenheit in der Kaserne l\u00e4ngst angezeigt worden, die Maschinerie der Wehrmachtsjustiz suchte nach ihm. Da ihn mehrere Mitsoldaten gesehen hatten (<em>\u201eB., der auf mich den Eindruck eines vollkommen verst\u00f6rten Menschen machte, sagte bloss ich solle ihn&#8230;. Ich sah, dass mit B. nichts anzufangen war und stieg wieder in die Strassenbahn ein.\u201c<\/em>) war das nicht allzuschwer: Er wurde von der Wehrmachtsstreife verhaftet, verh\u00f6rt, in eines der Wiener Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis eingeliefert und am 11.3.1942 vom Gericht der Division 177 zu 5 Wochen gesch\u00e4rften Arrest verurteilt. Das Urteil selbst war tats\u00e4chlich recht milde, zum Verh\u00e4ngnis wurde Mathias B. vielmehr, dass das Urteil \u201e<em>zur Frontbew\u00e4hrung ausgesetzt wurde<\/em>\u201c. Das hei\u00dft: Er musste an der Front Dienst tun und an gef\u00e4hrlichen Eins\u00e4tzen (f\u00fcr die er keine Eignung hatte) teilnehmen.<\/p>\n<p>Bis Ende 1943 gelang es ihm offenbar hier mitzumachen, dann wurde er krank und durfte wieder in die N\u00e4he von Wien um sich zu erholen. Als er wieder an die Front kommen sollte \u201everl\u00e4ngerte\u201c er einen Wochenendurlaub um ein paar Tage:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch wollte \u00fcber Sonntag dort bleiben und am Montag fr\u00fch um 4 Uhr wegfahren, vers\u00e4umte aber den Zug und da ich ja ohnehin nicht mehr rechtzeitig zur Truppe kommen konnte, blieb ich noch zu Hause bis ich am Freitag den 4.2.1944 in meiner Wohnung festgenommen wurde.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diesmal wurde er ins WUG XIX (Wien-D\u00f6bling) eingeleifert und sa\u00df dort bis Ende Februar 1943, das Urteil lautete dann auf sechs Monate, er aber sofort wieder zur \u201eFrontbew\u00e4hrung\u201c. Den Transport zur Front verpasste er jedoch, da er \u2013 Zufall oder nicht \u2013 w\u00e4hrend der Zugfahrt zur Kaserne krank wurde und wieder zur seiner Frau zur\u00fcckfuhr. Dort wurde er nun zum dritten Mal festgenommen, diesmal ins WUG VII (Wien-Neubau) gebracht und am 29.3.1944 dann erneut vom Gericht der Division 177 verurteilt. Diesmal musste er seine Frontbew\u00e4hrung aber in einer \u201eFeldstrafgefangenenabteilung\u201c ableisten. Vom WUG VII wurde er im April 1944 ins das Wehrmachtsgef\u00e4ngnis Glatz \u00fcberstellt, im Mai dann zur Feldstrafgefangenenabteilung 4.<\/p>\n<p>Schon drei Monate sp\u00e4ter war er vermisst. Der letzte Eintrag in seinem Akt lautet: \u201e<em>B. ist bei Lapkowa (Estl. Nordfront) am 8.8. vermisst!<\/em>\u201c. Das Schattendorfer Kriegerdenkmal f\u00fchrt seinen Namen nicht.<\/p>\n<p><em>Rechtliche Anmerkung: Der Akt zu B. liegt im <a href=\"http:\/\/www.oesta.gv.at\/\">\u00d6strerreichischen Staatsarchiv<\/a>. Die Auslegung des Archivgesetzes und des Datenschutzgesetzes durch das <em>\u00d6strerreichische Staatsarchiv l\u00e4sst es nicht zu den Namen von Mathias B. ganz zu nennen wenn nicht dessen Tod bewiesen ist. Obwohl B. seit 71 Jahren vermisst ist (Stand 2015) gelang es uns nicht bei den betreffenden Stellen in Wien, dem Burgenland und der Heimatgemeinde den verlangten Todesnachweis dem <em>\u00d6sterreichischen Staatsarchiv<\/em> beizubringen.<\/em><\/em><\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fallbeispiel zum WUG VII: Mathias B. Mathias B. wurde 1914 geboren und wuchs in Schattendorf, einer kleinen Gemeinde nahe der ungarischen Grenze auf. 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